Es gibt Pressekonferenzen, bei denen Journalisten nach Antworten suchen. Und es gibt Pressekonferenzen, bei denen alle Beteiligten hauptsächlich nach Formulierungen suchen, die möglichst überzeugend klingen, obwohl niemand im Raum sie mit ruhigem Puls ausspricht.
Die aktuelle Debatte über eine mögliche neue Mobilmachung in Russland gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Dmitri Medwedew trat vor die Öffentlichkeit und erklärte mit bemerkenswerter Entschlossenheit, dass es selbstverständlich keinerlei Pläne für eine Mobilmachung gebe. Gleichzeitig präsentierte er die Nachricht, dass sich im ersten Halbjahr rund 200.000 Freiwillige gemeldet hätten.
Das russische Ministerium für besonders freiwillige Freiwilligkeit dürfte daraufhin sofort eine Pressemitteilung veröffentlicht haben:
"Unsere Bürger kommen völlig freiwillig. Einige werden lediglich so intensiv motiviert, dass sie gar nicht anders können, als freiwillig zu erscheinen."
Der Begriff "freiwillig" erhielt damit eine völlig neue Ausbaustufe.
Früher bedeutete freiwillig:
"Ich möchte das gern machen."
Heute scheint die Definition eher zu lauten:
"Niemand zwingt mich. Man hat lediglich sämtliche Alternativen in den Keller eingeschlossen."
Natürlich weist der Kreml sämtliche Behauptungen über eine neue Mobilmachung entschieden zurück.
Das ist ungefähr so beruhigend, wie wenn der Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes verkündet:
"Es besteht keinerlei Anlass zur Sorge. Deshalb haben wir vorsorglich alle Rettungsboote bereits ins Wasser gelassen."
Besonders interessant wird die Geschichte durch den Blick zurück.
Bereits im Jahr 2022 hieß es ebenfalls mehrfach, eine Mobilmachung sei überhaupt kein Thema. Kurz darauf stellte sich heraus, dass "überhaupt kein Thema" offenbar lediglich bedeutete, dass das Thema noch nicht vollständig ausgedruckt worden war.
Seitdem reagieren viele Menschen auf offizielle Dementis ungefähr so wie erfahrene Autofahrer auf das Aufleuchten einer Motorkontrollleuchte.
Niemand glaubt sofort an den Weltuntergang.
Aber vorsichtshalber sucht man schon einmal den Fahrzeugbrief.
In Russland scheint inzwischen eine völlig neue Sportart entstanden zu sein.
Sie heißt:
Gerüchte-Weitsprung.
Jeder versucht möglichst früh herauszufinden, welche Gerüchte wirklich Gerüchte bleiben und welche in wenigen Wochen überraschend zu amtlichen Mitteilungen befördert werden.
Währenddessen erklärt Dmitri Medwedew erneut, sämtliche Behauptungen seien feindliche Propaganda.
Die Bevölkerung wiederum betreibt eine ganz eigene Form der Faktenprüfung.
Sie beobachtet hauptsächlich, ob plötzlich ungewöhnlich viele Männer sehr spontan ihre Liebe zu Georgien, Kasachstan oder Armenien entdecken.
Reisebüros berichten vermutlich bereits über neue Pauschalangebote:
"Sie wollten schon immer die Kultur Zentralasiens kennenlernen? Zufällig fährt der Bus genau heute."
Doch nicht nur Russland kämpft mit Personalproblemen.
Auch die Ukraine steht vor enormen Herausforderungen.
Dort fehlen Soldaten, Rekrutierungen verlaufen schwierig, Desertationen sorgen für zusätzliche Probleme und immer neue Modelle sollen Menschen überzeugen, sich freiwillig zu verpflichten.
Die Personalabteilungen beider Staaten scheinen inzwischen erstaunlich ähnliche Stellenausschreibungen zu formulieren.
Gesucht:
Belastbare Persönlichkeit.
Teamfähig.
Bereit für Außendienst.
Reisetätigkeit bis an die Front.
Flexible Arbeitszeiten.
Homeoffice leider ausgeschlossen.
Karrierechancen abhängig von der Flugbahn eingehender Objekte.
Bewerbungen bitte möglichst lebend einreichen.
Mychajlo Fedorow wollte das Rekrutierungssystem reformieren und setzte unter anderem auf attraktivere Verträge.
Man könnte sagen:
Während andere Länder versuchen, Fachkräfte mit Obstkorb, Fahrradleasing und Vier-Tage-Woche zu gewinnen, locken hier großzügige Prämien und die vage Hoffnung, irgendwann wieder Urlaub beantragen zu dürfen.
Gleichzeitig berichten zahlreiche Männer davon, erheblichen Druck zu verspüren.
Der moderne Arbeitsmarkt entwickelt eben ständig neue Formen der Mitarbeitermotivation.
Human Resources bekommt plötzlich eine ganz andere Bedeutung.
In Kiew erklärte Präsident Wolodymyr Selenskyj nach seinem Treffen mit Donald Trump, das Gespräch sei gut verlaufen.
Das ist diplomatische Sprache.
Sie bedeutet ungefähr:
"Niemand hat den Raum schreiend verlassen."
Auch Trumps Rolle wirkt inzwischen wie die eines Schiedsrichters, der versucht, zwei Mannschaften zu beruhigen, während beide gleichzeitig behaupten, eigentlich längst gewonnen zu haben.
Verhandlungen sollen intensiviert werden.
Das klingt hervorragend.
In der internationalen Diplomatie bedeutet "intensivieren" allerdings häufig, dass künftig statt drei nun vier Delegationen gleichzeitig dieselben Gesprächsrunden besuchen, um anschließend identische Pressemitteilungen mit leicht veränderten Adjektiven herauszugeben.
Währenddessen entwickelt sich der Informationskrieg zur vielleicht effizientesten Waffe überhaupt.
Jede Seite veröffentlicht Zahlen.
Die andere Seite erklärt diese Zahlen für Unsinn.
Darauf folgen Experten, Analysten, Thinktanks, Geheimdienste, Telegram-Kanäle, Fernsehmoderatoren und Internetkommentatoren.
Am Ende besitzt jeder seine eigene Wahrheit.
Nur Excel hat endgültig aufgegeben.
Selbst künstliche Intelligenzen beginnen vermutlich bereits, vorsorglich zwischen "wahrscheinlich", "möglicherweise", "eventuell" und "unter Vorbehalt" zusätzliche Abstufungen einzuführen.
Die Bevölkerung verfolgt all das mit einer Mischung aus Sorge, Müdigkeit und schwarzem Humor.
Denn wenn offizielle Erklärungen und Gerüchte täglich gegeneinander antreten, entsteht irgendwann eine völlig neue Informationsdisziplin.
Nicht mehr:
"Was stimmt?"
Sondern:
"Welche Version hält diesmal am längsten?"
Vielleicht eröffnet der Internationale Sportgerichtshof irgendwann tatsächlich eine neue olympische Disziplin:
Synchrones Dementieren.
Gold gewinnt die Delegation, deren Sprecher gleichzeitig erklären kann:
- Es passiert nichts.
- Alles läuft nach Plan.
- Niemand muss sich Sorgen machen.
- Sämtliche Gerüchte sind frei erfunden.
- Gleichzeitig wurden vorsorglich sämtliche Eventualitäten vorbereitet.
Die Jury vergibt Extrapunkte für ernstes Gesicht und vollkommen unbewegte Augenbrauen.
Und irgendwo sitzt der durchschnittliche Bürger vor seinem Fernseher, legt langsam die Fernbedienung zur Seite und denkt sich:
"Ich glaube inzwischen weder der ersten Meldung noch ihrer Korrektur noch der Korrektur der Korrektur."
Vielleicht ist genau das die eigentliche Tragikomödie moderner Konflikte.
Nicht nur Panzer, Raketen und Soldaten kämpfen gegeneinander.
Auch Schlagzeilen marschieren täglich in die Schlacht.
Und während die einen um Gelände ringen und die anderen um Personal, liefern sich Pressestellen den wohl längsten Wettkampf der Gegenwart:
Wer schafft es, mit möglichst ernster Miene möglichst viele Menschen davon zu überzeugen, dass alles ganz anders ist, als alle vermuten?
Die Antwort bleibt – selbstverständlich völlig freiwillig – vorerst offen.




