Deutschland hat einen neuen Politthriller.
Arbeitstitel: „Mission Impossible – Das Phantom der Wahlkabine“.
Der Schauplatz: Sachsen-Anhalt. Das Tatwerkzeug: ein Stimmzettel. Der Tatort: ein Parlament. Das Problem: Bei der Wahl des AfD-Politikers Tobias Rausch tauchten mehr Ja-Stimmen auf, als man anhand der bekannten politischen Lager erwartet hatte.
Normalerweise würde jetzt eine eher langweilige Frage folgen:
Wo kamen die Stimmen her?
Doch Bundeskanzler Friedrich Merz besitzt offenbar inzwischen die politische Sonderausstattung Tom Clancy Premium.
Statt lediglich in den eigenen Reihen nachzufragen, brachte er die Möglichkeit einer False-Flag-Operation ins Spiel.
Damit erreichte deutsche Innenpolitik endgültig jenes dramaturgische Niveau, auf dem man hinter einem falsch gesetzten Kreuz nicht mehr einen Abgeordneten vermutet, sondern eine konspirative Einheit mit Nachtsichtgerät, Tarnanzug und laminiertem Einsatzbefehl.
GEHEIMDIENSTLICHER LAGEBERICHT
Codename: OPERATION FRIEDRICH WAR’S NICHT
Einstufung: Streng parlamentarisch geheim
Weitergabe nur an Personen, die glaubhaft versichern können, sich enthalten zu haben.
Lage
Unbekannte Kräfte haben sich möglicherweise Zugang zu einer geheimen Abstimmung verschafft.
Vermutet wird eine hochprofessionelle Täuschungsoperation.
Ziel: CDU-Abgeordnete so aussehen zu lassen, als hätten CDU-Abgeordnete etwas getan, was einige CDU-Abgeordnete angeblich nicht getan haben.
Die Operation gilt als außerordentlich komplex.
Insbesondere deshalb, weil sie theoretisch dadurch durchgeführt werden konnte, dass jemand einfach einen Stimmzettel anders ausgefüllt hat.
Verdächtige Gruppen
Sondereinheit Grün:
Spezialisiert auf geräuschlose Infiltration mittels Jutebeutel, Lastenrad und parlamentarischer Anfrage. Verdächtige könnten die Wahlkabine betreten haben, ohne dabei fossile Brennstoffe zu verbrauchen.
Kommando Links:
Beherrscht nachrichtendienstlich gefürchtete Techniken wie Fraktionssitzung, Zwischenruf und empörtes Pressezitat. Mögliches Erkennungszeichen: demonstratives Augenrollen bei Erwähnung des Begriffs „False Flag“.
Schattenkommando SPD:
Besonders schwer zu identifizieren, da unklar ist, ob es überhaupt einen Einsatzbefehl gab. Experten warnen: Gerade das macht die Gruppe gefährlich.
Tatmittel
Ein Stift.
Ein Zettel.
Eine Kabine.
Damit verfügt der unbekannte Täter über beinahe die komplette Ausrüstung moderner parlamentarischer Spezialkräfte.
Auffälligkeit
Mehrere Abgeordnete erklären öffentlich, sie hätten sich enthalten.
Die Zahl der behaupteten Enthaltungen soll jedoch größer sein als die Zahl der tatsächlichen Enthaltungen.
Damit erreicht der Fall eine neue Eskalationsstufe.
Die Ermittler sprechen bereits von der multiplizierenden Enthaltung.
Dabei handelt es sich um ein bislang kaum erforschtes politisches Phänomen, bei dem sich Stimmenthaltungen nach Verlassen der Wahlkabine offenbar selbst vermehren.
Möglicherweise durch Zellteilung.
Sondereinheit Enthaltung
Zur Aufklärung könnte nun die SEK-E gegründet werden.
Aufgaben:
verdeckte Beobachtung von Kugelschreibern,
forensische Analyse verdächtiger Kreuzchen,
Verhör von Wahlkabinen,
Observation auffällig schweigsamer Abgeordneter,
sowie die Erstellung eines Bewegungsprofils der Wahlurne.
Die Wahlurne gilt bislang als nicht kooperativ.
Sie schweigt.
Rekonstruktion des möglichen Tathergangs
Ein Abgeordneter betritt die Kabine.
Er schaut nach links.
Er schaut nach rechts.
Niemand da.
Dann setzt er ein Kreuz.
Sekunden später verlässt er die Kabine äußerlich unauffällig.
Ein nahezu perfektes Verbrechen.
Die Überwachungskameras liefern keine Bilder.
Weil es keine gibt.
Die Mikrofone liefern keine Tonaufnahmen.
Weil es keine gibt.
Zeugen gibt es ebenfalls keine.
Weil genau das der Sinn einer geheimen Wahl ist.
Die Ermittlungen geraten damit ins Stocken.
Bundesweite Fahndung
Gesucht wird nun nach einem Täterprofil:
männlich oder weiblich,
politisch aktiv,
Zugang zum Landtag,
kann lesen,
kann schreiben,
weiß möglicherweise, wie ein Stift funktioniert.
Die Fahndung dürfte mehrere Fraktionen betreffen.
Der dramatische Höhepunkt
Auf einer großen Pinnwand im provisorischen Lagezentrum hängen inzwischen Fotos, Fraktionslogos und Wahlergebnisse.
Alles ist mit roten Fäden verbunden.
In der Mitte:
ein Bild der Wahlurne.
Daneben steht in großen Buchstaben:
„WER BIST DU WIRKLICH?“
Ein Ermittler soll bereits versucht haben, die Urne mit der klassischen Vernehmungstechnik „guter Abgeordneter, böser Abgeordneter“ zum Reden zu bringen.
Ohne Erfolg.
Schlussfolgerung
Vielleicht gab es tatsächlich eine ausgeklügelte Täuschungsoperation.
Vielleicht kamen die Stimmen aus einer anderen Fraktion.
Vielleicht kamen sie aus der CDU.
Vielleicht wird die Wahrheit nie zweifelsfrei bekannt.
Die gefährlichste Theorie bleibt deshalb jene, die bislang niemand vollständig widerlegen konnte:
Einige Abgeordnete haben geheim gewählt.
Und danach festgestellt, dass das Wort „geheim“ keine dekorative Empfehlung war.
Deutschland sucht weiter.
Die bislang heißeste Spur führt zu einer hochprofessionellen Untergrundorganisation.
Ihr Deckname:
Abgeordnete mit eigenem Willen.
Und irgendwo in Magdeburg steht eine Wahlurne.
Regungslos.
Schweigend.
Unbestechlich.
Vermutlich denkt sie nur:
„Ich habe genau eine Aufgabe. Ihr habt daraus einen Geheimdienstfall gemacht.“




