Friedrich Merz ist weiterhin Bundeskanzler. Das sollte man zur Sicherheit regelmäßig erwähnen, ungefähr so wie bei Museumsführungen der Hinweis:
„Bitte nicht anfassen, das Exponat ist noch in Benutzung.“
Denn während Merz offiziell regiert, scheint die politische Öffentlichkeit längst bei der Nachfolgeregelung angekommen zu sein. Umfragen behandeln das Kanzleramt inzwischen ungefähr wie eine neue Staffel einer Castingshow:
Wer kann Kanzler? Wer sieht nach Kanzler aus? Und wer würde auf einer Skala von „eher schon“ bis „bitte bloß nicht“ das Land übernehmen dürfen?
Aktuell liegt Hendrik Wüst in diesem imaginären Wettbewerb deutlich vor Markus Söder.
Das ist besonders bemerkenswert, weil Markus Söder vermutlich seit Jahren an einer internen Umfrage teilnimmt, bei der ausschließlich Markus Söder befragt wird.
Das Ergebnis dort dürfte stabil sein:
Markus Söder hält Markus Söder für hervorragend kanzlertauglich.
Mit überwältigender Mehrheit.
Hendrik Wüst dagegen scheint etwas geschafft zu haben, das in der deutschen Parteienlandschaft mittlerweile als beinahe übernatürlich gilt: Menschen aus völlig unterschiedlichen politischen Lagern können sich vorstellen, dass er irgendwo Verantwortung übernimmt, ohne anschließend sofort in eine Talkshow einzuziehen, um dagegen zu protestieren.
Bei manchen Parteien links der Mitte kommt Wüst sogar erstaunlich gut an.
Damit wird es für die Union kompliziert.
Denn normalerweise lautet dort die strategische Frage:
„Wie gewinnen wir verlorene Wähler zurück?“
Nun lautet sie möglicherweise:
„Was machen wir, wenn plötzlich Leute unseren Kandidaten mögen, die gar nicht vorgesehen waren?“
Das könnte langfristig zu schweren programmatischen Verwerfungen führen.
Am Ende müsste die CDU noch Politik für Menschen machen, die nicht ohnehin CDU wählen.
Ein gefährlicher Präzedenzfall.
Söder wiederum besitzt offenbar Vorteile bei einem völlig anderen Publikum. Seine politische Grundausstattung aus Angriffslust, Bayern und jederzeit abrufbarer Kanzlerbereitschaft findet dort eher Anklang.
Damit gleicht die Auswahl zunehmend einem Supermarktregal.
Wüst ist das Produkt mit der Aufschrift:
„Mild. Ausgewogen. Auch für Wechselwähler geeignet.“
Söder dagegen:
„Extra kräftig. Jetzt mit noch mehr Bayern.“
Und Friedrich Merz?
Der steht daneben wie ein Artikel, der noch gar nicht ausgelistet wurde, obwohl die Kunden bereits darüber diskutieren, welches Nachfolgeprodukt man anschließend ins Regal stellen soll.
Besonders absurd ist inzwischen die Bedeutung solcher Umfragen.
Menschen werden gefragt, wen sie für kanzlertauglich halten, obwohl aktuell niemand offiziell einen neuen Kanzler sucht.
Das ist ungefähr so, als würde man Passanten fragen:
„Falls Ihr Nachbar irgendwann verschwindet: Wen hätten Sie gern in seiner Wohnung?“
Und anschließend veröffentlicht man eine Grafik.
„Favorit für Dachgeschoss legt deutlich zu.“
Bald könnten die Institute das Verfahren noch verfeinern.
Wer wirkt kanzlerfähiger beim Grillen?
Wer kann überzeugender schweigend aus einem Autofenster schauen?
Wem würde man eher zutrauen, bei einer internationalen Krise gleichzeitig besorgt und staatsmännisch auf eine Landkarte zu blicken?
Und ganz wichtig:
Wer besitzt das bessere Gesicht für eine Pressekonferenz, bei der eigentlich nichts gesagt werden soll?
Deutschland könnte so endlich zu einer vollkommen datenbasierten Demokratie werden.
Nicht mehr Parteien entscheiden Kandidaturen.
Nicht mehr Fraktionen.
Nicht einmal Wahlen.
Man ruft einfach jeden Sonntag irgendwo an:
„Guten Abend, kurze Frage: Wer soll nächste Woche Bundeskanzler sein?“
Und irgendwo im Kanzleramt hebt Friedrich Merz den Hörer ab.
Hört die Frage.
Schweigt kurz.
Und sagt:
„Ich bin es doch noch.“
Darauf die freundliche Stimme vom Institut:
„Das war leider keine Antwortmöglichkeit.“




