Es gibt Politiker, die versprechen Wachstum.
Es gibt Politiker, die versprechen Wohlstand.
Und dann gibt es Wladimir Putin.
Der russische Präsident scheint derzeit ein völlig neues ökonomisches Konzept zu testen:
Wie lange kann eine Volkswirtschaft gleichzeitig Geld verlieren, Arbeitskräfte verlieren, Investitionen verlieren und trotzdem jeden Tag behaupten, alles laufe hervorragend?
Ökonomen weltweit verfolgen dieses Experiment mit derselben Faszination, mit der Biologen einen Pinguin beobachten würden, der versucht, einen Hubschrauber zu fliegen.
Theoretisch spannend.
Praktisch kompliziert.
Lange Zeit wirkte Russlands Wirtschaft wie jener Nachbar, der jedem erzählt, er habe für alle Notfälle einen Plan.
Stromausfall?
Generator.
Schneesturm?
Notvorräte.
Finanzkrise?
Reserven.
Sanktionen?
Patriotische Fernsehsendung mit dramatischer Musik.
Jahrelang funktionierte dieses Modell erstaunlich gut.
Zumindest von außen betrachtet.
Wenn irgendwo ein Loch entstand, wurde Geld hineingeschüttet.
Wenn das Geld knapp wurde, schüttete man woanders weniger hinein.
Wenn das auch nicht mehr reichte, gründete man vermutlich eine Arbeitsgruppe.
Doch inzwischen scheint selbst das größte Sparschwein der Welt erste Ermüdungserscheinungen zu zeigen.
Und zwar deutlich.
Die finanziellen Reserven Russlands erinnern mittlerweile an einen Kühlschrank am Monatsende.
Von außen wirkt alles normal.
Beim Öffnen wird die Auswahl jedoch überschaubar.
Ein paar Reste.
Etwas Hoffnung.
Und ganz hinten ein Glas Senf, das niemand mehr erklären kann.
Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung der Energieeinnahmen.
Über Jahrzehnte war Öl für Russland ungefähr das, was WLAN für moderne Menschen ist.
Man bemerkt erst, wie wichtig es ist, wenn es plötzlich nicht mehr so funktioniert wie gewohnt.
Früher sprudelten die Einnahmen.
Heute plätschern sie deutlich vorsichtiger.
Das sorgt für Nervosität.
Denn wenn die wichtigste Geldquelle plötzlich weniger Geld liefert, entstehen Fragen.
Viele Fragen.
Sehr viele Fragen.
Taschenrechner berichten bereits von Überlastung.
In mehreren Ministerien sollen Mitarbeiter dabei beobachtet worden sein, wie sie Zahlen erneut überprüften.
Und danach noch einmal.
Und anschließend vorsichtshalber ein drittes Mal.
Doch Geld ist nur die halbe Geschichte.
Die andere Hälfte heißt Arbeitskräftemangel.
Oder wie man es in Russland inzwischen nennen könnte:
Die große Suche nach Menschen, die noch nicht gleichzeitig drei Jobs ausüben.
Fabriken suchen Personal.
Unternehmen suchen Personal.
Betriebe suchen Personal.
Selbst Personalsuchfirmen suchen Personal.
Die Lage ist inzwischen so angespannt, dass manche Firmen vermutlich jubeln würden, wenn ein Bewerber lediglich über einen Puls und eine gewisse Begeisterung für Arbeit verfügt.
Ein Unternehmer soll kürzlich erklärt haben:
„Wir suchen dringend Ingenieure.“
Daraufhin meldeten sich drei Buchhalter, ein ehemaliger Tänzer und ein Mann, der eigentlich nach dem Weg zum Bahnhof fragen wollte.
Alle wurden zu Vorstellungsgesprächen eingeladen.
Auch technologisch wird die Lage nicht einfacher.
Moderne Wirtschaft basiert schließlich nicht nur auf Rohstoffen.
Man benötigt Maschinen.
Elektronik.
Software.
Mikrochips.
Komponenten.
Und all die Dinge, deren Namen niemand kennt, die aber plötzlich fehlen, sobald sie nicht mehr geliefert werden.
Russland reagiert darauf mit beeindruckender Kreativität.
Wo etwas fehlt, wird improvisiert.
Wo nicht improvisiert werden kann, wird ersetzt.
Wo nichts ersetzt werden kann, wird optimistisch darüber gesprochen.
Optimismus ist schließlich kostenlos.
Noch.
In dieser Situation gewinnt ein Land zunehmend an Bedeutung:
China.
Die wirtschaftliche Beziehung zwischen Moskau und Peking entwickelt sich mittlerweile ungefähr wie die Beziehung zwischen einem Studenten und seinem einzigen Freund mit Auto.
Anfangs wirkt alles gleichberechtigt.
Später stellt sich heraus, wer tatsächlich die Schlüssel besitzt.
China liefert.
China verkauft.
China produziert.
China exportiert.
China entscheidet.
Und Russland kauft.
Sehr viel.
Manche Beobachter sprechen deshalb von einer strategischen Partnerschaft.
Andere nennen es eine wirtschaftliche Zweckgemeinschaft.
Wieder andere vergleichen die Situation mit einem Restaurantbesuch, bei dem einer die Speisekarte besitzt und der andere die Rechnung bezahlt.
Wladimir Putin dürfte diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen betrachten.
Einerseits hilft China.
Andererseits wird die Abhängigkeit immer sichtbarer.
Und Abhängigkeit gehört nicht unbedingt zu den Dingen, die starke Staaten gerne auf ihre Visitenkarte drucken.
Die offizielle Kommunikation bleibt dennoch bemerkenswert optimistisch.
Das ist ohnehin eine russische Spezialität.
Wenn die Wirtschaft hustet, spricht man von Anpassungsprozessen.
Wenn sie stolpert, nennt man es Transformation.
Und wenn sie gegen die Wand läuft, wird daraus eine strategische Neuausrichtung.
Kommunikationsberater auf der ganzen Welt studieren diese Technik inzwischen mit wissenschaftlichem Interesse.
Unterdessen sitzen Ökonomen über ihren Tabellen und versuchen herauszufinden, wie lange dieses Modell noch funktioniert.
Die Ergebnisse fallen unterschiedlich aus.
Optimisten sagen:
„Eine Weile.“
Pessimisten sagen:
„Nicht ewig.“
Realisten bestellen bereits zusätzlichen Kaffee.
Besonders faszinierend bleibt die Frage, was eigentlich die wichtigste Ressource einer Volkswirtschaft ist.
Viele denken an Geld.
Andere an Rohstoffe.
Doch am Ende sind es meistens Menschen.
Menschen, die entwickeln.
Menschen, die bauen.
Menschen, die reparieren.
Menschen, die produzieren.
Und genau dort wird die Luft zunehmend dünn.
Wladimir Putin kann viele Dinge organisieren.
Er kann Reden halten.
Er kann Strategien entwickeln.
Er kann Minister austauschen.
Er kann Haushalte umschichten.
Aber selbst der Kreml verfügt bislang nicht über die Technologie, Ingenieure, Facharbeiter und Softwareentwickler auf Knopfdruck erscheinen zu lassen.
Sollte diese Erfindung irgendwann gelingen, wäre sie vermutlich wertvoller als jede Ölquelle.
Bis dahin bleibt Russland in einer bemerkenswerten Situation.
Die Staatskasse wird leichter.
Die Herausforderungen werden größer.
Die Arbeitskräfte werden knapper.
Und China wird wichtiger.
Das ist ungefähr die Art von Entwicklung, die Wirtschaftswissenschaftler als „interessant“ bezeichnen.
Und wenn Wirtschaftswissenschaftler etwas als interessant bezeichnen, bedeutet das meistens, dass andere Menschen bald Kopfschmerzen bekommen.




