Berlin erlebt erneut einen historischen Moment. Nachdem bereits Bonusprogramme für Supermärkte, Fluggesellschaften, Tankstellen und Kaffeebecher erfolgreich etabliert wurden, soll nun auch die parlamentarische Demokratie mit einem modernen Kundenbindungsprogramm ausgestattet werden. Der Bundestag führt die Debatten-Stempelkarte ein.
Das Prinzip ist denkbar einfach: Für jede vollständig besuchte Plenardebatte erhalten Zuschauer einen Stempel. Wer zehn Debatten ohne vorzeitiges Aufgeben, Einschlafen oder spontanen Berufswechsel übersteht, erhält als Dankeschön eine exklusive Gratis-Sitzung – komplett ohne Zwischenrufe.
Bereits diese Ankündigung sorgte für ungläubiges Staunen. Nicht wegen der Stempelkarte. Sondern wegen des letzten Satzes.
Eine Sitzung ohne Zwischenrufe?
Mehrere Verfassungsrechtler baten zunächst um Klärung, ob es sich dabei überhaupt noch um eine Bundestagssitzung handelt oder bereits um ein experimentelles Hörspiel.
Die Verwaltung reagierte gelassen. Man habe eigens eine Arbeitsgruppe gegründet, die zunächst die Definition des Begriffs "Zwischenruf" überarbeiten werde. Bis zur endgültigen Festlegung seien spontane Wortmeldungen, lautes Husten, ironisches Lachen, demonstratives Augenrollen sowie das rhythmische Blättern in Aktenordnern weiterhin zulässig.
Das Bonusprogramm trägt den Namen "DebattPlus"
Die Stempelkarte selbst erinnert optisch an klassische Café-Bonushefte.
Zehn freie Felder.
Goldene Umrandung.
Ein kleiner Bundestagsadler.
Und der motivierende Slogan:
"Noch sieben Debatten bis zur Ruhe."
Die Marketingabteilung zeigte sich begeistert.
"Demokratie muss erlebbar werden", erklärte ein Sprecher. "Andere sammeln Punkte für Cappuccino. Wir sammeln Geduld."
Nach jeder Sitzung bestätigt ein offizieller Debattenkontrolleur den erfolgreichen Abschluss. Voraussetzung ist allerdings, dass der Besucher mindestens 95 Prozent der Debatte aufmerksam verfolgt.
Handys zählen nicht.
Sudokus ebenfalls nicht.
Wer nachweislich dreimal hintereinander auf den Livestream eines Fußballspiels wechselt, muss den Stempel wieder abgeben.
Neue Berufsausbildung: Debatten-Ausdauertrainer
Da viele Erstbesucher bereits nach der dritten Geschäftsordnungsdebatte erste Ermüdungserscheinungen zeigen, entstehen völlig neue Berufsbilder.
Besonders gefragt sind inzwischen sogenannte Debatten-Ausdauertrainer.
Sie bereiten Interessierte auf den parlamentarischen Marathon vor.
Trainingsplan:
Montag:
Vier Stunden Ausschussprotokolle lesen.
Dienstag:
Zwei Stunden Haushaltsdebatte hören.
Mittwoch:
Simulation einer Aktuellen Stunde inklusive spontaner Geschäftsordnungsanträge.
Donnerstag:
Meditation bei Endlossätzen mit zwölf Nebensätzen.
Freitag:
Regeneration durch das Lesen verständlicher Bedienungsanleitungen.
Nach sechs Wochen gelten Teilnehmer als ausreichend belastbar.
Premium-Mitgliedschaft geplant
Insider berichten bereits über die nächste Ausbaustufe.
Wer fünfzig Debatten besucht, erhält automatisch den Silberstatus.
Vorteile:
- Sitzplatz mit ergonomischer Rückenlehne
- Gratis Kaffee während Nachtragshaushalten
- Ohrstöpsel in Fraktionsfarben
- Vorrang beim Garderobenservice
Ab einhundert Debatten winkt schließlich der legendäre Platinstatus.
Hier dürfen Besucher einmal jährlich einen Tagesordnungspunkt erraten, bevor er spontan geändert wird.
Zwischenruf-Ministerium gegründet
Damit die versprochene Gratis-Sitzung ohne Zwischenrufe überhaupt realisierbar wird, wurde vorsorglich eine neue Bundesbehörde geschaffen.
Das Bundesamt zur temporären Geräuschreduktion parlamentarischer Kommunikation.
Kurz: BTGPK.
Niemand weiß genau, wofür die Abkürzung steht.
Das Amt selbst auch nicht.
Die Hauptaufgabe besteht darin, sämtliche Zwischenrufer rechtzeitig mit kostenlosen Kräutertees, Entspannungsmusik und Sudoku-Heften abzulenken.
Sollte dennoch jemand laut dazwischenrufen wollen, erscheint automatisch ein Mediator mit einem Schild:
"Bitte bis nach der Sitzung aufheben."
Wissenschaft skeptisch
Sprachwissenschaftler beobachten das Projekt mit großer Spannung.
Sie warnen jedoch vor möglichen Nebenwirkungen.
Sollte eine Bundestagssitzung tatsächlich vollständig ohne Zwischenrufe stattfinden, könnten viele Besucher zunächst glauben, sie seien versehentlich in einer Bibliothek gelandet.
Andere würden vermutlich den Ton ihres Fernsehers überprüfen.
Einige würden sicherheitshalber den Kundendienst anrufen.
Opposition und Regierung überraschend einig
Bemerkenswert ist, dass diesmal nahezu alle politischen Lager Zustimmung signalisierten.
Die Regierung lobte die Idee als innovativ.
Die Opposition bezeichnete sie als verspätet.
Mehrere kleinere Parteien fragten zunächst, ob Bonuspunkte auch rückwirkend gesammelt werden können.
Ein fraktionsloser Abgeordneter beantragte vorsorglich eine Familienkarte.
Der Schwarzmarkt blüht
Kaum war das Programm vorgestellt, entwickelte sich bereits ein reger Handel.
Im Internet tauchten erste Angebote auf:
"Zwei fast volle Debattenkarten gegen Konzerttickets."
"Tausche drei Stempel aus Haushaltswochen gegen eine spannende Fragestunde."
"Original-Stempel aus der Rentendebatte – nahezu neuwertig."
Das Bundestagspräsidium kündigte umgehend Sicherheitsmerkmale an.
Künftig enthalten sämtliche Stempel holografische Mikrogravuren sowie einen QR-Code, der zu einer Datenschutzerklärung mit 87 Seiten führt.
Bereits nach Seite zwölf geben die meisten Fälscher freiwillig auf.
Internationale Aufmerksamkeit
Auch im Ausland sorgt das Konzept für Interesse.
Mehrere Parlamente prüfen vergleichbare Modelle.
Einige denken über Bonusmeilen für besonders lange Reden nach.
Andere möchten Treuepunkte für erfolgreich überstandene Haushaltsdebatten vergeben.
Lediglich ein Parlament soll gefragt haben, ob man stattdessen nicht einfach kürzere Reden halten könne.
Diese Idee wurde aus Gründen mangelnder Tradition nicht weiterverfolgt.
Die erste Gratis-Sitzung
Schließlich war es so weit.
Der erste Bürger hatte tatsächlich zehn Debatten vollständig absolviert.
Unter feierlichem Applaus erhielt er seine Einladung zur legendären Bonus-Sitzung.
Die Besuchertribüne war bis auf den letzten Platz gefüllt.
Alle warteten gespannt.
Der Bundestagspräsident eröffnete die Sitzung.
Zehn Sekunden lang herrschte absolute Stille.
Elf Sekunden.
Zwölf Sekunden.
Bereits nach dreizehn Sekunden erhob sich irgendwo im Saal eine Stimme:
"Nur ganz kurz zur Geschäftsordnung..."
Die Gratis-Sitzung war damit offiziell beendet.
Der überraschte Gewinner erhielt als kleine Entschädigung eine neue Stempelkarte.
Schließlich beginnt wahre Demokratie nicht mit einer perfekten Debatte.
Sondern mit der Hoffnung, dass die nächste vielleicht zwei Sekunden länger ruhig bleibt.




