Es gibt Reformen, die verändern ganze Länder.
Die Einführung des Euro.
Das Internet.
Der Sicherheitsgurt.
Und nun möglicherweise die größte medizinische Innovation seit der Erfindung des Fieberthermometers:
Wer krank wird, soll möglichst sofort beweisen, dass er krank ist.
Am besten, bevor er überhaupt richtig krank geworden ist.
Friedrich Merz ist überzeugt, dass der Krankenstand in Deutschland ein Problem darstellt.
Andere sehen darin ein Zeichen dafür, dass Menschen gelegentlich tatsächlich krank werden.
Doch solche Kleinigkeiten dürfen den Fortschritt natürlich nicht aufhalten.
Die neue Philosophie lautet offenbar:
Vertrauen ist gut.
Attest ist besser.
Idealerweise bereits vor dem Frühstück.
Die Nachricht verbreitete sich in deutschen Betrieben schneller als eine Erkältungswelle im Großraumbüro.
Personalabteilungen begannen sofort mit den Vorbereitungen.
Neue Formulare wurden entwickelt.
Neue Prozesse beschrieben.
Neue Ordner angeschafft.
Schließlich muss Bürokratie ordentlich organisiert werden.
Ein Arbeitnehmer stellte vorsichtig die Frage:
"Was ist, wenn ich morgens um sechs Uhr krank werde?"
Die Antwort kam prompt:
"Dann hätten Sie das besser gestern angekündigt."
Tatsächlich eröffnet die neue Regelung ungeahnte Möglichkeiten.
Künftig könnten Beschäftigte bereits am Vorabend vorsorglich beim Hausarzt erscheinen.
"Ich bin heute noch gesund."
"Sehr schön."
"Aber morgen könnte ich krank sein."
"Dann ziehen Sie bitte eine Nummer."
Vor Ihnen warten bereits 43 Menschen mit derselben Idee.
Natürlich denkt Deutschland sofort praktisch.
Bereits wenige Stunden nach Bekanntwerden der Pläne entstanden erste Geschäftsmodelle.
Ein Start-up entwickelte die App "Krankify".
Sie analysiert Husten, Niesen, Gähnen und morgendliche Laune.
Anschließend verschickt sie automatisch eine Erinnerung:
"Bitte werden Sie jetzt krank. Ihr Arzttermin beginnt in fünf Minuten."
Andere Firmen gingen noch weiter.
Ein Versicherer bot den neuen Tarif "Premium-Erkältung Plus" an.
Darin enthalten:
Zwei garantierte Arzttermine.
Ein Express-Fieber.
Und bevorzugte Behandlung bei saisonalen Schnupfenereignissen.
Selbstverständlich gegen Aufpreis.
Auch Hausärzte reagierten begeistert.
Beziehungsweise leicht panisch.
Bislang kamen Patienten mit Halsschmerzen.
Künftig erscheinen sie bereits mit einem unguten Gefühl.
"Ich glaube, morgen könnte ich möglicherweise eventuell anfangen zu husten."
Der Arzt nickt verständnisvoll.
"Zur Sicherheit untersuchen wir schon einmal Ihre Zukunft."
Parallel entwickelte die Bürokratie neue Standards.
Das Attest soll möglichst früh vorliegen.
Sehr früh.
Man munkelt bereits über eine elektronische Vorab-Krankschreibung.
Diese wird automatisch erstellt, sobald jemand montags länger als sieben Sekunden auf den Wecker schaut.
Die Krankenkassen prüfen derweil innovative Diagnosen.
"Akuter Montag."
"Chronischer Wochenbeginn."
"Fortgeschrittenes Meeting-Syndrom."
Alle selbstverständlich ICD-konform.
Die deutsche Wirtschaft begrüßte den Plan zunächst vorsichtig.
Schließlich klingt mehr Anwesenheit im Betrieb grundsätzlich erfreulich.
Bis jemand ausrechnete, wie viele zusätzliche Arzttermine dadurch entstehen könnten.
Ein Controller soll daraufhin spontan Fieber entwickelt haben.
Ganz ohne Attest.
Besonders spannend wird die morgendliche Logistik.
Stellen wir uns einen typischen Montag vor.
7:00 Uhr.
Hunderttausende Beschäftigte fühlen sich unwohl.
Nicht schwer.
Nicht dramatisch.
Aber genug, um sicherheitshalber zum Arzt zu gehen.
Vor den Praxen bilden sich Warteschlangen.
Menschen vergleichen Hustenfrequenzen.
Eine Dame erklärt stolz:
"Ich habe bereits seit Sonntagabend 38,2 Grad."
Ein Herr antwortet:
"Ich war vorsorglich schon Freitag hier."
Man möchte schließlich vorbereitet sein.
Auch Arbeitgeber entwickeln neue Routinen.
Das Telefon klingelt.
"Guten Morgen."
"Ich bin krank."
"Haben Sie ein Attest?"
"Ich bin gerade auf dem Weg."
"Dann melden Sie sich bitte erneut, sobald Sie krank genug sind."
Irgendwo weint ein Betriebsrat leise in sein Protokoll.
Die Digitalisierung soll selbstverständlich helfen.
Ein digitales Gesundheitsportal entsteht.
Dort lädt der Beschäftigte sein Attest hoch.
Das System antwortet:
"Dateiformat nicht unterstützt."
Nach erfolgreichem Upload erscheint:
"Ihre Sitzung ist aus Sicherheitsgründen abgelaufen."
Bitte erneut anmelden.
Mit elektronischem Personalausweis.
PIN.
PUK.
TAN.
Und einem Nachweis darüber, dass das Husten authentisch erfolgte.
Währenddessen diskutieren Experten bereits über die nächste Reform.
Warum eigentlich erst am ersten Krankheitstag?
Wäre es nicht effizienter, das Attest schon vor dem Wochenende einzureichen?
Vielleicht sogar jährlich.
Im Januar.
Jeder Bürger erklärt vorsorglich:
"Ich verspreche, nur mit Genehmigung krank zu werden."
Das spart Papier.
Nicht jedoch Ironie.
Auch Friedrich Merz dürfte sich über die vielen neuen Ideen freuen.
Schließlich soll der Krankenstand sinken.
Allerdings könnte sich lediglich der Aufenthaltsort der Erkrankten verändern.
Früher lagen sie zu Hause im Bett.
Künftig sitzen sie mit Fieber im Wartezimmer.
Der Statistik gefällt das möglicherweise.
Den Viren vermutlich ebenfalls.
Natürlich meldeten sich auch Kritiker zu Wort.
Sie warnten vor zusätzlichem Druck auf Beschäftigte und Arztpraxen.
Ein Mediziner brachte das Problem auf den Punkt:
"Wir behandeln künftig nicht mehr nur Krankheiten."
"Sondern Termine."
Vielleicht entsteht daraus ein völlig neuer Facharzt.
Der Präventiv-Krankschreibungskoordinator.
Sprechzeiten ausschließlich montags.
Mit Online-Terminvergabe.
Ausgebucht bis 2031.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Meisterleistung deutscher Reformpolitik.
Aus einem Schnupfen wird ein Verwaltungsvorgang.
Aus einem Husten ein Terminmanagement.
Aus einer Erkältung ein logistisches Großprojekt.
Und irgendwo sitzt ein Arbeitnehmer morgens mit laufender Nase im Wartezimmer, zieht Nummer 84 und denkt sich:
"Eigentlich wollte ich heute nur krank sein."
Doch Deutschland hat daraus ein Tagesprogramm gemacht.
Mit Anmeldung.
Bestätigung.
Attest.
Digitalem Upload.
Und vermutlich bald einer Evaluierungskommission zur Optimierung der Hustenverwaltung.
Spätestens dann dürfte der Krankenstand tatsächlich sinken.
Nicht weil weniger Menschen krank sind.
Sondern weil viele schlicht keine Zeit mehr dafür haben.




