Russland hat die internationale Öffentlichkeit beruhigt.
Es besteht keinerlei epidemisches Risiko.
Das ist erfreulich.
Etwas irritierend ist lediglich, dass gleichzeitig Kontaktpersonen überwacht, umfangreiche Laboruntersuchungen vorgenommen werden und internationale Gesundheitsorganisationen weitere Informationen wünschen.
Aber vermutlich handelt es sich lediglich um die traditionelle russische Form maximaler Entwarnung:
Wenn genug Menschen untersucht werden, kann besonders gründlich festgestellt werden, dass überhaupt nichts passiert.
Ausgangspunkt ist der Tod einer Mitarbeiterin eines sibirischen Forschungsinstituts, das sich ausgerechnet mit gefährlichen Krankheitserregern einschließlich Pest beschäftigt. Die Todesursache ist bislang nicht abschließend geklärt. Russische Behörden berichten, bei ihren Untersuchungen keine gefährlichen Erreger gefunden zu haben.
Nun gibt es Medienberichte über einen möglicherweise weiteren Mitarbeiter mit einer ungeklärten Lungenentzündung.
Die WHO fragt deshalb nach.
In Genf dürfte das Telefonat ungefähr so verlaufen:
WHO: „Guten Tag. Wir hätten gerne Informationen über den möglichen weiteren Erkrankungsfall.“
Russland: „Es besteht keinerlei epidemisches Risiko.“
WHO: „Das war nicht unsere Frage.“
Russland: „Dann haben Sie jetzt trotzdem unsere Antwort.“
WHO: „Ist ein weiterer Mitarbeiter erkrankt?“
Russland: „Keinerlei Risiko.“
WHO: „Ist das ein Ja oder ein Nein?“
Russland: „Das ist ein keinerlei Risiko.“
Kurze Pause.
WHO: „Was war die genaue Todesursache der Wissenschaftlerin?“
Russland: „Lungenentzündung ungeklärter Ursache.“
WHO: „Und wodurch wurde die verursacht?“
Russland: „Ungeklärt.“
WHO: „Genau deshalb fragen wir.“
Russland: „Dann sind wir uns ja einig.“
In Genf wird erstmals hörbar ein Bleistift zerbrochen.
WHO: „Können Sie wenigstens bestätigen, dass alle relevanten Kontaktpersonen untersucht wurden?“
Russland: „Fast.“
WHO: „Wie viele sind es?“
Russland: „Viele.“
WHO: „Wie viele genau?“
Russland: „Ausreichend viele.“
WHO: „Und wie viele davon wurden untersucht?“
Russland: „Fast alle.“
WHO: „Wie viele sind fast alle?“
Russland: „Deutlich mehr als fast keiner.“
Der WHO-Mitarbeiter legt kurz den Kopf auf den Schreibtisch.
Dann versucht er es anders.
WHO: „Gibt es irgendeinen Grund zur Sorge?“
Russland: „Nein.“
WHO: „Gut. Warum laufen dann umfangreiche Untersuchungen?“
Russland: „Damit wir feststellen können, dass es keinen Grund zur Sorge gibt.“
WHO: „Aber wenn es keinen Grund zur Sorge gibt, warum müssen Sie das feststellen?“
Längere Pause.
Russland: „Westliche Russophobie.“
Damit dürfte im sibirischen Gesundheitsministerium inzwischen die höchste russische Krisenstufe gelten:
Alles normal. Bitte Schutzanzug schließen.
Ein eigens eingerichtetes Lagezentrum produziert vermutlich rund um die Uhr Entwarnungen.
An der Wand hängt eine große Ampel.
Grün bedeutet: kein Risiko.
Gelb bedeutet: kein Risiko mit Untersuchungen.
Rot bedeutet: kein Risiko mit Quarantäne und Schutzanzügen.
Blinkendes Rot mit Sirene bedeutet:
internationale Desinformation.
Die WHO ruft erneut an.
WHO: „Wir brauchen transparente Daten.“
Russland: „Die Daten sind transparent.“
WHO: „Wir können sie nicht sehen.“
Russland: „Sehen Sie? Sehr transparent.“
Besonders beruhigend wirken die zahlreichen Untersuchungen.
Sie erinnern an jemanden, der mitten in der Nacht sämtliche Räume seines Hauses nach einem Einbrecher durchsucht, Bewegungsmelder installiert, die Polizei alarmiert und anschließend dem Nachbarn erklärt:
„Ein Einbrecher? Lächerlich. Deshalb suche ich ja überall nach ihm.“
Auch der Schauplatz besitzt unfreiwillige Komik.
Ein Forschungszentrum für gefährliche Infektionskrankheiten mit einem ungeklärten schweren Krankheitsfall ist ungefähr der ungünstigste Ort für die Kommunikationsstrategie:
„Wird schon nichts sein.“
Das wäre, als käme Rauch aus einer Feuerwache und die Feuerwehr erklärte:
„Ein Brand ist äußerst unwahrscheinlich. Wir beschäftigen uns hier schließlich professionell mit Feuer.“
Am Abend klingelt in Genf erneut das Telefon.
Russland: „Wir wollten Ihnen mitteilen, dass die Lage unter Kontrolle ist.“
WHO: „Welche Lage?“
Kurze Stille.
Russland: „Es gibt keine Lage.“
WHO: „Warum ist sie dann unter Kontrolle?“
Noch längere Stille.
Russland: „Keinerlei epidemisches Risiko.“
WHO: „Natürlich.“
Und damit besitzt die internationale Seuchenbekämpfung endlich eine neue Maßeinheit.
Je häufiger Moskau erklärt, dass überhaupt nichts passiert,
desto interessierter wird die WHO daran, was genau dort überhaupt nicht passiert.




