Berlin hat wieder einmal bewiesen, dass eine Wahl keineswegs mit dem Auszählen der Stimmen endet. In der Hauptstadt ist das zunächst lediglich eine unverbindliche Zwischenmeldung.
In Spandau galt CDU-Kandidatin Bettina Meißner zunächst als Gewinnerin ihres Wahlkreises. Knapp, aber gewonnen ist gewonnen.
Dachte man.
Dann fiel auf, dass die schriftlich festgehaltenen Zahlen und die telefonisch übermittelten Zahlen offenbar unterschiedliche politische Vorstellungen entwickelt hatten. Also wurde nachgezählt. Und plötzlich lag AfD-Kandidat Tommy Tabor vorne.
Berlin hatte damit vermutlich das demokratische Äquivalent zu jener Situation geschaffen, in der man beim Restaurantbesuch die Rechnung bekommt, bezahlt, nach Hause fährt und am nächsten Morgen angerufen wird:
„Entschuldigung, Sie hatten doch das Schnitzel.“
Besonders bemerkenswert: Nach Angaben des rbb war offenbar nicht das Zählen das Problem. Das Ergebnis sei korrekt ermittelt, aber telefonisch falsch weitergegeben worden.
Damit feiert ein fast vergessenes Hochtechnologieprodukt sein politisches Comeback: das Telefon.
Während die Welt über künstliche Intelligenz, Quantencomputer und autonome Systeme diskutiert, genügt in Berlin offenbar ein Gespräch nach dem Prinzip „Habe ich mir richtig notiert?“, um ein Direktmandat auf Wanderschaft zu schicken.
Doch Berlin wäre nicht Berlin, wenn eine korrigierte Zahl lediglich eine korrigierte Zahl wäre.
Durch das geänderte Direktmandat verändert sich auch die Berechnung der Überhang- und Ausgleichsmandate. Nach aktuellem vorläufigem Stand fallen dadurch mehrere zuvor angenommene Parlamentssitze weg. Einige Menschen, die sich bereits als künftige Abgeordnete betrachten konnten, müssen nun feststellen, dass ihr Mandat ungefähr den Status einer Onlinebestellung besitzt:
„Ihre Bestellung wurde erfolgreich aufgenommen.“
Kurz darauf:
„Leider ist der Artikel nicht mehr verfügbar.“
Das Berliner Abgeordnetenhaus wird damit zur einzigen politischen Institution, bei der eine telefonische Zahl dafür sorgen kann, dass anschließend mehrere Stühle aus dem Plenarsaal getragen werden müssen.
Immerhin zeigt der Vorgang auch, weshalb Wahlergebnisse überprüft werden. Genau für solche Fälle gibt es Niederschriften, Kontrollen und endgültige Feststellungen. Das endgültige landesweite Ergebnis steht noch aus.
Bis dahin empfiehlt sich für angehende Berliner Abgeordnete eine neue parlamentarische Grundregel:
Den Schreibtisch noch nicht dekorieren.
Die Visitenkarten lieber nur in kleiner Auflage bestellen.
Und vor allem niemals fragen:
„Ist das Ergebnis endgültig?“
Denn irgendwo in Spandau könnte gerade wieder ein Telefon klingeln.




