Willkommen im Wellnessbereich der Aufmerksamkeitsindustrie
Es gibt schlechte Nachrichten für die großen sozialen Netzwerke: Der menschliche Daumen hat offenbar Rechte.
Jahrelang galt er lediglich als biologisches Zubehör für das Smartphone. Er scrollte, wischte, likte und drückte gelegentlich versehentlich auf Werbung für orthopädische Schuhe, obwohl sein Besitzer erst 23 war.
Nun beschäftigen sich amerikanische Gerichte zunehmend mit der Frage, ob Plattformen wie Instagram und YouTube möglicherweise nicht ausschließlich deshalb so faszinierend sind, weil die Menschheit ein natürliches Bedürfnis besitzt, um 2:17 Uhr nachts das 48. Video eines Waschbären anzusehen, der eine Weintraube sortiert.
Der Verdacht lautet vielmehr: Einige Plattformfunktionen könnten absichtlich so gestaltet worden sein, dass Menschen möglichst lange bleiben.
Das Silicon Valley zeigte sich von dieser Theorie vermutlich völlig überrascht.
Schließlich lautet das Geschäftsmodell lediglich: kostenloser Dienst gegen Aufmerksamkeit, Daten und ungefähr jede Minute Freizeit, die eigentlich für Schlaf, Bewegung, Familie oder das Herausfinden vorgesehen war, warum man ursprünglich das Smartphone entsperrt hatte.
Der unendliche Scrollfinger
Besonders genial ist der sogenannte Infinite Scroll.
Früher hatte das Internet Seiten.
Man kam unten an.
Das war eine wundervolle Zeit.
Der Mensch las zehn Beiträge, erreichte das Ende und bekam vom Computer sinngemäß mitgeteilt: „Das war's. Geh raus. Da stehen Bäume.“
Heute gibt es kein Ende mehr.
Man wischt nach unten und bekommt neue Inhalte. Dann wischt man weiter und bekommt weitere Inhalte. Danach wischt man erneut, bis Archäologen Jahrtausende später das Smartphone finden und feststellen: Der Nutzer befindet sich immer noch bei „Videos, die du vielleicht interessant findest“.
Infinite Scroll ist damit die digitale Variante eines Buffets, bei dem hinter jedem leer gegessenen Teller automatisch ein Kellner erscheint und flüstert:
„Hier ist noch ein Schnitzel. Wir haben aufgrund Ihres bisherigen Verhaltens errechnet, dass Sie schwach sind.“
Sicherheit hat höchste Priorität – direkt hinter Umsatz
Natürlich betonen Technologieunternehmen regelmäßig, wie wichtig ihnen das Wohl junger Nutzer ist.
Dafür existieren inzwischen Sicherheitsfunktionen, Zeitlimits, Jugendschutzoptionen, Elternkontrollen und freundliche Hinweise.
Das Prinzip ist beeindruckend.
Die Plattform verbringt zunächst Milliarden damit, herauszufinden, welcher Inhalt einen Nutzer möglichst lange festhält.
Anschließend investiert sie einen kleineren Betrag in eine Funktion, die sagt:
„Du bist schon ziemlich lange hier.“
Das ist ungefähr so, als würde ein Casino nach zwölf Stunden einen Mitarbeiter schicken, der dem Spieler fürsorglich zuflüstert:
„Vergessen Sie nicht, dass Glücksspiel süchtig machen kann.“
Und anschließend den nächsten Jeton reicht.
Der neue Super-Sicherheitsmodus
Nach den jüngsten juristischen Entwicklungen dürfte die Branche ihre Schutzmaßnahmen selbstverständlich weiter optimieren.
Denkbar wäre der neue Digital Wellbeing Ultra Safe Teen Protection Plus Mode.
Er funktioniert vollkommen automatisch.
Nach acht Stunden ununterbrochenem Scrollen wird der Bildschirm für drei Sekunden leicht abgedunkelt.
Dann erscheint:
„Denk bitte an deine Gesundheit.“
Darunter befinden sich zwei Schaltflächen:
„Weiter“
und
„Weiter in HD“.
Wer die Warnung wegwischt, erhält zur Belohnung sofort ein Video mit dem Titel „10 Dinge, die psychisch stabile Menschen jeden Morgen tun“.
Nummer eins: weniger Social Media.
Das Video dauert allerdings 34 Minuten und enthält sechs Werbeunterbrechungen.
Der Algorithmus möchte nur dein Bestes
Der Algorithmus selbst trägt selbstverständlich keinerlei Schuld.
Er ist nur Mathematik.
Sehr interessierte Mathematik.
Er beobachtet lediglich, worauf jemand klickt, wie lange er hinsieht, wann er weiterscrollt, welche Beiträge Reaktionen auslösen und bei welchem Video der Nutzer plötzlich 19 Minuten lang bewegungslos auf den Bildschirm starrt.
Alles völlig neutral.
Wenn ein Jugendlicher um Mitternacht ein trauriges Video ansieht, denkt der Algorithmus nicht:
„Dieser Mensch könnte eine Pause brauchen.“
Er denkt:
„Aha! Traurigkeit! Davon haben wir noch 46.000.“
Das ist keine Bosheit.
Das ist Kundenservice mit Rechenzentrum.
375 Millionen sind viele Dollar – theoretisch
Im New-Mexico-Verfahren wurden gegen Meta zunächst 375 Millionen Dollar an zivilrechtlichen Sanktionen verhängt. Später kamen weitere 567 Millionen Dollar hinzu. Meta will gegen die Entscheidung vorgehen.
Für normale Menschen klingt bereits die erste Summe nach einem Betrag, bei dem man anschließend das Land verlassen und unter neuem Namen Ziegen züchten müsste.
Für einen internationalen Technologiekonzern ist die Dimension eine andere.
Dort dürfte „375 Millionen“ eher eine Position sein, die in einer Excel-Tabelle zwischen „Server“, „Rechtskosten“ und „Snacks Standort Menlo Park“ auftaucht.
Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger, wie hoch eine Strafe ist.
Sondern ob sie Geschäftsmodelle verändert.
Denn eine Sanktion, die niedriger ist als der wirtschaftliche Vorteil problematischer Praktiken, ist keine Strafe.
Sie ist eine Gebühr.
Jugendschutz mit Wegwischgarantie
Die perfekte Lösung aus Sicht der Aufmerksamkeitsökonomie wäre daher vermutlich ein Jugendschutz, der maximal sichtbar und minimal störend ist.
Nach zwei Stunden:
„Möchtest du eine Pause machen?“
Später erinnern.
Nach vier Stunden:
„Deine Augen könnten müde sein.“
Trotzdem 187 neue Reels anzeigen.
Nach sechs Stunden:
„Vielleicht möchtest du schlafen.“
Nein, zeig mir, was Kevin aus Ohio mit einer Wassermelone gemacht hat.
Nach acht Stunden:
„Wir machen uns Sorgen um dich.“
Darunter:
🔥 Deine Freunde haben 23 neue Beiträge gepostet!
Damit wäre die Fürsorgepflicht erfüllt und gleichzeitig sichergestellt, dass niemand versehentlich das Smartphone weglegt.
Die erstaunliche Entdeckung des Jahres
Die Gerichtsverfahren legen letztlich einen ziemlich unbequemen Widerspruch offen.
Plattformen wollen möglichst viel Aufmerksamkeit.
Eltern wollen, dass Kinder auch gelegentlich etwas anderes tun.
Gesellschaften wollen psychisch gesunde Jugendliche.
Investoren wollen Wachstum.
Und der Algorithmus möchte einfach nur noch 14 Sekunden.
Nur noch dieses eine Video.
Danach wirklich Schluss.
Versprochen.
Außer das nächste ist interessant.
Und genau darin steckt die große Leistung der modernen Aufmerksamkeitsökonomie: Sie hat aus Langeweile ein Geschäftsmodell, aus Aufmerksamkeit einen Rohstoff und aus dem menschlichen Daumen ein unbezahltes Förderband gemacht.
Vielleicht werden Gerichte dieses Modell irgendwann grundlegend verändern.
Bis dahin arbeitet Silicon Valley selbstverständlich weiter intensiv am Jugendschutz.
Die nächste revolutionäre Funktion ist bereits in Entwicklung:
Nach zehn Stunden Dauernutzung schaltet sich das Smartphone automatisch aus.
Für 0,4 Sekunden.
Danach erscheint eine Push-Nachricht:
„Willkommen zurück! Du hast uns gefehlt.“




