Deutschland hat ein neues Hobby.
Früher sammelte man Briefmarken.
Dann sammelte man Faxgeräte.
Heute sammelt man Arbeitskräfte.
Das Problem dabei: Die begehrten Exemplare werden immer seltener gesichtet.
Während Zoos erfolgreich Pandas vermehren, verliert Deutschland jedes Jahr ganze Herden von Fachkräften in Richtung Ruhestand.
Und plötzlich schaut die Republik nervös auf Menschen über 60, wie Fußballvereine auf ihren letzten gesunden Stürmer kurz vor dem Champions-League-Finale.
Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft hat nun die neuesten Zahlen vorgelegt. Dort beschäftigt man sich beruflich mit Dingen, die sofort Kopfschmerzen verursachen.
Und die neuen Berechnungen sorgten vermutlich dafür, dass mehrere Kaffeemaschinen in Köln kurzzeitig überlastet waren.
Die Erkenntnis lautet vereinfacht:
Deutschland entwickelt sich langsam zu einem Land, in dem mehr Menschen ihre Rente beantragen als Arbeitsverträge unterschreiben.
Ein gewagtes Geschäftsmodell.
Die geburtenstarken Jahrgänge verlassen nach und nach die Arbeitswelt.
Jahrzehntelang haben sie Straßen gebaut, Maschinen repariert, Unternehmen geführt, Steuern gezahlt, Handwerksbetriebe gegründet und Drucker verflucht.
Jetzt wollen viele von ihnen endlich das tun, wovon sie seit Jahrzehnten träumen:
Ausschlafen.
Und genau hier beginnt die nationale Krise.
Denn während hunderttausende Menschen ihre Wecker endgültig außer Betrieb nehmen, blickt die Wirtschaft mit Tränen in den Augen hinterher und ruft:
„Moment! Wer soll denn jetzt die Excel-Tabelle öffnen?“
Besonders dramatisch ist die Situation in den Betrieben.
Früher schrieb man eine Stellenanzeige.
Heute gleicht die Personalsuche einer Mischung aus Schatzsuche, Partnerschaftsvermittlung und paranormaler Forschung.
Personalabteilungen berichten inzwischen von Sichtungen.
„Gestern haben wir tatsächlich einen Elektriker gesehen.“
„Lebendig?“
„Ja!“
„Hat er sich beworben?“
„Nein, er war nur auf dem Weg zum Bäcker.“
Daraufhin wurde vorsorglich ein Krisenstab eingerichtet.
In einigen Regionen wird bereits darüber nachgedacht, seltene Fachkräfte unter Naturschutz zu stellen.
Wer einen ausgebildeten Installateur entdeckt, soll ihn nicht erschrecken und ausreichend Abstand halten.
Plötzliche Gehaltsangebote könnten Panikreaktionen auslösen.
Besonders hart trifft die Entwicklung jene Unternehmen, die schon heute Schwierigkeiten haben, Personal zu finden.
Dort werden Stellenanzeigen inzwischen kreativ formuliert.
Gesucht wird nicht mehr:
„Sachbearbeiter (m/w/d)“.
Sondern:
„Mensch mit Puls und grundlegender Orientierung im dreidimensionalen Raum.“
Berufserfahrung wäre schön.
Atmung genügt aber zunächst.
Die Lage hat inzwischen auch philosophische Dimensionen angenommen.
Deutschland besitzt nämlich eine bemerkenswerte Eigenschaft:
Jahrzehntelang wurde über die alternde Gesellschaft gesprochen.
Dann wurde weiter darüber gesprochen.
Dann wurden Arbeitsgruppen gegründet, die über das Sprechen gesprochen haben.
Und plötzlich stellte jemand fest:
„Moment mal. Die Leute werden ja tatsächlich älter!“
Es war ein Schock.
Etwa vergleichbar mit der Erkenntnis, dass Winterreifen im Dezember sinnvoll sein könnten.
Der Arbeitsmarkt reagiert bereits.
Unternehmen beginnen, ältere Beschäftigte liebevoll zu behandeln.
Mitarbeiter über 60 werden inzwischen teilweise betrachtet wie seltene Museumsstücke.
„Bitte nicht anfassen.“
„Bitte nicht verärgern.“
„Bitte keinen zusätzlichen Papierkram aushändigen.“
„Und um Himmels willen: Geben Sie ihnen keine neue Software-Einführung!“
Manche Arbeitgeber würden vermutlich gern den Renteneintritt durch kleine Tricks hinauszögern.
Etwa durch Gespräche wie:
„Herr Meier, haben Sie schon Pläne für den Ruhestand?“
„Ja.“
„Wunderbar. Wären Sie bereit, diese Pläne vielleicht bis 2047 zu verschieben?“
Auch Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft sieht Handlungsbedarf.
Denn wenn immer weniger Menschen arbeiten und immer mehr Menschen Leistungen erhalten, beginnt selbst die Mathematik nervös zu werden.
Ein Taschenrechner würde an dieser Stelle vermutlich freiwillig kündigen.
Natürlich gibt es Lösungsvorschläge.
Mehr Menschen sollen länger arbeiten.
Mehr qualifizierte Fachkräfte sollen aus dem Ausland kommen.
Mehr Potenziale sollen genutzt werden.
Deutschland liebt solche Formulierungen.
Sie klingen immer ein wenig so, als könne man fehlende Millionen Arbeitskräfte einfach im Keller hinter den Weihnachtsdekorationen finden.
Doch die Realität bleibt hartnäckig.
Wer einmal versucht hat, einen Handwerker kurzfristig zu bekommen, weiß längst, wie die Zukunft aussehen könnte.
Im Jahr 2035 könnte ein Termin beim Elektriker ungefähr so ablaufen:
„Guten Tag, ich hätte ein Problem mit der Steckdose.“
„Kein Problem.“
„Wann hätten Sie Zeit?“
„Der 17. September 2041 wäre aktuell noch frei.“
„Vormittags?“
„Bitte bleiben Sie realistisch.“
Besonders interessant wird die Entwicklung in Behörden.
Dort könnten künftig mehr Mitarbeiter in Pension gehen als neue eingestellt werden.
Die Folge wären vermutlich neue digitale Lösungen.
Ein einziger Sachbearbeiter betreut dann 17.000 Vorgänge gleichzeitig.
Unterstützt wird er von drei KI-Systemen, vier Videokonferenzen und einem Drucker, der weiterhin aus Prinzip nicht funktioniert.
Der Drucker bleibt konstant.
Irgendjemand muss schließlich Stabilität in dieses Land bringen.
Am Ende läuft alles auf eine erstaunliche Erkenntnis hinaus:
Deutschland hat jahrzehntelang nach Rohstoffen gesucht.
Nach Energie.
Nach Innovation.
Nach Wachstum.
Nun sucht es Menschen.
Nicht Superhelden.
Nicht Genies.
Nicht Nobelpreisträger.
Einfach Menschen, die morgens zur Arbeit erscheinen und wissen, wo die Enter-Taste ist.
Die gute Nachricht lautet:
Das Problem ist bekannt.
Die schlechte Nachricht lautet:
Die Menschen, die es lösen sollen, gehen gerade in Rente.
Und irgendwo sitzt vermutlich ein Personalchef, schaut auf seine offene Stellenliste, blickt anschließend aus dem Fenster und fragt leise:
„Hat eigentlich jemand geprüft, ob wir die Babyboomer wirklich gehen lassen müssen?“




