Deutschland hat viele Talente.
Autos bauen.
Brot backen.
Maschinen exportieren.
Und aus einem einfachen Schnupfen ein Verwaltungsvorhaben entwickeln, das vermutlich schon vom Satelliten aus sichtbar ist.
Kaum war die Debatte um den Krankenschein eröffnet, liefen in den Behörden gedanklich bereits die Kopierer warm. Irgendwo wurde bestimmt vorsorglich ein Ordner mit der Aufschrift „Erkältung – Version 1.0“ angelegt. Nur für alle Fälle.
Lars Klingbeil trat derweil mit beruhigenden Worten vor die Öffentlichkeit. Niemand müsse sich fiebrig zum Arzt schleppen. Niemand müsse krank im Büro erscheinen. Gleichzeitig solle aber alles ordentlich geregelt werden.
Damit war die perfekte Grundlage geschaffen.
Deutschland liebt schließlich nichts mehr als unkomplizierte Lösungen, die zunächst auf 87 Seiten erklärt werden müssen.
Die eigentliche Genialität besteht darin, dass der Nachweis zwar möglichst früh vorhanden sein soll, seine praktische Beschaffung aber durchaus flexibel erfolgen könne.
Das klingt ein wenig wie:
„Bitte seien Sie pünktlich – Sie dürfen aber auch später kommen.“
Oder:
„Die Tür muss geschlossen bleiben, darf aber geöffnet werden.“
Logikprofessoren prüfen inzwischen, ob hier eine völlig neue Naturkonstante entdeckt wurde.
In den Personalabteilungen beginnt währenddessen hektische Betriebsamkeit.
Es entstehen neue Prozessdiagramme.
Pfeile führen zu Kästchen.
Kästchen führen zu weiteren Kästchen.
Ein Pfeil endet versehentlich wieder am Anfang.
Niemand bemerkt es.
Das nennt man inzwischen digitale Kreislaufwirtschaft.
Softwareanbieter reagieren blitzschnell.
Bereits in Kürze erscheint das neue Modul „AU Professional Enterprise Premium Plus Ultimate Government Edition“.
Es verfügt über künstliche Intelligenz.
Sie erkennt automatisch, ob ein Niesen eher nach Allergie oder nach Montagmorgen klingt.
Sollte Unsicherheit bestehen, empfiehlt die Software vorsorglich einen weiteren Klick.
Oder zwölf.
Auch Arztpraxen bereiten sich auf die neue Zeit vor.
Im Wartezimmer hängen künftig verschiedene Schilder.
„Patienten mit Husten links.“
„Patienten mit Fieber rechts.“
„Patienten, die eigentlich nur wegen eines Nachweises hier sind, bitte einmal komplett um das Gebäude gehen.“
Der Getränkeautomat bietet inzwischen Kamillentee gegen Halsschmerzen und Beruhigungstee gegen Bürokratie an.
Der zweite verkauft sich deutlich besser.
In den Unternehmen entstehen völlig neue Berufsprofile.
Der Chief Sickness Coordination Officer überwacht sämtliche Krankmeldungen.
Unterstützt wird er vom Senior Manager für temporäre Arbeitsunfähigkeitskommunikation.
Darunter arbeiten drei Sachbearbeiter, zwei Projektmanager und ein Feel-Good-Beauftragter für Erkältungsprozesse.
Die eigentliche Arbeit erledigt weiterhin Karin aus der Personalabteilung.
Wie seit 27 Jahren.
Mit einem Kugelschreiber.
Lars Klingbeil verweist gleichzeitig darauf, dass Deutschland Reformen brauche.
Ein verständlicher Gedanke.
Allerdings entwickelt sich das Wort „Reform“ hierzulande oft nach einem festen Muster.
Phase eins:
„Das wird alles einfacher.“
Phase zwei:
„Dafür benötigen wir zunächst neue Regeln.“
Phase drei:
„Zur Erklärung der Regeln erscheint eine Broschüre.“
Phase vier:
„Die Broschüre benötigt eine Erläuterung.“
Phase fünf:
„Ein Arbeitskreis prüft die Broschüre.“
Nach Abschluss dieses Prozesses gilt das Verfahren offiziell als stark vereinfacht.
Die Tarifparteien sollen ebenfalls Gestaltungsspielräume erhalten.
Das eröffnet faszinierende Möglichkeiten.
Firma A akzeptiert eine Nachricht per App.
Firma B bevorzugt einen Anruf.
Firma C bittet um eine E-Mail.
Firma D möchte zusätzlich ein Selfie mit Wärmflasche.
Firma E verlangt einen Nachweis, dass die Wärmflasche tatsächlich warm war.
Natürlich inklusive Zeitstempel.
Die Digitalisierung bleibt dabei nicht stehen.
Schon bald soll eine Gesundheits-App automatisch erkennen, ob Beschäftigte krank sind.
Sie misst Schritte.
Puls.
Schlaf.
Gesichtsausdruck.
Kaffeekonsum.
Und die Anzahl der genervten Seufzer pro Stunde.
Ab einem bestimmten Wert erscheint automatisch:
„Wir empfehlen heute weder Meetings noch Montag.“
Das Gesundheitswesen freut sich ebenfalls.
Neue Seminare entstehen.
„Authentisches Husten für Fortgeschrittene.“
„Professionelles Niesen ohne Videokonferenz-Unterbrechung.“
„Die Kunst des glaubwürdigen Heiserseins.“
Selbstverständlich mit Zertifikat.
Die Krankenkassen entwickeln parallel Bonusprogramme.
Wer dreimal hintereinander korrekt niest, erhält Bonuspunkte.
Wer dabei gleichzeitig das richtige Formular auswählt, steigt automatisch in den Goldstatus auf.
Im Bundestag diskutieren Experten derweil über Feinheiten.
Ab wann gilt ein Kratzen im Hals?
Wie laut muss Husten sein?
Darf ein Schnupfen am Freitag anders bewertet werden als am Montag?
Zur Klärung wird eine Enquete-Kommission eingesetzt.
Die Ergebnisse werden für das Jahr 2029 erwartet.
Vorbehaltlich einer Verlängerung.
Natürlich bleibt die deutsche Kreativität davon nicht unberührt.
Start-ups entwickeln intelligente Taschentücher mit Bluetooth.
Sie zählen Nieser in Echtzeit.
Übermitteln die Daten verschlüsselt.
Erstellen Statistiken.
Und bieten gegen Aufpreis eine Premium-Auswertung mit Diagrammen an.
Der Export in andere Länder gilt bereits als wahrscheinlich.
Dort glaubt allerdings bislang niemand, dass so etwas wirklich existieren könnte.
Am Ende wird vermutlich alles deutlich entspannter verlaufen als die Diskussion vermuten lässt.
Beschäftigte werden weiterhin krank.
Ärzte werden weiterhin behandeln.
Betriebe werden weiterhin Lösungen finden.
Und Lars Klingbeil wird wahrscheinlich erneut erklären, dass pragmatische Umsetzung das Ziel sei.
Bis dahin bleibt Deutschland seiner größten Leidenschaft treu:
Aus einer Erkältung wird kein Drama.
Aber mit etwas organisatorischem Ehrgeiz lässt sich daraus problemlos ein bundesweites Verwaltungsprojekt entwickeln.
Und falls irgendwann doch noch Fragen offenbleiben, wird sicher eine Arbeitsgruppe gegründet.
Sie tagt selbstverständlich erst, wenn alle Teilnehmer ihre Anwesenheit, ihre Gesundheit und die ordnungsgemäße Ablage der Einladung schriftlich bestätigt haben.




