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POLITIK

Operation Endlos-Arbeit: Deutschlands Angriff auf den Feierabend

admin · 21.05.2026 · 4 Min. Lesezeit
Grafik: Arbeiten bis der Rollator Überstunden macht

Deutschland hat wieder eine große Idee. Und wenn Deutschland große Ideen hat, endet das meistens mit Formularen, Arbeitskreisen und Menschen, die plötzlich das Wort „Transformation“ sagen, obwohl sie eigentlich „Problem“ meinen.

Diesmal geht es um die Zukunft des Arbeitens. Genauer gesagt: um die brillante Vision, dass Menschen künftig so lange arbeiten sollen, bis ihr Hausarzt sie nur noch per Vorname anspricht und die Krankenkasse Weihnachtskarten schickt.

Und ich sage euch: Niemand macht Zukunftsplanung so wie Deutschland. Niemand. Andere Länder bauen Raketen oder entwickeln KI-Systeme. Deutschland schaut auf einen 68-jährigen Dachdecker und denkt sich: „Der Mann hat bestimmt noch Reserven.“

Fantastisch.

Die neue politische Wunderidee klingt ungefähr so:

Die Menschen werden älter, also sollen sie auch länger arbeiten. Das ist ungefähr dieselbe Logik, mit der man sagen könnte: „Weil Autos heute länger halten, fahren wir sie einfach ohne Reifen.“

In den Berliner Ministerien herrscht bereits hektische Betriebsamkeit. Ganze Arbeitsgruppen sollen angeblich darüber diskutieren, wie man Arbeitnehmer künftig bis ins hohe Alter leistungsfähig hält. Erste Konzepte sind bereits durchgesickert.

Darunter:

– ergonomische Presslufthämmer

– staatlich geförderte Gelenksalbe

– steuerfreie Wärmepflaster

– Bürostühle mit integriertem Defibrillator

– „Aktive Mittagspause mit Senioren-Pilates“

Deutschland verwandelt sich langsam in eine Mischung aus Industrienation und orthopädischem Wellnesshotel.

Besonders beeindruckend ist die Vorstellung der Arbeitswelt im Jahr 2060.

Morgens um 7 Uhr treffen sich dann vermutlich 71-jährige Sachbearbeiter zum gemeinsamen Treppenlift-Carpooling. Der Büroalltag beginnt mit einer Blutdruckkontrolle und endet mit einer Teams-Konferenz namens:

„Digitalisierung der Hüftprothesenverwaltung“.

In Werkhallen hängen Motivationsplakate wie:

„Du bist nicht alt – du bist systemrelevant!“

Oder:

„Arbeit hält jung. Außer den Rücken.“

Die Wirtschaft ist begeistert. Natürlich ist sie begeistert. Arbeitgeber träumen bereits vom „Silver Workforce Management“. Das klingt modern, bedeutet aber im Grunde nur:

„Karl-Heinz aus der Buchhaltung braucht jetzt drei Bildschirme und Magnesiumtabletten.“

Unternehmensberater verdienen währenddessen Millionen damit, Vorträge mit Titeln wie

„Produktiv altern im disruptiven Arbeitsumfeld“

zu halten.

Niemand versteht diese Vorträge. Nicht einmal die Vortragenden. Aber alle klatschen sehr ernst.

Besonders dramatisch wird die Lage bei körperlich anstrengenden Berufen.

Man stelle sich den Straßenbau der Zukunft vor.

Ein Bautrupp steht morgens an der Baustelle. Drei Männer dehnen sich erst einmal zwanzig Minuten lang die Knie. Einer sucht seine Lesebrille. Einer fragt, ob jemand seine Schmerztabletten gesehen hat. Der jüngste im Team ist 63 und gilt intern als „der Wilde“.

Auf Baustellen ertönen dann Durchsagen wie:

„Achtung! Der Kranführer macht gerade seine Reha-Übungen.“

Oder:

„Bitte keine schweren Lasten vor dem Mittagsschlaf.“

Auch die Feuerwehr bleibt von der Entwicklung nicht verschont.

Wenn künftig ein Einsatz eingeht, dauert es möglicherweise erst einmal zehn Minuten, bis alle Beteiligten ihre Rückenbandagen korrekt angelegt haben.

„Wohnungsbrand im dritten Stock!“

„Moment, ich muss noch mein Knie tapen.“

Wunderbar. Wirklich wunderbar.

Und natürlich wird den Menschen gleichzeitig erklärt, sie müssten zusätzlich privat vorsorgen. Dieser Satz ist pure deutsche Romantik.

Der Staat sagt damit im Grunde:

„Wir schaffen das gemeinsam. Vor allem Sie.“

Viele Bürger fragen sich inzwischen, wann genau sie eigentlich leben sollen.

Mit Anfang 20 beginnt der Arbeitsstress.

Mit Mitte 30 entdeckt man plötzlich Geräusche im Knie.

Mit Ende 40 freut man sich über neue Staubsauger.

Mit 55 diskutiert man freiwillig über Matratzenhärtegrade.

Und kurz vor dem Ruhestand erklärt einem irgendeine Kommission:

„Sie wirken erstaunlich belastbar.“

Es gibt bereits Gerüchte über neue Weiterbildungsprogramme für ältere Arbeitnehmer.

Dazu gehören angeblich:

– Excel für Fortgeschrittene mit Gleitsichtbrille

– Stressbewältigung im Großraumbüro ab 67

– „Fit am Fließband“

– Atemtechniken für Behörden-Hotlines

Außerdem sollen Unternehmen künftig „Ruhezonen“ schaffen. Früher nannte man das Aufenthaltsraum. Heute klingt alles innovativer, wenn man englische Begriffe verwendet.

Die Politik verkauft das Ganze natürlich als notwendige Modernisierung. Das ist ebenfalls ein fantastisches Wort. Immer wenn Politiker „Modernisierung“ sagen, bedeutet es meistens:

„Es wird teurer und komplizierter.“

Deutschland diskutiert inzwischen über Arbeitsmodelle, bei denen Menschen theoretisch morgens arbeiten und nachmittags zur Physiotherapie gehen könnten. Vielleicht gibt es bald Kombi-Angebote:

„Zehn Stunden Büro plus kostenlose Fangopackung.“

Auch der öffentliche Nahverkehr wird sich anpassen müssen. In Zukunft braucht jede Straßenbahn vermutlich zusätzliche Halterungen für Rollatoren mit Getränkehalter.

Und während die Politik rechnet, kalkuliert und neue Reformideen erfindet, sitzt irgendwo ein völlig erschöpfter Bürger am Küchentisch, schaut auf seine Renteninformation und denkt sich:

„Vielleicht werde ich einfach Influencer für Wärmesalben.“

Am Ende bleibt Deutschland eben Deutschland.

Ein Land, in dem man jede Krise in Tabellen packt.

Ein Land, in dem Menschen mit 69 erklärt wird, sie seien „ein wertvoller Bestandteil des Arbeitsmarktes“.

Und ein Land, in dem wahrscheinlich bald Motivationscoaches auftreten mit Sätzen wie:

„Das Rentenalter ist keine Grenze. Es ist ein Abenteuer.“

Ja. Ein Abenteuer mit Orthopäden, Bandscheiben und Kompressionsstrümpfen.

Großartig. Einfach großartig.

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