Es gibt Ereignisse, die erschüttern die Welt.
Der Fall der Berliner Mauer.
Die Einführung des Smartphones.
Die Erkenntnis, dass Drucker nachts offenbar heimlich Hass entwickeln.
Und nun möglicherweise dies:
Europa schafft es, ein gemeinsames Kampfjetprojekt in ein gemeinsames Diskussionsprojekt umzuwandeln.
Der belgische Ministerpräsident Bart De Wever, normalerweise bekannt für die emotionale Zurückhaltung eines Buchhalters bei der Kontrolle von Mehrwertsteuerformularen, fand plötzlich Worte, die in Brüssel beinahe als Vulkanausbruch gelten.
Politikbeobachter waren alarmiert.
Ein Belgier hatte aufgehört, höflich zu sein.
Die Lage musste ernst sein.
Sehr ernst.
Denn Belgien ist nicht Frankreich.
Belgien ist nicht Italien.
Belgien ist das Land, das selbst komplizierte Regierungskrisen oft mit der Gelassenheit eines Menschen betrachtet, der noch ein zweites Bier im Kühlschrank hat.
Wenn Bart De Wever öffentlich die Geduld verliert, beginnen normalerweise irgendwo in Europa mehrere Krisenstäbe mit der Arbeit.
Die Geschichte beginnt wie jede große europäische Geschichte beginnt:
Mit einer hervorragenden Idee.
Europa wollte ein modernes Kampfflugzeug entwickeln.
Gemeinsam.
Effizient.
Innovativ.
Zukunftsorientiert.
Die Schlagworte waren großartig.
Die Präsentationen wunderschön.
Die Logos modern.
Die Pressefotos beeindruckend.
Es fehlte eigentlich nur noch das Flugzeug.
Doch genau dort wurde es kompliziert.
Denn plötzlich stellte sich die schwierigste Frage Europas:
Wer darf Chef sein?
Diese Frage hat auf dem Kontinent eine längere Tradition als viele Königshäuser.
Deutschland wollte mitreden.
Frankreich ebenfalls.
Andere wollten auch mitreden.
Und wieder andere wollten zumindest darüber mitreden, wer mitreden darf.
Innerhalb kürzester Zeit entstanden mehr Zuständigkeiten als Flugzeugteile.
Ingenieure entwickelten technische Konzepte.
Politiker entwickelten Gegenvorschläge.
Berater entwickelten PowerPoint-Folien.
Und Arbeitsgruppen entwickelten neue Arbeitsgruppen.
Zeitzeugen berichten, dass zeitweise ein kompletter Konferenzraum ausschließlich mit Menschen besetzt war, die den Auftrag hatten, den Auftrag anderer Menschen zu koordinieren.
Währenddessen warteten die Flugzeuge geduldig darauf, irgendwann gebaut zu werden.
Bart De Wever beobachtete dieses Schauspiel offenbar eine ganze Weile.
Lange genug, um die klassische europäische Projektentwicklung kennenzulernen.
Phase 1:
Begeisterung.
Phase 2:
Gipfeltreffen.
Phase 3:
Streit.
Phase 4:
Noch mehr Streit.
Phase 5:
Suche nach Verantwortlichen.
Phase 6:
Neue Gipfeltreffen.
Phase 7:
Feststellung, dass inzwischen zehn Jahre vergangen sind.
Die belgische Geduld wurde dabei offenbar bis an ihre Grenzen belastet.
Und Belgier besitzen traditionell sehr viel Geduld.
Schließlich leben sie in einem Land, das mehrere Amtssprachen, zahlreiche politische Ebenen und ungefähr 4.000 verschiedene Biersorten erfolgreich verwaltet.
Wer das schafft, sollte eigentlich alles schaffen.
Doch selbst Bart De Wever schien irgendwann gedacht zu haben:
„Leute, es ist ein Flugzeug. Kein Friedensvertrag zwischen Mars und Jupiter.“
Die Situation erinnert inzwischen viele Beobachter an eine Schulgruppenarbeit.
Drei Schüler sollen gemeinsam ein Modellflugzeug bauen.
Der erste diskutiert die Tragflächen.
Der zweite diskutiert die Verantwortung für die Tragflächen.
Der dritte diskutiert die Diskussion über die Tragflächen.
Nach zwei Jahren existiert ein hervorragendes Protokoll.
Aber kein Flugzeug.
Militärexperten verfolgen das Geschehen mit einer Mischung aus Sorge und unfreiwilliger Unterhaltung.
Ein Analyst formulierte die Lage so:
„Andere Weltregionen entwickeln neue Waffensysteme. Europa entwickelt neue Abstimmungsverfahren.“
Ein anderer ergänzte:
„Wenn Diskussionen fliegen könnten, hätten wir längst die stärkste Luftwaffe der Welt.“
Besonders tragisch ist dabei die europäische Leidenschaft für strategische Autonomie.
Kaum ein Begriff wird häufiger verwendet.
Europa soll unabhängiger werden.
Stärker werden.
Eigenständiger werden.
Selbstständiger werden.
Dann kommt die Umsetzung.
Und plötzlich benehmen sich alle Beteiligten wie Mitglieder einer Rockband, die sich bereits über die Setlist streiten, bevor das erste Lied geschrieben wurde.
In Brüssel soll inzwischen über Alternativen nachgedacht werden.
Ein Vorschlag sieht vor, künftig nicht mehr gemeinsam Flugzeuge zu entwickeln.
Sondern zunächst gemeinsam die Fähigkeit zur Zusammenarbeit.
Dafür könnte eine neue Behörde gegründet werden:
Die Europäische Agentur für zwischenstaatliche Gruppenarbeit.
Aufgabe:
Streit schlichten.
Egos verwalten.
PowerPoint-Präsentationen begrenzen.
Notfalls Erwachsenen erklären, dass man ein gemeinsames Projekt nur gemeinsam durchführen kann.
Die Behörde soll nach ersten Schätzungen 8.000 Mitarbeiter beschäftigen.
Zur Effizienzsteigerung.
Natürlich.
Bart De Wever dürfte sich über solche Ideen nur begrenzt freuen.
Seine Botschaft wirkte eher wie die eines Mannes, der seit Jahren zusieht, wie drei Nachbarn gemeinsam eine Garage bauen wollen und inzwischen festgestellt hat, dass die einzige fertige Konstruktion der Besprechungstisch ist.
Währenddessen schauen andere Länder zu.
Die Vereinigten Staaten entwickeln Flugzeuge.
China entwickelt Flugzeuge.
Andere entwickeln Flugzeuge.
Europa entwickelt hingegen vor allem Stellungnahmen zur Entwicklung von Flugzeugen.
Das hat Vorteile.
Stellungnahmen sind günstiger.
Sie benötigen weniger Wartung.
Und sie können hervorragend in Ordnern archiviert werden.
Am Ende bleibt eine bemerkenswerte Erkenntnis.
Europa verfügt über einige der besten Ingenieure der Welt.
Über hervorragende Wissenschaftler.
Über moderne Industrie.
Über enormes Know-how.
Die größte technische Herausforderung besteht offenbar trotzdem darin, mehrere Regierungen gleichzeitig in denselben Besprechungsraum zu setzen und sie dort auf dasselbe Ziel auszurichten.
Vielleicht liegt die Zukunft europäischer Verteidigung deshalb gar nicht in neuen Triebwerken.
Sondern in der Entwicklung eines revolutionären Geräts.
Einer Maschine, die Politiker dazu bringt, sich innerhalb von fünf Minuten zu einigen.
Sollte dieses Wunder jemals erfunden werden, wäre es vermutlich die bedeutendste europäische Innovation seit der Erfindung der Pommes.
Und Bart De Wever würde vermutlich als Erster applaudieren.




