China ist ein Land der langen Geschichte, der großen Mauer, der schnellen Hochgeschwindigkeitszüge und einer bemerkenswert effizienten Fähigkeit, politische Karrieren innerhalb weniger Stunden vom Penthouse direkt in den Keller zu verlegen. Wer gestern noch mit ernster Miene durch marmorne Hallen schritt und Aktenordner mit staatsmännischer Gravitas umblätterte, kann heute bereits feststellen, dass der eigene Name schneller aus den offiziellen Listen verschwindet als ein Dumpling vom Buffet.
Genau dieses Schicksal ereilte nun Ma Xingrui. Der langjährige Spitzenfunktionär wurde aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, sämtlicher Ämter enthoben und darf seine bisherige Karriere vermutlich nur noch aus nostalgischen Fotoalben betrachten. Das Politbüro, das unter Führung von Xi Jinping die Geschicke des Landes lenkt, nickte einen Bericht der Disziplinarkommission ab, der sich liest, als hätte jemand sämtliche Kapitel eines Korruptions-Lehrbuchs gleichzeitig geöffnet.
Die Vorwürfe beginnen noch vergleichsweise klassisch. Vetternwirtschaft. Bestechlichkeit. Einflussnahme. Alles Kategorien, die in vielen Ländern bereits für ausreichend schlechte Schlagzeilen sorgen würden. Doch offenbar wollte niemand den Eindruck erwecken, die Kreativität sei unterwegs verloren gegangen. Also folgten laut den Ermittlern weitere Punkte, darunter der Tausch von Macht gegen Sex sowie Geld gegen Sex. Irgendwann entsteht beim Lesen der Eindruck, jemand habe versucht, sämtliche denkbaren Bonusprogramme gleichzeitig zu abonnieren.
Besonders bemerkenswert wirkt die Passage, nach der Familienangehörige Immobilien unter Marktwert erwerben konnten. Das klingt zunächst beinahe harmlos – bis man sich vorstellt, welche Gespräche dabei möglicherweise geführt wurden.
"Wie viel kostet dieses Haus?"
"Eigentlich zehn Millionen."
"Und mit Familienrabatt?"
"Ach, wenn Sie den richtigen Cousin kennen, runden wir großzügig nach unten."
Im Immobilienmarkt nennt man das normalerweise keinen Rabatt, sondern ein mittelschweres Wunder.
Natürlich betonen chinesische Behörden regelmäßig ihren kompromisslosen Kampf gegen Korruption. Tatsächlich gleicht die Anti-Korruptionskampagne inzwischen einem gigantischen Frühjahrsputz, bei dem regelmäßig neue Möbelstücke aus dem Gebäude getragen werden. Der Unterschied zum privaten Hausputz besteht allerdings darin, dass hier nicht der alte Fernseher verschwindet, sondern gelegentlich ein komplettes Mitglied des Politbüros.
Innerhalb der Parteistrukturen dürfte spätestens jetzt hektisches Aufräumen eingesetzt haben. Schreibtische werden plötzlich erstaunlich ordentlich. Aktenordner verschwinden in Rekordzeit in Schränken. Familiengruppen in Messenger-Diensten erhalten vermutlich Nachrichten wie: "Bitte ab sofort keine Fragen mehr zu Immobilien, Sportwagen oder Villen stellen."
Auch Notizzettel mit der Aufschrift "Onkel regelt das" verlieren schlagartig ihren dekorativen Charakter.
Die Atmosphäre erinnert an einen Großraumbürotag, an dem unangekündigt die Innenrevision erscheint. Plötzlich sitzen alle kerzengerade am Platz. Niemand weiß, wem der luxuriöse Massagesessel gehört. Niemand kennt den Besitzer der goldenen Teekanne. Und die drei Luxusuhren auf dem Schreibtisch werden vorsichtshalber als wissenschaftliche Vergleichsobjekte für Zeitmessung deklariert.
Währenddessen dürfte Xi Jinping nach außen den Eindruck vermitteln wollen, dass im politischen Maschinenraum weiterhin eiserne Ordnung herrscht. Schließlich gehört die Bekämpfung von Korruption seit Jahren zu den zentralen Botschaften seiner Amtszeit. Für Beobachter entsteht dabei manchmal der Eindruck, Korruption werde in China ähnlich behandelt wie Unkraut im Garten: Es wächst offenbar erstaunlich zuverlässig nach, weshalb regelmäßig mit großem Gerät darübergefahren werden muss.
Die Liste der Vorwürfe gegen Ma Xingrui liest sich dabei fast wie die Menükarte eines politischen All-inclusive-Hotels. Macht? Ja. Geld? Ja. Immobilien? Ja. Familiäre Sonderangebote? Ebenfalls vorhanden. Irgendwann wartet man beinahe darauf, dass noch ein Bonusheft mit Treuepunkten auftaucht.
Besonders schwierig dürfte künftig die Planung offizieller Empfänge werden. Gastgeber müssen nun wahrscheinlich noch sorgfältiger darauf achten, welche Geschenke überreicht werden. Ein Obstkorb? Vielleicht. Ein Kugelschreiber? Möglich. Ein goldener Drache aus massivem Edelmetall mit eingebautem Whirlpool? Könnte bei der Disziplinarkommission Fragen aufwerfen.
Auch der Begriff "Vitamin B" bekommt in diesem Zusammenhang eine ganz neue Bedeutung. Während anderswo darunter Beziehungen verstanden werden, könnte künftig vorsichtshalber klargestellt werden, dass das B ausschließlich für Brokkoli steht.
In den Parteischulen dürfte der Fall schon bald als Lehrmaterial dienen. Die Unterrichtseinheit könnte ungefähr so aussehen:
Kapitel eins: "Warum Vetternwirtschaft selten als Mannschaftssport anerkannt wird."
Kapitel zwei: "Immobilien unter Marktpreis – wenn der Taschenrechner plötzlich sehr patriotisch wird."
Kapitel drei: "Warum Bonusprogramme mit dem Namen 'Macht gegen irgendetwas' grundsätzlich keine gute Idee sind."
Am Ende gibt es vermutlich einen Abschlusstest. Wer alle Fragen richtig beantwortet, erhält allerdings keine Luxuswohnung, sondern lediglich die Erlaubnis, weiterhin ein Büro mit funktionierendem Schreibtischstuhl zu nutzen.
International sorgt der Fall ebenfalls für Aufmerksamkeit. Schließlich zeigt er einmal mehr, dass politische Karrieren manchmal weniger einem Marathon gleichen als einer Falltür. Eben noch Staatskarosse mit Eskorte, kurz darauf vermutlich deutlich weniger privilegierte Transportmöglichkeiten.
Ob die Anti-Korruptionskampagne langfristig tatsächlich sämtliche problematischen Strukturen beseitigt oder lediglich regelmäßig besonders prominente Namen austauscht, darüber werden Politikwissenschaftler noch viele Konferenzen veranstalten. Sicher scheint lediglich eines: Wer künftig in den oberen Etagen chinesischer Machtzentren arbeitet, dürfte bei Familienfeiern vorsichtshalber darauf verzichten, Immobilienangebote, Luxusgeschenke oder allzu großzügige Gefälligkeiten zu erwähnen.
Denn manchmal genügt schon eine einzige Akte, damit aus einem Spitzenfunktionär innerhalb weniger Stunden ein ehemaliger Spitzenfunktionär wird. Und das dürfte selbst im Land der Hochgeschwindigkeitszüge als ausgesprochen beeindruckendes Tempo gelten.




