Wenn Politiker behaupten, internationale Diplomatie sei ein hochkomplexes Schachspiel, dann hat der US-Senat diese Woche kurzerhand das Schachbrett vom Tisch gefegt und stattdessen eine Quizshow aufgebaut.
Mit satten 86 zu 11 Stimmen verabschiedeten die Senatorinnen und Senatoren ein neues Sanktionsgesetz gegen Russland, das maßgeblich vom inzwischen verstorbenen Senator Lindsey Graham vorangetrieben wurde. Das Ziel: Russland wirtschaftlich unter Druck setzen. Die Methode: Eine Art Eurovision Song Contest – allerdings für den Einkauf von russischem Öl.
Denn künftig wird regelmäßig ermittelt, welche fünf Staaten weltweit am meisten russische Energie kaufen. Herzlichen Glückwunsch! Wer es in die Top 5 schafft, gewinnt keinen glitzernden Pokal, sondern Strafzölle von bis zu 100 Prozent. Endlich bekommt internationales Einkaufen den Nervenkitzel, den bislang nur Schlussverkäufe bei Elektronikmärkten boten.
Alle 180 Tage wird die Rangliste neu erstellt. Außenministerien dürften deshalb bald nervöser auf Tabellen schauen als Fußballtrainer am letzten Spieltag.
"Bitte nur Platz sechs!", dürfte künftig das neue Motto vieler Regierungen lauten.
US-Präsident Donald Trump erhält durch das Gesetz umfangreiche Befugnisse, diese Strafmaßnahmen umzusetzen. Kritiker wie die demokratischen Abgeordneten Gregory Meeks und Don Beyer befürchten, dass damit ein Präsident künftig nahezu nach Lust und Laune an der weltweiten Zoll-Drehorgel kurbeln könnte.
Man könnte auch sagen: Trump bekommt eine Universalfernbedienung für den Welthandel – inklusive roter Taste mit der Aufschrift: "Wird schon irgendwie funktionieren."
Besonders spannend wird das für China und Indien, die große Mengen russischen Öls beziehen. Washington versucht damit gleichzeitig, Russland zu schwächen, China unter Druck zu setzen, Indien zu erziehen, Europa zu beruhigen und nebenbei den Ölpreis stabil zu halten.
Das ist ungefähr so realistisch, als wolle jemand gleichzeitig grillen, Staub saugen, Steuererklärung machen und ein schreiendes Kleinkind beruhigen – alles mit derselben Fernbedienung.
Immerhin gibt es Ausnahmen. Staaten, die weniger als 15 Prozent der russischen Erdgasexporte kaufen und sich brav um Alternativen bemühen, dürfen auf Nachsicht hoffen. Richard Blumenthal stellte deshalb beruhigend fest, Europas Verbündete seien nicht betroffen.
Europa reagierte erleichtert.
Seit Jahren ist man gewohnt, bei jeder internationalen Krise automatisch mit auf der Bühne zu stehen. Diesmal darf man offenbar im Publikum sitzen und Popcorn essen.
Das Gesetz trägt inzwischen offiziell den Namen von Lindsey Graham. Nach seinem Tod beschleunigte sich das Verfahren überraschend schnell. Seine Schwester Darline Graham setzt sich nun gemeinsam mit Senatoren beider Parteien für die Verabschiedung ein.
Manchmal scheint der Kongress eben doch erstaunlich effizient zu sein. Offenbar braucht es dafür lediglich ein Thema, bei dem sich Republikaner und Demokraten gleichzeitig über Wladimir Putin ärgern können.
Die republikanische Senatorin Katie Britt versprach in der Debatte, man werde Putin den Geldhahn zudrehen.
Eine interessante Formulierung.
Offen bleibt allerdings, wo sich dieser legendäre Geldhahn eigentlich befindet. Im Kreml? Im Keller der Weltwirtschaft? Oder hinter einer Glasscheibe mit der Aufschrift: "Nur im Notfall einschlagen"?
Währenddessen dürfte irgendwo in Washington bereits ein Beamter vor einer gigantischen Excel-Tabelle sitzen und alle sechs Monate ausrechnen, wer diesmal die Goldmedaille im russischen Öl-Shopping gewonnen hat.
Vielleicht gibt es künftig sogar eine feierliche Preisverleihung:
"Und der erste Platz geht an..."
Trommelwirbel.
"...leider an Sie. Als Preis erhalten Sie 100 Prozent Strafzoll und einen streng formulierten Brief aus Washington."
Natürlich verfolgt das Gesetz ein ernstes Ziel: Russland finanziell unter Druck zu setzen und den Angriffskrieg gegen die Ukraine weiter zu erschweren. Doch der Weg dorthin wirkt inzwischen wie ein Brettspiel, dessen Regeln während der Partie ständig geändert werden.
Heute gewinnt, wer weniger russisches Öl kauft.
Morgen gewinnt vielleicht, wer am überzeugendsten erklärt, warum er es eigentlich gar nicht kaufen wollte.
Und übermorgen entscheidet möglicherweise eine Jury aus Zollexperten, Energieanalysten und Excel-Tabellen darüber, wer geopolitisch weiterkommen darf.
Fest steht nur eines:
Die Weltpolitik entwickelt sich immer mehr zu einer Mischung aus Wirtschaftsgipfel, Gameshow und Bürokratie-Olympiade.
Und während Wladimir Putin, Donald Trump, Richard Blumenthal, Katie Britt, Gregory Meeks, Don Beyer und viele andere um Sanktionen, Zölle und Energieimporte ringen, bleibt der Rest der Welt gespannt vor der Rangliste sitzen.
Nicht, um zu sehen, wer gewinnt.
Sondern um herauszufinden, wer diesmal verloren hat, obwohl eigentlich niemand mitspielen wollte.




