Es gibt Berufe, in denen Effizienz zählt. Feuerwehrleute löschen Brände. Chirurgen operieren präzise. Busfahrer bringen Fahrgäste ans Ziel.
Und dann gibt es Staatssekretäre.
Deren wichtigste Aufgabe scheint manchmal darin zu bestehen, eine einfache Frage so kunstvoll zu umkreisen, dass am Ende alle Beteiligten vergessen haben, wie sie überhaupt lautete.
Nun erhält diese jahrzehntelang gepflegte Hochkultur endlich die verdiente Würdigung. Nach Informationen aus den verwaltungseigenen Fluren wurde ein neues internes Bewertungssystem eingeführt. Staatssekretäre erhalten künftig Bonuspunkte für besonders lange Antworten, deren Informationsgehalt sich erfolgreich vor jeder eindeutigen Aussage drückt.
Die Reform gilt als Meilenstein moderner Verwaltung.
Endlich wird eine Fähigkeit honoriert, die bislang völlig unterschätzt wurde: In zehn Minuten exakt nichts zu sagen – und dabei ausgesprochen beschäftigt zu wirken.
Das Punktesystem soll überraschend detailliert sein.
Für jede Antwort gelten künftig verschiedene Bewertungskategorien.
Antwortlänge: Je mehr Absätze, desto besser.
Schachtelsätze: Ab fünf Nebensätzen beginnt der Premiumbereich.
Unverbindlichkeit: Formulierungen wie „grundsätzlich“, „gegenwärtig“, „im Rahmen der Möglichkeiten“, „unter Berücksichtigung verschiedener Aspekte“ oder „nach derzeitiger Kenntnislage“ bringen wertvolle Zusatzpunkte.
Konkrete Aussagen: Punktabzug.
Ein Sprecher erklärte dazu in einer Stellungnahme, die ungefähr acht Seiten umfasst haben soll, man wolle die „kommunikative Nachhaltigkeit verwaltungsinterner Dialogprozesse unter Berücksichtigung mehrdimensionaler Erwartungshorizonte qualitativ weiterentwickeln.“
Journalisten werteten diese Erklärung sofort als ersten Kandidaten für den Jahresbonus.
Die Opposition zeigte sich erwartungsgemäß kritisch.
Ein Abgeordneter fragte:
„Bekommen Staatssekretäre künftig wirklich Bonuspunkte für inhaltsleere Antworten?“
Die offizielle Erwiderung lautete:
„Im Kontext der fortlaufenden Evaluation gegenwärtiger Kommunikationsformate erscheint es aus Sicht der zuständigen Ressorts angezeigt, den vielschichtigen Charakter ministerieller Auskunftsprozesse differenziert und perspektivisch weiterzuentwickeln.“
Die Nachfrage entfiel.
Man hatte schließlich bereits vergessen, worum es ursprünglich ging.
Besonders ehrgeizige Staatssekretäre trainieren bereits intensiv.
In eigens eingerichteten Seminaren übt man, wie sich eine Ja-Nein-Frage elegant in einen zwanzigminütigen Vortrag verwandeln lässt.
Beispiel:
„Ist das Projekt fertig?“
Früher:
„Nein.“
Heute:
„Die Projektumsetzung befindet sich im Rahmen eines dynamischen Fortschreibungsprozesses, dessen gegenwärtiger Entwicklungsstand unter Berücksichtigung verschiedener Einflussfaktoren einer fortlaufenden Bewertung unterliegt.“
Übersetzung:
„Nein.“
Das Fortbildungsprogramm soll mehrere Schwierigkeitsgrade umfassen.
Anfänger lernen zunächst den sicheren Umgang mit Formulierungen wie „zeitnah“, „fortlaufend“ und „prozessbegleitend“.
Fortgeschrittene schaffen es bereits, drei Minuten über eine Aktenklammer zu sprechen, ohne das Wort Aktenklammer zu verwenden.
Die Elite erreicht schließlich den legendären Verwaltungszustand, in dem nach zwanzig Minuten Redezeit sämtliche Zuhörer gleichzeitig nicken und dennoch keinerlei Ahnung haben, was gerade beschlossen wurde.
Als höchste Auszeichnung gilt künftig der sogenannte Goldene Nebensatz.
Er wird verliehen, wenn eine Antwort mindestens 800 Wörter umfasst, kein einziges Verb der Entscheidung enthält und mindestens viermal das Wort „Prüfung“ verwendet.
Besonders begehrt ist außerdem die Sondermedaille „Horizontale Abstimmung“.
Sie erhalten nur Staatssekretäre, denen es gelingt, fünf Ministerien in einer Antwort zu erwähnen, ohne dass anschließend jemand weiß, welches Ministerium eigentlich zuständig ist.
In den Ministerien herrscht seit Bekanntwerden der Reform reger Wettbewerb.
Flure wurden zu Trainingsstrecken umgebaut.
Besprechungsräume dienen als rhetorische Fitnessstudios.
Dort sitzen Gruppen von Verwaltungsprofis im Kreis und beantworten sich gegenseitig einfache Fragen.
„Wie spät ist es?“
Antwort:
„Die zeitliche Einordnung gegenwärtiger Abläufe erfolgt grundsätzlich auf Basis allgemein anerkannter Messverfahren, deren Anwendung sich im Rahmen etablierter Verwaltungsstandards bewährt hat.“
Großer Applaus.
Maximalpunktzahl.
Auch künstliche Intelligenz soll künftig bei der Bewertung unterstützen.
Ein eigens entwickelter Algorithmus misst dabei verschiedene Kennzahlen:
- Wörter pro Information.
- Nebensatzdichte.
- Anzahl abstrakter Substantive.
- Verhältnis zwischen Redezeit und Erkenntnisgewinn.
Erreicht eine Antwort den Idealwert von 0,000001 Erkenntnissen pro Minute, erscheint automatisch die Meldung:
„Exzellente ministerielle Kommunikation.“
Für Pressekonferenzen ergeben sich dadurch völlig neue Möglichkeiten.
Früher dauerte eine Fragestunde etwa eine Stunde.
Künftig könnten bereits drei Fragen ausreichen, um den gesamten Arbeitstag zu füllen.
Die erste Frage beginnt morgens.
Die Antwort endet pünktlich zum Feierabend.
Nachfragen werden vorsorglich auf das nächste Haushaltsjahr verschoben.
Auch Bürger profitieren.
Wer künftig eine Anfrage stellt, erhält möglicherweise eine Antwort in Form eines Dokuments mit 127 Seiten.
Auf Seite 93 findet sich dann folgender Satz:
„Eine abschließende Aussage kann gegenwärtig noch nicht getroffen werden.“
Der Rest erläutert ausführlich, warum dieser Satz unvermeidbar war.
Kommunikationswissenschaftler begrüßen die Entwicklung als einzigartiges Kulturerbe.
Schließlich sei es keineswegs einfach, Sprache so kunstvoll einzusetzen, dass sie gleichzeitig beeindruckend umfangreich und vollkommen unverbindlich wirkt.
Manche vergleichen diese Disziplin bereits mit klassischer Musik.
Andere mit modernem Ballett.
Nur eben mit mehr Fußnoten.
Besonders spannend wird der jährliche Wettbewerb um den Titel „Staatssekretär des Schweifens“.
Die Finalisten beantworten dort live dieselbe Frage:
„Können Sie das bestätigen?“
Wer nach einer halben Stunde immer noch spricht, ohne Ja oder Nein gesagt zu haben, gewinnt automatisch.
Der Sieger erhält eine vergoldete Büroklammer, eine ledergebundene Ausgabe des Verwaltungsverfahrensgesetzes sowie einen Füllfederhalter, dessen Tinte ausschließlich Nebensätze produziert.
Im Publikum brechen regelmäßig Begeisterungsstürme aus – allerdings ausschließlich während der Kaffeepause.
Natürlich handelt es sich hierbei nur um eine satirische Vorstellung.
Denn in der Realität bemühen sich Staatssekretäre selbstverständlich darum, komplexe Sachverhalte verständlich zu erläutern, politische Entscheidungen nachvollziehbar zu machen und den Bürgerinnen und Bürgern transparente Informationen bereitzustellen.
Sollte dennoch einmal der Eindruck entstehen, eine Antwort sei außergewöhnlich lang ausgefallen, so liegt das selbstverständlich ausschließlich daran, dass sämtliche relevanten Aspekte, Rahmenbedingungen, Zuständigkeiten, Querverweise, Bewertungsmaßstäbe, Abstimmungsprozesse sowie zukünftigen Entwicklungsperspektiven unter Berücksichtigung des Gesamtzusammenhangs umfassend dargestellt werden mussten.
Kurz gesagt:
Nein wäre einfach zu kurz gewesen.




