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POLITIK

Koalitions-Mikado in Sachsen-Anhalt – Wer sich zuerst bewegt, hat schon verloren

admin · 31.07.2026 · 4 Min. Lesezeit
Grafik: Koalitions-Mikado in Sachsen-Anhalt
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Demokratie lebt von Wahlen.

Deutschland lebt zusätzlich von Koalitionsrechnern.

Und Sachsen-Anhalt scheint beschlossen zu haben, beide Disziplinen gleichzeitig zur Extremsportart auszubauen.

Die neuesten Umfragen sorgen nämlich für eine politische Landschaft, bei der selbst Mathematiklehrer vorsorglich einen Taschenrechner mit Ersatzbatterien bestellen.

Die AfD liegt mit beeindruckenden 41 Prozent klar vorne.

Die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze folgt mit 24 Prozent.

Die SPD schafft sieben Prozent.

Die Grünen balancieren mit fünf Prozent auf der berühmten Rasierklinge zwischen Landtag und politischem Wartezimmer.

Eigentlich sind das nur vier Zahlen.

In der deutschen Koalitionspolitik verwandeln sie sich jedoch augenblicklich in ein Escape-Room-Spiel auf Expertenniveau.

Die erste Pressekonferenz dürfte ungefähr so verlaufen sein:

"Wer möchte mit wem regieren?"

"Nein."

"Wer möchte mit wem sprechen?"

"Kommt darauf an."

"Wer möchte überhaupt irgendwo sitzen?"

"Lassen Sie uns erst die nächste Umfrage abwarten."

Willkommen im politischen Mikado.

Die wichtigste Regel lautet:

Wer sich zuerst bewegt, muss anschließend erklären, warum das eigentlich gar keine Bewegung war.

Besonders faszinierend bleibt die CDU.

Sie schließt eine Koalition mit der AfD aus.

Mit der Linken ebenfalls.

Damit reduziert sich die Liste möglicher Partner ungefähr auf diejenigen Parteien, die zufällig noch übrig geblieben sind.

Politikwissenschaftler sprechen hierbei vermutlich von strategischer Positionierung.

Der Durchschnittsbürger nennt es eher:

"Die Auswahl wird langsam übersichtlich."

Sollte die AfD keine absolute Mehrheit erreichen, könnte eine Minderheitsregierung entstehen.

Allein das Wort klingt bereits nach Abenteuerurlaub.

Eine Minderheitsregierung funktioniert ungefähr wie eine Grillparty, bei der niemand den Grill besitzt, aber trotzdem alle entscheiden möchten, wann die Würstchen gewendet werden.

Jede Abstimmung wird zum Überraschungsei.

Jeder Gesetzentwurf zum Nervenspiel.

Jeder Sitzungstag zur Quizshow.

"Wer stimmt heute womit?"

Niemand weiß es.

Nicht einmal die Beteiligten.

Die AfD wiederum blickt auf ihre 41 Prozent und dürfte sich fragen, warum ausgerechnet Mathematik so kompliziert sein muss.

Schließlich gilt im normalen Leben:

41 ist größer als 24.

In der deutschen Parlamentsarithmetik lautet die Antwort dagegen häufig:

"Kommt darauf an."

Es gibt vermutlich kein anderes Land, in dem Wahlergebnisse so häufig mit den Worten beginnen:

"Rechnerisch wäre vieles möglich..."

Der Rechner entwickelt inzwischen beinahe Kultstatus.

Er sitzt vermutlich irgendwo in einem Ministerium, raucht symbolisch eine Zigarette und flüstert:

"Bitte keine weitere Partei mit exakt fünf Prozent."

Die SPD erreicht laut Umfrage sieben Prozent.

In normalen Prüfungen wäre das kein besonders erfreuliches Ergebnis.

In der deutschen Parteienlandschaft klingt sieben Prozent inzwischen ungefähr wie:

"Champagner bitte!"

Die Grünen zittern sich mit fünf Prozent über die berühmte Hürde.

Man kann sich vorstellen, wie es im Wahlkampfbüro aussieht.

Jede neue Umfrage wird betrachtet wie ein Herzmonitor auf der Intensivstation.

4,9 Prozent?

Panik.

5,0 Prozent?

Konfetti.

5,1 Prozent?

Kurzer Optimismus.

4,8 Prozent?

Bitte alle Plakate wieder einrollen.

Der eigentliche Star bleibt jedoch die berühmte Fünf-Prozent-Hürde.

Sie besitzt inzwischen fast menschliche Eigenschaften.

Sie entscheidet Karrieren.

Sie verursacht Herzrasen.

Sie macht Wahlabende spannender als das Elfmeterschießen einer Fußball-Weltmeisterschaft.

Irgendwann erhält sie vermutlich einen eigenen Instagram-Kanal.

Währenddessen wächst laut Umfrage auch die Unzufriedenheit mit der Landesregierung.

Nur noch 29 Prozent zeigen sich zufrieden.

Politische Zufriedenheitswerte erinnern inzwischen an Hotelbewertungen im Internet.

"Drei Sterne."

"Frühstück war in Ordnung."

"Zimmer etwas laut."

"Regierungsarbeit könnte modernisiert werden."

Der Unterschied besteht lediglich darin, dass man ein Hotel nach drei Nächten verlässt.

Eine Landesregierung bleibt meistens etwas länger.

Die eigentliche Kunst beginnt allerdings erst nach der Wahl.

Denn Deutschland besitzt eine ganz besondere Tradition.

Nicht der Wahlabend entscheidet.

Sondern die Wochen danach.

Dann öffnen sich Konferenzräume.

Kaffeemaschinen laufen im Dauerbetrieb.

Flipcharts werden aufgestellt.

Arbeitsgruppen gegründet.

Unterarbeitsgruppen eingerichtet.

Koordinierungskreise koordiniert.

Und irgendwo entsteht ganz sicher eine Arbeitsgruppe zur Koordinierung der Koordinierungskreise.

In Sachsen-Anhalt dürfte der Koalitionsvertrag diesmal ungefähr die Dicke eines Telefonbuches erreichen.

Kapitel 1:

Wer darf mit wem reden?

Kapitel 2:

Wer darf dabei zuschauen?

Kapitel 3:

Welche Aussagen gelten nur dienstags?

Kapitel 4:

Was genau bedeutet eigentlich "konstruktive Zusammenarbeit"?

Besonders leidtragend sind vermutlich Journalisten.

Sie müssen täglich dieselben Fragen stellen.

"Gibt es Fortschritte?"

Antwort:

"Die Gespräche verlaufen konstruktiv."

Am nächsten Tag:

"Gibt es Neuigkeiten?"

"Die Gespräche verlaufen weiterhin konstruktiv."

Eine Woche später:

"Wie ist der Stand?"

"Sehr konstruktiv."

Das Wort "konstruktiv" dürfte inzwischen den Verschleißgrad eines Bürostempels erreicht haben.

Vielleicht wäre es ehrlicher, die Regierungsbildung künftig direkt als Brettspiel zu verkaufen.

"Koalitions-Monopoly Sachsen-Anhalt."

Ziel:

Bilde eine stabile Regierung.

Regeln:

  • Niemand darf mit jedem spielen.
  • Manche dürfen nur gelegentlich miteinander reden.
  • Vier Parteien ziehen gleichzeitig über das Spielfeld.
  • Jede Umfrage verändert die Spielanleitung.
  • Wer "absolute Mehrheit" würfelt, gewinnt sofort.
  • Alle anderen ziehen zurück auf Start.

Der Clou:

Die Spielanleitung ändert sich nach jedem Würfelwurf.

Vielleicht erklärt genau das die Faszination deutscher Landespolitik.

Es geht längst nicht mehr nur um Prozentzahlen.

Es geht um politische Mathematik, taktisches Schach, rhetorische Akrobatik und diplomatisches Jonglieren.

Und irgendwo sitzt ein einfacher Taschenrechner auf einem Schreibtisch in Magdeburg, zeigt stoisch dieselben Zahlen an und fragt sich:

"Warum macht ihr Menschen aus einer Addition eigentlich jedes Mal einen mehrmonatigen Thriller?"

Die Antwort kennt vermutlich niemand.

Aber eines scheint sicher:

Die spannendste Phase beginnt in Deutschland traditionell erst dann, wenn alle Stimmen ausgezählt sind.

Denn wählen ist einfach.

Regieren ist die eigentliche Denksportaufgabe.

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