Der Bundestag hat beschlossen, die Notfallversorgung neu zu ordnen. Ziel: Patientinnen und Patienten sollen künftig schneller dort landen, wo ihnen tatsächlich geholfen werden kann.
Das klingt vernünftig.
Und deshalb ist selbstverständlich sofort Misstrauen angebracht.
Künftig soll zunächst fachlich eingeschätzt werden, wie dringend ein Fall ist. Telefonisch oder direkt vor Ort. Danach geht es weiter in die Arztpraxis, die Notdienstpraxis, die Notaufnahme oder – falls es wirklich ernst ist – mit dem Rettungsdienst dorthin, wo die Lage nicht mehr mit Kamillentee und einem Pflaster lösbar ist.
Deutschland führt damit praktisch das medizinische Routing ein.
Nicht mehr:
„Mir geht es schlecht.“
Sondern:
„Bitte bleiben Sie in der Leitung, Ihre Erkrankung wird nun nach Dringlichkeit sortiert.“
Besonders spannend ist die geplante Verzahnung von Notruf und ärztlichem Bereitschaftsdienst.
Damit könnten zwei bekannte Telefonnummern endlich aufhören, nebeneinander herzuleben wie zwei Behörden, die sich seit Jahren im selben Gebäude begegnen, aber nicht sicher sind, ob sie miteinander sprechen dürfen.
Die neue Idee lautet sinngemäß:
Wenn jemand Hilfe braucht, soll das System herausfinden, welche Hilfe.
Revolutionär.
Bislang bestand die medizinische Selbstdiagnose vieler Bürger eher aus drei Stufen:
„Geht schon.“
„Geht überhaupt nicht.“
„Jetzt sofort Notaufnahme.“
Künftig übernimmt diese Entscheidung Fachpersonal.
Damit könnte zumindest verhindert werden, dass jemand mit einer Erkältung im Schockraum landet, während ein anderer mit ernsthaften Beschwerden noch überlegt, ob er lieber morgen beim Hausarzt anruft.
Natürlich braucht Deutschland dafür zunächst neue Abläufe, Schnittstellen und vermutlich zahlreiche Arbeitsgruppen.
Denn bevor ein Patient zielgerichtet versorgt werden kann, muss erst geklärt werden, welches System welchem System mitteilen darf, dass der Patient überhaupt existiert.
Im Idealfall funktioniert es dann so:
Anruf.
Einschätzung.
Weiterleitung.
Behandlung.
Im deutschen Verwaltungsmodus könnte es dagegen auch heißen:
Anruf.
Einschätzung.
Weiterleitung.
Rückfrage.
Datenschutzprüfung.
Zuständigkeitsklärung.
Noch eine Weiterleitung.
Und irgendwann die erfreuliche Nachricht:
„Ihre akute Erkrankung wurde erfolgreich einem Fachverfahren zugeordnet.“
Die Reform hat trotzdem Charme.
Denn vielleicht endet damit endlich ein nationales Ritual:
stundenlanges Sitzen in überfüllten Notaufnahmen mit Menschen, die gleichzeitig alles zwischen gebrochenem Arm und leicht gereiztem Mückenstich präsentieren.
Sollte das neue System funktionieren, wäre das fast schon verdächtig effizient.
Und sollte es nicht funktionieren, bleibt immerhin ein Trost:
Dann weiß der Patient künftig wenigstens schneller, wo er falsch ist.




