Deutschland reformiert wieder die Rente. Das erkennt man traditionell daran, dass sehr viele Menschen erklären, was unbedingt passieren muss, während gleichzeitig sichergestellt wird, dass möglichst wenig davon passiert.
Die Rentenkommission hat dafür ein umfangreiches Paket vorgelegt. Der Kanzler möchte möglichst alles umsetzen, die SPD fast alles – womit die deutsche Politik wieder den beliebten Zustand erreicht hat: Man ist sich vollständig einig, abgesehen von allem, worüber gestritten wird.
SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf besteht insbesondere darauf, die abschlagsfreie Rente nach langjähriger Beitragszahlung beizubehalten. Wer über Jahrzehnte eingezahlt habe, müsse schließlich anders behandelt werden als jemand, der das nicht getan habe.
Eine erstaunlich eingängige Idee.
Bei konsequenter Anwendung könnte Deutschland irgendwann sogar ein Rentensystem entwickeln, bei dem Beitragszahlungen Auswirkungen auf die Rente haben.
Noch spektakulärer wird jedoch Klüssendorfs zweiter Vorschlag: Künftig sollen möglichst alle in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen.
Selbstständige.
Neue Beamte.
Und jetzt bitte festhalten:
Abgeordnete.
Damit wagt sich die Politik in gesellschaftliches Neuland. Menschen, die regelmäßig über Beitragssätze, Renteneintritt, Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit beraten, könnten erstmals Gelegenheit erhalten, das Produkt auch selbst zu benutzen.
Im Bundestag dürfte deshalb bereits eine Arbeitsgruppe „Kontakt mit der gesetzlichen Rentenversicherung“ vorbereitet werden.
Experten rechnen mit erheblichem Schulungsbedarf.
Zunächst müsste Abgeordneten behutsam erklärt werden, dass „Rentenbeitrag“ keine freiwillige Spende ist. Anschließend könnte ein Mitarbeiter der Rentenversicherung demonstrieren, wie sich das anfühlt, wenn jeden Monat Geld vom Einkommen verschwindet und man dafür das beruhigende Versprechen erhält, Jahrzehnte später noch einmal darüber zu reden.
Für besonders interessierte Parlamentarier wäre sogar ein Praxisseminar denkbar:
„Meine Renteninformation und ich – Begegnung mit einem bislang unbekannten Dokument.“
Auch neue Beamte sollen künftig Teil der großen Beitragsgemeinschaft werden. Damit verfolgt die SPD ein revolutionäres gesellschaftliches Konzept: Wenn das Rentensystem Schwierigkeiten hat, könnten einfach mehr Menschen hineingeschickt werden.
Das erinnert ein wenig an ein Schwimmbad, dessen Wasser langsam abläuft und dessen Betreiber verkündet:
„Keine Sorge, wir haben zusätzliche Badegäste organisiert.“
Immerhin hätte eine gemeinsame Rentenversicherung einen unschätzbaren politischen Vorteil: Entscheidungen über das System würden plötzlich Menschen treffen, die selbst darin versichert sind.
Rentendebatten könnten dadurch völlig neue Formen annehmen.
Ein Abgeordneter fordert ein höheres Rentenalter – und sein Sitznachbar fragt erstmals interessiert:
„Moment. Gilt das dann auch für uns?“
Plötzlich herrscht Stille.
Akten werden geprüft.
Fraktionen beantragen Beratungsbedarf.
Der Tagesordnungspunkt wird vorsorglich in die nächste Legislaturperiode verschoben.
Vielleicht liegt genau darin die genialste Rentenreform überhaupt.
Man muss Abgeordneten das gesetzliche Rentensystem gar nicht erklären.
Man muss sie nur hineinstecken.
Denn sobald diejenigen, die über Rentenalter, Beiträge und Leistungen entscheiden, ihre eigene Renteninformation im Briefkasten finden, könnte im Bundestag ein bislang unbekanntes politisches Phänomen auftreten:
persönliche Betroffenheit.
Plötzlich wäre die Rente keine komplizierte Frage der Generationengerechtigkeit mehr, sondern etwas, das vom eigenen Konto abgeht.
Und spätestens wenn der erste Abgeordnete seinen Rentenbescheid liest und fragt:
„Davon soll man später leben?“
dürfte Deutschland erleben, was bislang keine Rentenkommission geschafft hat:
eine Rentenreform noch vor der Mittagspause.




