Politik lebt von Visionen. Manche reichen bis zum nächsten Wahlkampf, andere bis zur nächsten Kaffeepause. Friedrich Merz hat nun eine ganz neue Disziplin etabliert: die strategische Zukunftsoffenheit. Auf die Frage, ob er nach dieser Legislaturperiode noch einmal als Bundeskanzler antreten möchte, antwortet er sinngemäß: Darüber denke er derzeit nicht nach.
Eine Antwort, die gleichzeitig alles und nichts sagt – und genau deshalb in Berlin sofort als Meisterwerk moderner Regierungsphilosophie gefeiert wurde.
Im Kanzleramt soll es unmittelbar nach der Aussage hektische Betriebsamkeit gegeben haben. Mitarbeiter eilten durch die Flure, Politikwissenschaftler wurden alarmiert und mehrere Zukunftsforscher begannen vorsorglich, ihre Kristallkugeln neu zu kalibrieren.
Niemand wusste so recht, ob der Bundeskanzler damit eine zweite Amtszeit ausgeschlossen, bestätigt oder lediglich auf einen späteren Zeitpunkt vertagt hatte.
Ein Regierungssprecher soll beruhigend erklärt haben:
„Der Bundeskanzler befindet sich derzeit in einem hochkomplexen Denkprozess. Momentan denkt er allerdings noch nicht darüber nach, wann dieser Denkprozess beginnt.“
Berlin nickte verständnisvoll.
Schließlich ist die Zukunft ein schwieriges Thema.
Vor allem, wenn sie erst in drei Jahren stattfindet.
Im politischen Betrieb wurde sofort eine neue Arbeitsgruppe gegründet.
Kommission für ungeklärte Zukunftsgedanken.
Ihre Aufgabe:
Herauszufinden, worüber Friedrich Merz gerade nicht nachdenkt.
Das Ergebnis fiel überraschend umfangreich aus.
Die Liste umfasst inzwischen 437 Seiten.
Kapitel eins:
Zweite Amtszeit.
Kapitel zwei:
Dritte Amtszeit.
Kapitel drei:
Wo eigentlich immer die Büroklammern im Kanzleramt verschwinden.
Besonders beeindruckt zeigte sich die Berliner Bürokratie.
Dort erkannte man sofort enormes Einsparpotenzial.
Wenn man schwierige Entscheidungen einfach verschiebt, spart man nicht nur Papier, sondern auch Pressekonferenzen.
Ein Referatsleiter schlug deshalb vor, das Verfahren auf die gesamte Verwaltung auszudehnen.
Bauanträge?
Darüber denken wir später nach.
Haushalt?
Später.
Steuerreform?
Sehr später.
Flughafen?
Bitte keine übertriebenen Experimente.
Auch innerhalb der CDU sorgte die Aussage für kreative Interpretationen.
Die einen hörten ein klares „Vielleicht“.
Andere ein deutliches „Mal sehen“.
Einige verstanden sogar ein philosophisches „Existiert eine zweite Amtszeit überhaupt, wenn niemand an sie denkt?“
Mehrere Parteimitglieder beantragten daraufhin ein Seminar in Quantenphysik.
Der Titel:
„Schrödingers Kanzlerschaft.“
Friedrich Merz ist gleichzeitig Kandidat und Nicht-Kandidat, solange niemand die Wahlurne öffnet.
Selbst die SPD zeigte sich beeindruckt.
Dort sprach man von einer ausgesprochen pragmatischen Form der Zusammenarbeit.
Merz bezeichnete die Koalition nicht als romantisches Projekt, sondern als Arbeitskoalition.
Das klang ungefähr so liebevoll wie:
„Wir teilen uns zwar die Küche, aber bitte räumt jeder seine Tassen selbst weg.“
Politische Romantik sieht anders aus.
Es gibt keine Herzchen.
Keine Liebesbriefe.
Stattdessen Excel-Tabellen.
Kalendereinladungen.
Und Sitzungen, deren Tagesordnung länger ist als manche Romantrilogie.
Im Kanzleramt wurde deshalb vorsorglich der Valentinstag gestrichen.
Er wird künftig durch den Bundesweiten Tag der Sachorientierung ersetzt.
Statt Rosen verteilt man Haushaltspläne.
Statt Pralinen gibt es Änderungsanträge.
Die Stimmung bleibt professionell.
Niemand wagt es, Gefühle in dreifacher Ausfertigung einzureichen.
In den Berliner Talkshows begann unterdessen das große Interpretieren.
Ein Politologe analysierte den Satz zwölf Minuten lang.
Ein Kommunikationsexperte erklärte anschließend, der eigentliche Sinn liege zwischen den Worten.
Ein Linguist widersprach.
Der eigentliche Sinn liege außerhalb der Wörter.
Ein Philosoph meinte schließlich, vielleicht sei gar kein Sinn beabsichtigt gewesen.
Das Publikum applaudierte trotzdem.
Im Fernsehen sieht kluges Stirnrunzeln schließlich immer überzeugend aus.
Auch die Medien versuchten fieberhaft, Zukunftsszenarien zu entwerfen.
„Merz plant Rückzug?“
„Merz plant Durchmarsch?“
„Merz plant derzeit gar nichts?“
Die dritte Überschrift gewann überraschend an Glaubwürdigkeit.
Währenddessen arbeitete im Kanzleramt eine neue Software.
Projektname:
Koalitions-Navi 2.0.
Jeden Morgen fragt das System:
„Wie fühlen Sie sich heute?“
Antwortmöglichkeiten:
- Arbeitskoalition.
- Sehr arbeitskoalition.
- Außerordentlich arbeitskoalition.
Romantische Optionen wurden aus Kompatibilitätsgründen entfernt.
Auch internationale Staatsgäste mussten sich anpassen.
Bei offiziellen Empfängen fragt inzwischen jeder höflich:
„Herr Bundeskanzler, sehen Sie sich auch in der nächsten Legislaturperiode?“
Merz lächelt.
„Heute beschäftige ich mich mit dem heutigen Tag.“
Der Dolmetscher übersetzt.
Die ausländische Delegation bestellt vorsorglich einen zusätzlichen Übersetzer.
Im politischen Berlin entwickelt sich daraus langsam eine neue Lebensphilosophie.
Warum langfristig planen?
Warum Entscheidungen treffen?
Warum Kalender kaufen, wenn es ohnehin irgendwann morgen wird?
Ein Minister soll sogar versucht haben, diese Methode privat anzuwenden.
Seine Ehefrau fragte:
„Bringst du heute den Müll raus?“
Er antwortete staatsmännisch:
„Über diese zweite Entleerungsperiode denke ich derzeit nicht nach.“
Augenzeugen berichten, dass die anschließende Abstimmung im Wohnzimmer einstimmig gegen ihn ausfiel.
Währenddessen floriert in Berlin ein völlig neuer Wirtschaftszweig.
Wahrsager.
Astrologen.
Kartenleger.
Alle bieten inzwischen Spezialseminare an.
„Die Zukunft des Kanzlers – jetzt mit Premium-Tarot.“
Im Basispaket enthalten:
Ein Blick in die politische Glaskugel.
Im Deluxe-Paket:
Zusätzlich eine Koalitionsanalyse mit Kaffeesatz.
Das Bundeskanzleramt selbst bleibt gelassen.
Dort arbeitet man weiterhin zuverlässig an der Gegenwart.
Schließlich ist Zukunft ein kompliziertes Geschäft.
Vor allem dann, wenn sie noch gar nicht begonnen hat.
Und so endet die Sommerpressekonferenz mit einer bemerkenswert beruhigenden Botschaft.
Deutschland weiß zwar weiterhin nicht, ob Friedrich Merz irgendwann eine zweite Amtszeit anstrebt.
Aber immerhin weiß jetzt jeder ganz genau, dass Friedrich Merz im Moment noch nicht darüber nachdenkt.
Für Berliner Verhältnisse gilt das bereits als erstaunlich konkrete Zukunftsplanung.




