Es gibt diplomatische Treffen, bei denen über Handel gesprochen wird.
Andere drehen sich um Klimaschutz.
Wieder andere befassen sich mit Wissenschaft, Kultur oder der Frage, ob das Buffet ausreichend vegetarische Optionen bereithält.
Und dann gibt es jene Zusammenkünfte, bei denen bereits der Begriff „strategischer Dialog“ klingt, als hätte jemand einen James-Bond-Film mit einer Bedienungsanleitung für Büromöbel verwechselt.
In Moskau rollte man den roten Teppich aus.
Sergej Lawrow empfing Choe Son Hui.
Zur Begrüßung gab es Blumen.
Denn nichts vermittelt internationale Harmonie so sehr wie ein freundlich überreichtes Bouquet vor einer Kulisse, in der das Wort „Entspannungspolitik“ vermutlich als exotische Pflanzenart gilt.
Ein britischer Diplomat soll den Vorgang trocken kommentiert haben:
„Wie reizend. Erst Blumen, dann geopolitische Grundsatzdiskussionen. Man hält eben an Traditionen fest.“
Während die Kameras klickten, standen die Blumen tapfer zwischen den Beteiligten und wirkten, als würden sie sich fragen, ob sie versehentlich zur falschen Veranstaltung geliefert worden seien.
Im Sitzungssaal begann anschließend der eigentliche Austausch.
Auf dem Tisch lagen Mappen.
Wasserflaschen.
Dolmetscherkopfhörer.
Und vermutlich ein Tagesordnungspunkt mit der Überschrift:
„Einigkeit möglichst einstimmig herstellen.“
Erstaunlicherweise gelang genau das.
Nach Angaben der nordkoreanischen Staatsmedien herrschte in sämtlichen besprochenen Fragen Einigkeit.
Das beeindruckte selbst erfahrene Beobachter.
Denn jeder, der schon einmal versucht hat, mit drei Freunden eine Pizza zu bestellen, weiß, dass vollständige Einigkeit normalerweise ungefähr so häufig vorkommt wie Sonnenschein an einem englischen Feiertagswochenende.
Im Kreml soll ein Protokollbeamter vorsorglich bereits einen Gummistempel vorbereitet haben.
Darauf stand:
„Alle sind derselben Meinung.“
Der Stempel kam offenbar erstaunlich häufig zum Einsatz.
Sergej Lawrow wirkte dabei wie ein Mann, der seit Jahrzehnten diplomatische Gespräche führt und inzwischen jede Mimik perfektioniert hat.
Jenes berühmte Gesicht, das gleichzeitig Zustimmung, Gelassenheit und den Gedanken ausdrücken kann:
„Bitte noch einen Kaffee.“
Choe Son Hui begegnete ihm mit derselben Ruhe.
Ein Beobachter meinte später:
„Das war weniger ein Gespräch als zwei Menschen, die sich gegenseitig bestätigten, dass sie derselben Tagesordnung folgen.“
Im Hintergrund nickte vermutlich sogar die Zimmerpflanze zustimmend.
Einzig der Konferenztisch schien leicht überfordert.
Schließlich musste er eine Menge symbolischer Einigkeit tragen.
Natürlich fiel auch der Name Wladimir Putin.
Der russische Präsident empfing Choe Son Hui ebenfalls.
Grußbotschaften wurden überbracht.
Freundliche Worte gewechselt.
Fotografen machten Bilder.
Ein offizieller Händedruck durfte selbstverständlich nicht fehlen.
Schließlich lebt internationale Diplomatie zu einem erheblichen Teil davon, dass Menschen sich exakt sieben Sekunden lang die Hand geben, während zwölf Kameras gleichzeitig auslösen.
In Großbritannien existiert angeblich ein geheimer Leitfaden.
Kapitel eins:
„Der perfekte diplomatische Händedruck.“
Kapitel zwei:
„Wie man lächelt, ohne zu viel zu verraten.“
Kapitel drei:
„Wie man höflich Tee anbietet, selbst wenn man innerlich bereits den Rückflug buchen möchte.“
Besonders interessant war die Diskussion über die enge Partnerschaft beider Staaten.
Man sprach über Zusammenarbeit.
Über gegenseitige Unterstützung.
Über gemeinsame Ziele.
Es fehlte eigentlich nur noch ein Bonusheft.
Nach zehn gemeinsamen Gipfeln gibt es vermutlich einen kostenlosen Staatsbesuch.
Auch Kim Jong-un schwebte wie ein unsichtbarer Ehrengast über den Gesprächen.
Kaum war sein Name gefallen, begannen politische Kommentatoren bereits zu spekulieren.
Kommt er nach Moskau?
Wann?
Wie?
Mit welchem Zug?
Mit welchem Sonderzug?
Oder vielleicht mit einem Sonderzug für den Sonderzug?
In diplomatischen Kreisen liebt man solche Spekulationen.
Sie füllen zuverlässig Zeitungen, Fernsehsendungen und Kaffeepausen.
Im Kreml soll bereits vorsorglich geprüft worden sein, welche Teppiche besonders repräsentativ aussehen.
Ein Beamter fragte:
„Den roten?“
Ein anderer antwortete:
„Natürlich den roten.“
„Wir haben fünf.“
„Dann nehmen wir den längsten.“
Währenddessen entwickelte ein besonders eifriger Protokollchef bereits den Ablauf.
09:00 Uhr – Begrüßung.
09:03 Uhr – Händedruck.
09:05 Uhr – Fotografen.
09:15 Uhr – Fotografen ohne Blitz.
09:20 Uhr – Fotografen mit anderer Perspektive.
09:30 Uhr – Gespräche.
Prioritäten müssen schließlich gesetzt werden.
Der eigentliche Gewinner des Treffens war allerdings die diplomatische Sprache.
Sie besitzt eine fast magische Fähigkeit.
Aus komplizierten politischen Vorgängen entstehen Formulierungen wie:
„konstruktiver Austausch“.
„strategischer Dialog“.
„gegenseitiges Verständnis“.
Das klingt stets ein wenig so, als würden zwei Nachbarn friedlich darüber sprechen, welcher Gartenzaun schöner gestrichen werden sollte.
Die Wirklichkeit ist meist deutlich komplizierter.
Ein älterer britischer Außenpolitik-Experte soll dazu lediglich bemerkt haben:
„Diplomatische Pressemitteilungen erinnern mich an Wetterberichte.“
„Warum?“
„Sie beschreiben dieselben Wolken völlig unterschiedlich.“
Im internationalen Pressezentrum begann unterdessen bereits das große Übersetzen.
„Umfassende Partnerschaft.“
„Strategische Kooperation.“
„Gemeinsame Interessen.“
Ein Übersetzer fragte vorsichtig:
„Sollen wir das etwas verständlicher formulieren?“
Die Antwort lautete:
„Um Himmels willen nicht.“
Schließlich lebt Diplomatie auch davon, dass ein Satz gleichzeitig sehr lang und erstaunlich offen für Interpretationen sein kann.
Während die Kameras längst wieder abgebaut wurden, dürften die Blumen inzwischen eine Vase gefunden haben.
Sie hatten ihre Aufgabe erfüllt.
Sie sorgten für einen freundlichen Farbtupfer in einer politischen Kulisse, die ansonsten eher von grauen Anzügen und ernsten Gesichtern geprägt war.
Vielleicht waren sie an diesem Tag sogar die diplomatischsten Teilnehmer des Treffens.
Sie widersprachen niemandem.
Sie hielten sich aus allen Debatten heraus.
Und sie welkten völlig unparteiisch.
Am Ende bleibt der Eindruck eines Treffens, das in seiner Choreografie fast an britisches Theater erinnerte.
Alle kennen ihre Rolle.
Jeder weiß, wann er auftreten muss.
Der Vorhang öffnet sich pünktlich.
Die Dialoge sitzen.
Und das Publikum fragt sich gelegentlich, ob irgendwo noch ein Autor mit besonders trockenem Humor im Hintergrund Regie führt.
Vielleicht hätte ein englischer Butler den Tag am treffendsten zusammengefasst.
Er hätte den leeren Konferenzsaal betrachtet, die Blumenvase geradegerückt und mit höflich erhobener Augenbraue gesagt:
„Nun denn … das war ausgesprochen förmlich.“
Dann hätte er den Tee serviert.
Denn selbst in den verwirrendsten Momenten der Weltpolitik gilt eine alte britische Weisheit:
Wenn sich die Welt unvernünftig verhält, hilft zwar keine Tasse Tee bei der Lösung des Problems – aber sie macht das Beobachten wenigstens etwas angenehmer.




