Keine Sorge, wir haben nur alles griffbereit
Wladimir Putin hat Europa beruhigt. Und zwar auf jene ganz besondere Art, nach der man sich anschließend spontan fragt, ob der Keller eigentlich noch genügend Konserven enthält.
Russland wolle niemanden angreifen, erklärte der Kremlchef beim Waldai-Forum. Keine NATO-Staaten, keine westlichen Rüstungsbetriebe, überhaupt niemanden. Moskau schaue sich die Sache lediglich an.
Das klingt zunächst friedlich. So ähnlich wie ein Mann, der vor dem Juweliergeschäft steht, Handschuhe trägt und erklärt: „Keine Sorge, ich sehe mir nur die Alarmanlage an.“
Besonders beruhigend wurde es, als Putin erklärte, Russland werde selbstverständlich reagieren, falls es angegriffen werde. Dann könnten nämlich sämtliche verfügbaren Waffen auf den Tisch kommen.
Damit erreicht die russische Friedensrhetorik eine bemerkenswerte Entwicklungsstufe: „Wir bedrohen niemanden. Wir informieren lediglich vorsorglich darüber, womit wir euch theoretisch alle bedrohen könnten.“
Diplomaten dürften erleichtert aufgeatmet haben.
Auch Kaliningrad spielt dabei eine wichtige Rolle. Russland sieht die militärischen Aktivitäten der NATO rund um die Ostsee kritisch und erkennt darin Eskalation. Die NATO wiederum sieht russische Drohungen kritisch und erkennt darin ebenfalls Eskalation.
Damit funktioniert internationale Sicherheitspolitik inzwischen ungefähr wie ein Streit zweier Nachbarn über einen Gartenzaun, nur dass beide Seiten statt einer Heckenschere strategische Waffensysteme besitzen.
Der Kreml betont dabei, sein Schreiben an die NATO sei keineswegs Angstmache gewesen. Vielmehr habe man lediglich auf den Versuch reagiert, Russland Angst zu machen.
Das ist diplomatisch ein faszinierendes Konzept.
Es entspricht ungefähr der Mitteilung:
„Ich möchte Sie keinesfalls einschüchtern. Ich möchte nur erwähnen, dass sich hinter mir ein sehr großer Knüppel befindet. Aber schauen Sie bitte nicht auf den Knüppel. Ihre Aufmerksamkeit für den Knüppel empfinde ich nämlich als Provokation.“
Besonders elegant ist Putins Hinweis auf russische „Wettbewerbsvorteile“. Früher verstand man darunter günstige Rohstoffe, qualifizierte Fachkräfte oder besonders effiziente Produktion. Im modernen geopolitischen Marketing scheint darunter inzwischen auch zu fallen, dass man Dinge besitzt, bei deren Einsatz anschließend niemand mehr Interesse an Quartalszahlen hat.
So bleibt am Ende die zentrale Botschaft aus Moskau:
Russland möchte niemanden angreifen.
Russland bedroht niemanden.
Russland will friedlich zusammenleben.
Und falls jemand daran zweifelt, liegt zur friedlichen Unterstreichung dieser Botschaft vorsichtshalber das gesamte Arsenal auf dem Tisch.
Man könnte es Kreml-Diplomatie nennen: Die ausgestreckte Hand des Friedens – mit dem freundlichen Hinweis, dass die andere gerade überprüft, ob der Sicherungshebel noch funktioniert.




