Deutschland hat dieser Tage etwas zutiefst Beruhigendes erlebt: Der Bundeskanzler trat vor ein Publikum und erklärte mit ernster Miene, dass Stabilität unglaublich wichtig sei. Das war ungefähr so, als würde ein Kapitän auf einem brennenden Kreuzfahrtschiff durchsagen, man müsse jetzt vor allem Ruhe bewahren und den Whirlpool nicht unnötig belasten.
Der Auftritt in Würzburg begann zunächst sehr feierlich. Große Bühne. Ernsthafte Gesichter. Menschen in Sakko. Menschen mit Namensschildern. Menschen, die aussehen, als würden sie freiwillig Podiumsdiskussionen über Verwaltungsmodernisierung besuchen.
Dann kam Friedrich Merz.
Ein Mann, der inzwischen den Gesichtsausdruck perfektioniert hat, den man normalerweise nur bei Familienvätern sieht, die gerade festgestellt haben, dass die Gartenhütte „ganz schnell und einfach“ ohne Anleitung aufgebaut werden sollte.
Der Kanzler sprach über Zusammenhalt, politische Kultur und das große Ganze. Währenddessen dachte halb Deutschland vermutlich:
„Könnten wir vielleicht erstmal das kleine Ganze hinbekommen?“
Denn die politische Lage erinnert aktuell weniger an eine stabile Regierung als an einen Altbauaufzug aus den siebziger Jahren. Er fährt grundsätzlich noch. Niemand weiß warum. Und jedes Mal beim Einsteigen schaut man kurz nach oben und fragt sich, ob das Geräusch normal war.
Besonders beeindruckend war die Botschaft, man müsse wieder mehr miteinander reden.
Deutschland liebt diesen Satz.
Seit Jahren reden hier nämlich alle miteinander. Ununterbrochen. Rund um die Uhr. In Talkshows. In Podcasts. In Leitartikeln. In Expertenrunden. In Krisengipfeln. Vermutlich diskutieren inzwischen sogar Waschmaschinen politisch miteinander, bevor sie den Schleudergang starten.
Das Problem ist nur:
Während geredet wird, passiert oft ungefähr so viel wie in einer Warteschleife beim Bürgeramt.
Der Kanzler wirkte dennoch optimistisch. Er erklärte sinngemäß, dass politische Meinungsverschiedenheiten normal seien.
Normal?
In Berlin hat Streit inzwischen einen eigenen Stundenplan.
Montag:
Koalitionspartner kritisieren sich gegenseitig.
Dienstag:
Jemand fordert „mehr Geschlossenheit“.
Mittwoch:
Eine Partei fühlt sich missverstanden.
Donnerstag:
Krisensitzung.
Freitag:
Alle erklären, wie hervorragend die Zusammenarbeit funktioniere.
Samstag:
Irgendwo tritt Markus Söder vor ein Mikrofon.
Sonntag:
Talkshow-Spezial „Ist Deutschland noch regierbar?“
Der eigentliche Höhepunkt kam jedoch, als der Kanzler die Demokratie lobte. Sie sei zwar langsam, aber immer noch die beste Lösung.
Langsam ist in Deutschland allerdings eine Untertreibung.
Der deutsche Staat bewegt sich ungefähr mit der Geschwindigkeit eines Kühlschranks auf Rollschuhen im Gegenwind.
Andere Länder bauen Hochgeschwindigkeitszüge.
Deutschland diskutiert erst einmal drei Jahre darüber, ob das Gleis eine ausreichende emotionale Bürgerbeteiligung erfahren hat.
In manchen Behörden gilt bereits als rasante Digitalisierung, wenn das Faxgerät neuerdings auf einem ergonomischen Tisch steht.
Trotzdem sprach Merz voller Überzeugung von Stabilität. Und tatsächlich:
Es gibt vermutlich kein Land der Welt, das so stabil über seine eigenen Probleme diskutiert wie Deutschland.
Hier wird selbst der Untergang organisiert.
Wenn irgendwo Chaos ausbricht, gründet man zuerst einen Arbeitskreis.
Dann einen Unterarbeitskreis.
Dann einen Expertenrat.
Dann eine Kommission zur Evaluation des Expertenrats.
Bis Ergebnisse vorliegen, ist das Problem entweder verschwunden oder in Rente gegangen.
Mitten in die Rede platzten plötzlich Klimaaktivisten hinein. Banner wurden hochgehalten, Menschen riefen Parolen, Sicherheitskräfte wurden hektisch.
Für deutsche Veranstaltungen ist das inzwischen ungefähr so überraschend wie Regen im November.
Einige Zuschauer reagierten empört.
Andere genervt.
Wieder andere nutzten die Gelegenheit vermutlich kurz für einen Toilettengang.
Die Aktivisten selbst wirkten hochmotiviert. Deutschland erlebt damit weiterhin ein faszinierendes gesellschaftliches Schauspiel:
Menschen kleben sich irgendwo fest, während andere Menschen darüber diskutieren, ob die Festklebenden demokratiegefährdend, heldenhaft oder einfach nur extrem anstrengend seien.
Der Kanzler ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Zumindest äußerlich.
Innerlich dürfte er allerdings kurz denselben Gesichtsausdruck gehabt haben wie ein Restaurantbesitzer, der gerade sieht, wie ein Kleinkind mit Filzstift auf die Speisekarte malt.
Währenddessen ging die politische Debatte natürlich sofort weiter.
Zu laut.
Zu aggressiv.
Zu wenig Ergebnisse.
Zu wenig Zusammenhalt.
Deutschland hat inzwischen eine derart hohe Diskussionsdichte erreicht, dass man vermutlich bald Strom daraus erzeugen könnte.
Jede Woche entsteht mindestens eine neue Grundsatzdebatte.
Oft völlig zufällig.
Jemand sagt „Wärmepumpe“ – drei Tage Ausnahmezustand.
Jemand sagt „Dienstwagen“ – vier Talkshows explodieren gleichzeitig.
Jemand sagt „Migration“ – halb Twitter verwandelt sich innerhalb von acht Minuten in ein brennendes Parkhaus.
Und mitten in diesem Dauerlärm versucht die Regierung ernsthaft, Stabilität auszustrahlen.
Das ist ungefähr so glaubwürdig wie ein Pilot, der während starker Turbulenzen durchsagt:
„Keine Sorge, das Flugzeug macht das öfter.“
Die Bevölkerung hat sich längst angepasst.
Viele Bürger verfolgen Politik inzwischen wie eine Realityshow.
Wer streitet heute mit wem?
Wer widerspricht wem?
Wer tritt zurück?
Wer fordert Neuwahlen?
Und wer erklärt anschließend wieder, dass die Demokratie lebendig sei?
Manchmal wirkt die Bundesregierung wie eine WG kurz vor dem kompletten Zusammenbruch.
Der eine beschriftet passiv-aggressiv die Hafermilch.
Der nächste knallt Türen.
Einer redet nur noch über Prinzipien.
Und irgendwo sitzt jemand mit müdem Blick auf dem Sofa und sagt:
„Wir müssen dringend besser kommunizieren.“
Vielleicht ist genau DAS die wahre deutsche Stabilität:
Dass dieses Land trotz Dauerkrise, Koalitionskrach, Aktivistenprotesten, Bürokratie, Bahnverspätungen und endlosen Diskussionen irgendwie weiterfunktioniert.
Nicht schnell.
Nicht elegant.
Nicht besonders entspannt.
Aber erstaunlicherweise stürzt der Laden nie komplett ein.
Deutschland ist wie ein alter Drucker im Amt:
Er macht bedrohliche Geräusche.
Blinkt ständig rot.
Niemand versteht ihn wirklich.
Aber irgendwie druckt er am Ende doch noch das Formular aus.