Deutschland macht sich Sorgen um die Demokratie.
Sehr große Sorgen sogar.
Was allerdings nicht bedeutet, dass man sie grundsätzlich schlecht findet. Im Gegenteil: Die Demokratie als Idee genießt ungefähr denselben Ruf wie Urlaub, Freibier und pünktliche Züge. Theoretisch hervorragend. Bei der praktischen Umsetzung treten gelegentlich kleinere Unregelmäßigkeiten auf.
Die jüngste Stimmung lässt sich deshalb ungefähr so zusammenfassen:
„Demokratie? Unbedingt!
Aber könnte bitte jemand dafür sorgen, dass am Ende genau das herauskommt, was ich gewählt habe?“
Besonders faszinierend wird es dort, wo Menschen gleichzeitig mit der Demokratie unzufrieden sind und sich Sorgen machen, sie könne gefährdet sein.
Deutschland befindet sich damit offenbar in einer politischen Paartherapie mit sich selbst.
„Ich liebe dich.“
„Ich bin aber unzufrieden mit dir.“
„Ich will dich auf keinen Fall verlieren.“
„Kannst du dich trotzdem komplett ändern?“
Während die Republik ihre Beziehung zum Grundgesetz aufarbeitet, liefern Mecklenburg-Vorpommern und Berlin praktisches Anschauungsmaterial dafür, warum Demokratie gelegentlich Kopfschmerzen verursacht.
Im Nordosten liegen SPD und AfD in einer aktuellen ZDF-Erhebung praktisch nebeneinander, während die CDU gefährlich nah an jener Gegend angekommen ist, die Wahlforscher höflich „Sperrklausel“ und Parteizentralen intern vermutlich „AAAAAAH!“ nennen.
Manuela Schwesig erlebt dabei die angenehmste Variante moderner Politik: Plötzlich sieht eine Umfrage deutlich freundlicher aus als noch kurz zuvor.
Parteizentralen nennen das „Trendwende“.
Wahlforscher nennen es „Momentaufnahme“.
Und Wahlkämpfer nennen es sofort „klarer Auftrag der Bevölkerung“.
Bis zur nächsten Umfrage.
Berlin macht es noch raffinierter.
Dort liegen Linke und CDU an der Spitze eng beieinander, dahinter folgen weitere Parteien so dicht gestaffelt, dass die Regierungsbildung bereits jetzt wie ein Möbelstück von IKEA wirkt: viele Einzelteile, überraschend viele Schrauben und am Ende bleibt garantiert irgendetwas übrig.
Die wahrscheinlichste politische Maßeinheit lautet deshalb künftig nicht mehr Mehrheit.
Sondern:
Dreierkoalition.
Berlin könnte nach der Wahl eine Regierung bekommen, bei der drei Parteien zunächst gemeinsam feststellen müssen, warum die beiden anderen völlig falschliegen.
Das nennt man anschließend „konstruktive Gespräche“.
Besonders bemerkenswert bleibt jedoch die allgemeine Sorge um die Demokratie.
Denn offenbar erwarten viele Bürger inzwischen von ihr gleichzeitig Stabilität, Veränderung, eindeutige Ergebnisse, maximale Auswahl, kompromisslose Politik und kompromissfähige Regierungen.
Mit anderen Worten:
Die Demokratie soll bitte funktionieren wie ein Wunschautomat.
Münze rein.
Lieblingspolitik raus.
Leider produziert das Gerät stattdessen Koalitionsverhandlungen.
Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Problem.
Demokratie bedeutet nicht:
„Ich bekomme, was ich will.“
Sondern eher:
„Niemand bekommt alles, was er will – und deshalb müssen anschließend sehr viele Menschen sehr lange miteinander reden.“
Das klingt weniger sexy.
Aber immerhin braucht man dafür normalerweise keine Panzer.
Nur Sitzungskaffee.
Sehr viel Sitzungskaffee.
Und angesichts der aktuellen Stimmung vielleicht bald einen eigenen Bundesbeauftragten für politische Baldriantropfen.




