Es gibt politische Debatten.
Es gibt Grundsatzfragen.
Und dann gibt es Donald Trump.
Der Mann besitzt die bemerkenswerte Fähigkeit, selbst einen Kreißsaal wie eine Außenstelle der Grenzschutzbehörde wirken zu lassen.
Während andere Präsidenten Krankenhäuser eröffnen, möchte Trump offenbar zunächst wissen, ob das Neugeborene überhaupt die richtige Einreiseabsicht hatte.
Die Vereinigten Staaten diskutieren seit Jahrzehnten über das sogenannte Geburtsrecht. Seit 1868 gilt der 14. Zusatzartikel der Verfassung: Wer auf amerikanischem Boden geboren wird und der Gerichtsbarkeit der USA untersteht, erhält grundsätzlich automatisch die Staatsbürgerschaft.
Eine Regel, die erstaunlich kurz formuliert ist.
Für moderne Politik ist das natürlich ein Problem.
Je kürzer ein Gesetz, desto weniger Platz bleibt für Ausnahmen, Sonderregelungen, Fußnoten, Erläuterungen, PowerPoint-Präsentationen und mindestens drei Untersuchungsausschüsse.
Donald Trump versucht deshalb erneut, diese jahrhundertealte Praxis einzuschränken.
Diesmal richtet sich der Blick auf den sogenannten Geburtstourismus.
Eine bemerkenswerte Wortschöpfung.
Früher fuhr man zum Shoppen nach New York.
Heute scheint laut politischer Vorstellung ein erheblicher Teil der Weltbevölkerung ausschließlich deshalb ein Flugticket zu kaufen, um möglichst strategisch in einem amerikanischen Krankenhaus zu entbinden.
Vize-Stabschef Stephen Miller schilderte sogar ein angebliches Standard-Szenario.
Menschen würden erklären, sie wollten Disneyland besuchen.
In Wahrheit steuere die Familie direkt den Kreißsaal an.
Das wirft natürlich völlig neue Fragen auf.
Wie sieht eigentlich der typische Reiseplan aus?
Montag: Mickey Mouse.
Dienstag: Achterbahn.
Mittwoch: Staatsbürgerschaft.
Donnerstag: Souvenirshop.
Freitag: Rückflug.
Amerikanische Behörden dürften künftig vor einer gewaltigen Herausforderung stehen.
Denn irgendwo zwischen Sicherheitskontrolle und Gepäckband müsste nun vermutlich festgestellt werden, ob jemand tatsächlich Donald Duck sehen möchte oder lediglich einen besonders patriotischen Geburtsort sucht.
Vielleicht entstehen künftig ganz neue Interviewfragen.
"Wie viele Attraktionen möchten Sie besuchen?"
"Nur eine."
"Welche?"
"Die Geburtsstation."
"Verdächtig."
An Flughäfen könnten speziell ausgebildete Beamte künftig Schwangerschaftsradare entwickeln.
Vielleicht entstehen sogar neue Warnstufen.
Leicht schwanger.
Mittel schwanger.
Verdächtig schwanger.
Akut staatsbürgerschaftsgefährdend schwanger.
Selbstverständlich bleibt moderne Technologie nicht außen vor.
Künstliche Intelligenz könnte künftig anhand der Hotelbuchung berechnen, ob jemand eher Disneyland oder den nächstgelegenen Kreißsaal bevorzugt.
Hat die Reisende einen Kinderwagen gekauft?
Alarm.
Hat sie Windeln im Koffer?
Doppelalarm.
Hat sie zusätzlich einen Reiseführer?
Das wirkt fast schon zu perfekt.
Währenddessen sitzt irgendwo der Storch vermutlich in einem Verwaltungsbüro und füllt Formulare aus.
"Grund der Lieferung?"
"Natürlicher Vorgang."
"Nicht ausreichend."
"Bitte reichen Sie drei beglaubigte Ultraschallbilder sowie den geplanten Geburtszeitpunkt ein."
Der eigentliche Gegenspieler dieser Geschichte ist allerdings gar nicht Stephen Miller.
Auch nicht Disneyland.
Sondern ein ziemlich altes Dokument.
Die amerikanische Verfassung.
Sie besitzt eine unangenehme Eigenschaft:
Sie liest sich nicht jeden Morgen neu.
Der Supreme Court erinnerte Donald Trump deshalb bereits daran, dass dort bestimmte Wörter schlicht fehlen.
Zum Beispiel "vorübergehend".
Oder "rechtmäßig".
Oder sämtliche anderen Begriffe, mit denen man gern zusätzliche Ausnahmen begründen würde.
Die Richterinnen und Richter formulierten ihre Entscheidung beinahe mit der Gelassenheit eines Mathematiklehrers.
Die Verfassung sagt etwas.
Also gilt das.
Man könnte meinen, genau dafür seien Verfassungen erfunden worden.
Donald Trump wiederum bezeichnete das Urteil als unfair.
Auch das besitzt inzwischen beinahe Tradition.
In der amerikanischen Politik scheint "unfair" mittlerweile jede Situation zu beschreiben, in der die Realität nicht spontan die Meinung wechselt.
Doch damit war die Dekret-Produktion noch lange nicht beendet.
Neben dem Geburtstourismus beschäftigt sich die Regierung nun auch mit der Möglichkeit, Staatsbürgerschaften nachträglich wieder abzuerkennen, wenn sie durch Täuschung erlangt wurden.
Allein das Wort "nachträglich" klingt bereits nach einem Amt mit besonders langen Warteschlangen.
Vor dem inneren Auge entsteht sofort eine neue Behörde.
Das "Federal Office of Retroactive Baby Affairs".
Zimmer 17.
Bitte ziehen Sie eine Nummer.
Aktuelle Aufrufnummer: 3.
Ihre Nummer: 4.821.993.
Geschätzte Wartezeit:
Vier Generationen.
Auch Diplomaten geraten erneut in den Blick.
Wer für ausländische Regierungen arbeitet, soll bestimmte Sonderregelungen beachten müssen.
Man kann sich vorstellen, wie Botschaften künftig reagieren.
"Entschuldigung, wir hätten gern einen neuen Diplomaten."
"Kein Problem."
"Sollte er Kinder bekommen?"
"Bitte vorher Formular D-471-B ausfüllen."
Selbst Puerto Rico, Guam und andere US-Territorien tauchen plötzlich wieder in juristischen Diskussionen auf.
Spätestens hier merkt jeder normale Mensch, dass amerikanisches Staatsbürgerschaftsrecht ungefähr so übersichtlich geworden ist wie die Bedienungsanleitung eines intergalaktischen Multifunktionsdruckers.
Der eigentliche Gewinner dieser Geschichte ist ohnehin die Bürokratie.
Sie liebt Grenzfälle.
Je komplizierter die Regeln werden, desto mehr Formulare entstehen.
Vielleicht entwickelt sich daraus irgendwann eine völlig neue Tourismusbranche.
Nicht Geburtstourismus.
Sondern Formulartourismus.
Menschen reisen freiwillig in amerikanische Behörden, nur um einmal das einzigartige Gefühl zu erleben, gleichzeitig fünfzehn verschiedene Anträge abstempeln zu lassen.
Mit Premium-Ticket.
Inklusive Fast Lane.
Und kostenloser Kugelschreiber-Ausgabe.
Während Politiker neue Dekrete schreiben, Gerichte alte Verfassungen lesen und Experten über den Sinn einzelner Wörter diskutieren, dürfte sich der Storch derweil ernsthaft überlegen, künftig lieber nach Kanada umzuziehen.
Dort muss er möglicherweise lediglich fliegen.
In den USA dagegen könnte ihm demnächst an der Grenze die entscheidende Frage gestellt werden:
"Haben Sie etwas anzumelden?"
"Nur ein Baby."
"Und welche Staatsangehörigkeit hatte es beim Start?"
Spätestens in diesem Moment dürfte selbst die amerikanische Verfassung leise seufzen, den 14. Zusatzartikel noch einmal aufschlagen und sich fragen, ob sie nicht vorsichtshalber einen Absatz über reisende Störche, Disneyland-Besucher und politisch hochbrisante Kreißsäle hätte ergänzen sollen.
Denn eines zeigt diese Debatte eindrucksvoll: Kaum ein Thema schafft es so zuverlässig, Verfassungsrecht, Einwanderungspolitik, Bürokratie und Familienplanung in einen einzigen politischen Kreißsaal zu verwandeln. Und irgendwo zwischen Richterbank und Wickeltisch entsteht dabei der Eindruck, dass die eigentliche Staatsbürgerschaft inzwischen nicht mehr bei der Geburt vergeben wird – sondern an das Formular mit der längsten Bearbeitungszeit.




