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KOLUMNE

Dollar über Dollar: Trump erfindet den patriotischen Wechselkurs

admin · 07.08.2026 · 5 Min. Lesezeit
Grafik: Trump erklärt den Dollar zum Sieger über sich selbst
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Es gibt Dinge, die funktionieren seit Jahrhunderten erstaunlich zuverlässig.

Die Schwerkraft beispielsweise.

Der Sonnenaufgang.

Und Wechselkurse.

Letztere besitzen allerdings einen entscheidenden Nachteil: Sie können Zahlen hervorbringen, die Donald Trump möglicherweise nicht gefallen.

Damit steht der internationale Devisenhandel vor einem Problem, das bislang weder Ökonomen noch Zentralbanken ausreichend berücksichtigt haben: Zahlen können unpatriotisch sein.

Wenn ein Dollar beispielsweise 0,86 Euro wert ist, sieht das auf den ersten Blick verdächtig aus. Schließlich steht dort hinter dem Dollar eine Zahl kleiner als eins.

Kleiner!

Amerika!

Das Land, das Wolkenkratzer, Flugzeugträger, Monstertrucks und Getränkebecher baut, in denen eine mitteleuropäische Kleinfamilie problemlos einen Nachmittag verbringen könnte, soll plötzlich mit einer 0 vor dem Komma antreten?

Völlig ausgeschlossen.

Deshalb führt Donald Trump nun den patriotischen Wechselkurs ein.

Sein entscheidender Vorteil gegenüber herkömmlichen Wechselkursen besteht darin, dass er nicht zwingend etwas mit Wechselkursen zu tun hat.

Die neue Grundregel lautet:

Ein Dollar ist grundsätzlich mehr wert als jeder andere Dollar.

Ökonomen dürften diesen Satz zunächst mehrfach lesen.

Danach werden sie vermutlich kurz ans Fenster treten.

Anschließend ihren Beruf überdenken.

Denn wenn ein Dollar mehr wert ist als jeder andere Dollar, müsste ein Dollar folglich auch mehr wert sein als sich selbst.

Das ist mathematisch schwierig.

Politisch dagegen hervorragend.

Amerika hat damit möglicherweise die erste Währung erfunden, die schon dadurch an Wert gewinnt, dass man sie anschaut.

Wall Street bekommt eine neue Rechenart

An der Wall Street dürften die Händler künftig morgens nicht mehr fragen:

“Wie steht der Dollar?”

Sondern:

“Wie fühlt sich der Dollar?”

Die Antwort lautet selbstverständlich:

“Großartig.”

Damit wäre der Arbeitstag praktisch beendet.

Keine komplizierten Charts mehr.

Keine Zinsprognosen.

Keine Devisentabellen.

Keine nervösen Analysten, die morgens um 6:30 Uhr erklären, der Dollar habe gegenüber dem Yen aufgrund veränderter Zinserwartungen 0,7 Prozent verloren.

Stattdessen erscheint auf den Bildschirmen:

USD: fantastisch.

Euro: europäisch.

Yen: sehr klein geschrieben.

Schweizer Franken: verdächtig neutral.

Der Finanzmarkt wäre endlich verständlich.

Sogar Fernsehsender könnten ihre Börsenberichterstattung erheblich vereinfachen.

“Und nun zur Wall Street. Wie steht der Dollar?”

“Sehr amerikanisch.”

“Danke.”

Weiter zum Wetter.

Die Federal Reserve braucht einen Gefühlsindex

Natürlich muss der patriotische Wechselkurs professionell berechnet werden.

Dafür könnte ein neuer American Currency Confidence Index geschaffen werden.

In die Berechnung fließen ausschließlich wirtschaftlich relevante Faktoren ein:

Anzahl amerikanischer Flaggen im Umkreis von 500 Metern.

Lautstärke der Nationalhymne.

Zahl der gleichzeitig laufenden V8-Motoren.

Größe des Präsidentenschreibtisches.

Und selbstverständlich die Anzahl der Großbuchstaben in Donald Trumps jüngster Mitteilung.

Ab einem gewissen Anteil von Ausrufezeichen steigt der Dollar automatisch.

Fünf Ausrufezeichen:

+0,3 Prozent.

Zehn:

+1,2 Prozent.

“STRONGEST DOLLAR EVER!!!”:

Devisenhandel wird vorsorglich geschlossen.

Besonders interessant wird die neue Regelung für Touristen.

Ein Amerikaner betritt künftig in Paris ein Café.

“Der Kaffee kostet fünf Euro.”

Er legt einen Dollar auf den Tisch.

Der Kellner schaut irritiert.

“Das reicht nicht.”

Der Amerikaner holt sein offizielles patriotisches Wechselkurszertifikat heraus.

“Doch.”

“Nein.”

“Gefühlt schon.”

Damit beginnt vermutlich die erste internationale Währungskrise, die wegen eines Cappuccinos ausbricht.

Auch Wechselstuben werden patriotischer

Flughäfen müssten ihre Wechselstuben umbauen.

Bislang stehen dort langweilige Tabellen:

EUR/USD.

GBP/USD.

JPY/USD.

Künftig genügt eine einzige Anzeige:

USA gewinnt.

Darunter möglicherweise ein kleiner Hinweis:

“Der tatsächliche Auszahlungsbetrag kann aufgrund ausländischer Mathematik abweichen.”

Das wäre wichtig.

Denn außerhalb der Vereinigten Staaten könnten einige Länder weiterhin auf der radikalen Vorstellung bestehen, dass Zahlen einen mathematisch bestimmbaren Wert besitzen.

Insbesondere die Schweiz dürfte Schwierigkeiten machen.

Dort vertraut man traditionell auf Dinge wie Buchhaltung, Präzision und Uhren.

Alles Konzepte, die dem gefühlten Wechselkurs unnötige Grenzen setzen.

Inflation wird ebenfalls gefühlt

Der nächste logische Schritt wäre die patriotische Inflation.

Normale Inflation besitzt ebenfalls die unangenehme Angewohnheit, schlechte Nachrichten zu produzieren.

Lebensmittel werden teurer?

Falsch.

Der Dollar kauft lediglich patriotisch kleinere Mengen.

Benzin kostet mehr?

Nein.

Der Liter hat jetzt einen höheren Freiheitswert.

Eine Packung Eier kostet zehn Dollar?

Das sind keine teuren Eier.

Das sind Premium Freedom Eggs.

Damit ließe sich praktisch jedes wirtschaftliche Problem beseitigen.

Sinkt die Kaufkraft, wird einfach die Maßeinheit geändert.

Aus einem Dollar werden zwei Freedom Dollars.

Aus zwei Freedom Dollars werden fünf Liberty Credits.

Und wenn das ebenfalls nicht reicht, führt man den Super Presidential Dollar ein.

Wechselkurs:

Ein Super Presidential Dollar entspricht immer genau dem Betrag, den man gerade benötigt.

Ökonomen nennen dieses System vermutlich “vollständigen Zusammenbruch monetärer Vergleichbarkeit”.

Das Weiße Haus könnte es “Dienstag” nennen.

Der Weltwährungsfonds der Gefühle

Auch internationale Institutionen müssten reagieren.

Der Internationale Währungsfonds könnte künftig neben seinen normalen Statistiken eine zweite Tabelle veröffentlichen.

Tatsächlicher Wechselkurs: 1 Dollar = 0,86 Euro.

Patriotischer Wechselkurs: 1 Dollar = mindestens sehr viel.

Präsidentieller Wechselkurs: 1 Dollar = mehr als gestern, unabhängig davon, was gestern war.

Donald-Trump-Wechselkurs: bester Wechselkurs aller Zeiten.

Damit wäre endlich das zentrale Problem der Wirtschaftswissenschaft gelöst:

Dass Daten manchmal nicht das gewünschte Ergebnis liefern.

Jahrhundertelang versuchten Ökonomen, ihre Theorien an die Realität anzupassen.

Der patriotische Wechselkurs dreht das Verfahren einfach um.

Die Realität muss sich künftig an die Pressemitteilung halten.

Das spart enorm viel Arbeit.

Der Dollar besiegt schließlich sich selbst

Problematisch wird es allerdings, wenn zwei Amerikaner miteinander handeln.

Denn wenn der Dollar von Person A grundsätzlich mehr wert ist als der Dollar von Person B, gleichzeitig aber der Dollar von Person B mehr wert sein muss als der Dollar von Person A, entsteht ein monetäres Phänomen, das Physiker möglicherweise als finanzpolitisches Schwarzes Loch bezeichnen würden.

Ein Hamburger kostet einen Dollar.

Der Kunde bezahlt mit einem Dollar.

Der Verkäufer stellt fest, dass der erhaltene Dollar mehr wert ist als der verlangte Dollar.

Er müsste Wechselgeld herausgeben.

Doch dieses Wechselgeld wäre wiederum mehr wert als der ursprüngliche Dollar.

Nach ungefähr sieben Transaktionen besitzt der Kunde theoretisch das Restaurant, die Bank, drei Bundesstaaten und einen mittelgroßen Flugzeugträger.

Das System hätte also gewisse Startschwierigkeiten.

Aber dafür gibt es schließlich Experten.

Sie könnten eine Kommission einsetzen.

Die Kommission erstellt einen Bericht.

Der Bericht kommt zu dem Ergebnis, dass ein Dollar weiterhin ein Dollar ist.

Daraufhin könnte Donald Trump erklären, dieses Ergebnis sei völlig unfair gegenüber dem Dollar.

Und damit beginnt die Reform von vorn.

Am Ende besitzt Amerika dann vielleicht tatsächlich die stärkste Währung der Welt – zumindest auf dem offiziellen Schild im Finanzministerium.

Während Euro, Yen, Pfund und Franken weiterhin langweilig nach Angebot, Nachfrage, Zinsen und wirtschaftlichen Erwartungen bewertet werden, bekommt der Dollar etwas viel Mächtigeres:

Selbstbewusstsein.

Und sollte irgendein Börsenhändler behaupten, der Dollar sei gefallen, muss er künftig nur noch die entscheidende Frage beantworten:

Gefallen – oder lediglich patriotisch tiefer geflogen?

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