Satire
Der deutsche Führerschein steht vor einer historischen Modernisierung. Jahrzehntelang galt die völlig überholte Vorstellung, man müsse für das Autofahren tatsächlich fahren lernen. Diese kostspielige Tradition soll nun behutsam entsorgt werden.
Künftig könnte der Führerschein stärker nach dem bewährten Prinzip moderner Fluggesellschaften funktionieren: Der Einstiegspreis wirkt erfreulich niedrig, alles wirklich Nützliche kostet extra.
Im Basistarif enthalten wären demnach das Öffnen der Fahrertür, das Festhalten des Lenkrads sowie eine theoretische Einführung in die Existenz von Bremsen. Wer zusätzlich rückwärtsfahren möchte, könnte das Komfortpaket „Mobilität Plus“ buchen. Einparken wäre selbstverständlich Premium.
Auch beim theoretischen Wissen besteht großes Einsparpotenzial. Schließlich müssen Fahrschüler nicht wirklich jedes Verkehrsschild kennen. Die wichtigsten könnten reichen: Stopp, Parkplatz und jenes blaue Schild, das ungefähr bedeutet, dass irgendwo Fahrräder vorkommen könnten.
Kompliziertere Verkehrsregeln lassen sich schließlich unterwegs nachschlagen.
Dafür gibt es Smartphones.
Damit folgt die Führerscheinreform einem bewährten politischen Grundsatz: Wenn etwas zu teuer ist, muss nicht zwingend der Preis sinken. Man kann auch einfach weniger davon hineinpacken.
Das funktioniert bei Lebensmitteln bereits ausgezeichnet. Warum also nicht bei Verkehrssicherheit?
Fahrstunden könnten entsprechend stärker individualisiert werden. Wer ohnehin plant, nur geradeaus zu fahren, muss sich nicht unnötig mit Kurven belasten. Autobahnfahrten wären lediglich für Menschen erforderlich, die später tatsächlich Autobahnen benutzen möchten. Nachtfahrten wiederum könnten entfallen, sofern der Führerschein mit dem Hinweis „nur bei Tageslicht“ ausgeliefert wird.
Besonders innovativ wäre ein modulares Freischaltsystem.
Nach bestandener Prüfung erhält man zunächst „Führerschein Basic“. Enthalten sind Anfahren, Blinken nach eigenem Ermessen und eine begrenzte Nutzung des zweiten Gangs. Weitere Funktionen lassen sich später bequem ergänzen:
Spurwechsel, Kreisverkehr und Schulterblick wären Bestandteil des Sicherheitspakets.
Wer Fußgänger rechtzeitig erkennen möchte, benötigt „Assistenz Professional“.
Und Verkehrszeichen könnten monatlich per Update nachgeladen werden.
Das hätte sogar einen zusätzlichen Vorteil: Autofahrer könnten künftig stolz sagen, ihr Führerschein sei wesentlich günstiger geworden.
Dass sie anschließend nur etwa die Hälfte davon gelernt haben, wäre eine Kleinigkeit.
Schließlich soll Mobilität bezahlbar bleiben.
Und falls es irgendwann trotzdem kracht, kann die Politik beruhigt feststellen:
Der Führerschein war wenigstens günstig.




