Im Weißen Haus steht ein historischer Personalwechsel bevor.
Nicht, weil Donald Trump beschlossen hätte, künftig sämtliche Pressekonferenzen durch dreistündige Truth-Social-Posts zu ersetzen.
Obwohl das vermutlich niemand sofort bemerken würde.
Nein: Karoline Leavitt hört als Pressesprecherin des Weißen Hauses auf.
Die erst 28-Jährige verlässt ihren Posten Ende August und möchte mehr Zeit mit ihren kleinen Kindern und ihrer Familie verbringen. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes war sie erst kürzlich wieder in den Job zurückgekehrt.
Das ist menschlich vollkommen nachvollziehbar.
Politisch hinterlässt es allerdings eine gewaltige Lücke.
Denn Karoline Leavitt war nicht einfach Pressesprecherin.
Sie war der menschliche Hochdruckreiniger der Trump-Kommunikation.
Vorne kam eine kritische Journalistenfrage hinein.
Hinten kam „Fake News“ heraus.
Der gefährlichste Arbeitsplatz Washingtons
Pressesprecherin von Donald Trump zu sein, dürfte ohnehin zu den anspruchsvollsten Kommunikationsberufen der westlichen Welt gehören.
Morgens um acht erhält man die offizielle Regierungsposition.
Um 8:17 Uhr postet Trump etwas.
Um 8:23 Uhr widerspricht der Post der Regierungsposition.
Um 8:31 Uhr fragt CNN nach.
Um 8:36 Uhr erklärt das Weiße Haus, dass kein Widerspruch bestehe.
Um 8:42 Uhr veröffentlicht Trump einen zweiten Post, der dem ersten widerspricht.
Und um neun Uhr beginnt das eigentliche Briefing.
Wer diesen Job zwanzig Monate lang ausübt, sollte anschließend problemlos Fluglotsin, Zirkusdirektorin oder Pressesprecherin eines explodierenden Chemiewerks werden können.
„Ist die Anlage außer Kontrolle?“
„Das ist eine vollkommen falsche Darstellung. Die Anlage expandiert lediglich sehr dynamisch.“
Leavitt und die journalistische Selbstverteidigung
Leavitt machte aus dem Press Briefing Room keine gewöhnliche Informationsveranstaltung.
Es war zeitweise eher ein rhetorischer Hindernisparcours.
Journalisten stellten Fragen.
Leavitt antwortete.
Manchmal stellte sie zunächst infrage, warum diese Frage überhaupt gestellt wurde.
Dann erklärte sie, warum die zugrunde liegende Berichterstattung problematisch sei.
Danach folgte die Position der Regierung.
Und wenn noch Zeit blieb, durfte vielleicht jemand fragen, wie spät es ist.
„Karoline, it’s 2:30 p.m., correct?“
„That is another dishonest characterization by the mainstream media.“
Ihre Amtszeit war stark von Trumps Konflikt mit etablierten Medien geprägt; zugleich öffnete das Weiße Haus den Zugang stärker für nichttraditionelle und konservative Medienangebote.
Trump verliert seine verbale Schutzweste
Für Donald Trump ist Leavitts Abschied deshalb durchaus bedeutsam.
Sie gehörte zu seinen loyalsten öffentlichen Verteidigerinnen.
Wo andere Sprecher vielleicht gesagt hätten:
„Dazu liegen uns derzeit keine Informationen vor“,
vermittelte Leavitt eher:
„Die Informationen liegen vor, aber Ihre Interpretation ist falsch, Ihre Zeitung vermutlich auch, und überhaupt sollten wir einmal darüber reden, was Joe Biden 2019 an einem Dienstag gemacht hat.“
Das ist eine besondere kommunikative Begabung.
In normalen Unternehmen nennt man das Krisenkommunikation.
Im Trump-Weißen-Haus:
Dienstag.
Die Super-Mutter verlässt den Super-Job
Leavitt präsentierte sich öffentlich immer wieder als konservative berufstätige Mutter, zeigte Familie und Glauben und verband ihre politische Rolle eng mit diesem Selbstbild.
Nun zieht sie daraus eine Konsequenz, die vermutlich Eltern unabhängig von ihrer politischen Orientierung verstehen:
Zwei kleine Kinder und der Job als Sprecherin von Donald Trump könnten zusammen eine gewisse zeitliche Belastung darstellen.
Kinder stellen schließlich ebenfalls unangenehme Fragen.
Der entscheidende Unterschied:
Ein Journalist akzeptiert irgendwann, dass seine Frage nicht beantwortet wird.
Ein Dreijähriger nicht.
„Warum?“
„Darauf habe ich bereits geantwortet.“
„Warum?“
„Nächste Frage.“
„WARUM?“
Gegen Kleinkinder hilft keine Presseakkreditierung.
Die Nachfolgersuche beginnt
Noch ist laut AP kein Nachfolger beziehungsweise keine Nachfolgerin bekannt.
Das eröffnet interessante Möglichkeiten.
Das Weiße Haus könnte eine klassische Stellenausschreibung veröffentlichen:
Press Secretary gesucht
Anforderungen:
Belastbarkeit.
Medienerfahrung.
Loyalität.
Sehr hohe Reaktionsgeschwindigkeit.
Fähigkeit, gleichzeitig CNN, New York Times, AP und einen Präsidenten auf Truth Social zu beobachten.
Kenntnisse in Krisenkommunikation erwünscht.
Kenntnisse der objektiven Realität optional.
Arbeitszeit:
Ja.
Besonders wichtig dürfte die Fähigkeit sein, spontan auf Trump reagieren zu können.
Bewerbungsgespräch:
„Der Präsident hat gerade überraschend eine neue Handelspolitik angekündigt. Was tun Sie?“
„Welche?“
„Das wissen wir auch noch nicht.“
„Wann ist Pressekonferenz?“
„In vier Minuten.“
„Wann bekomme ich Informationen?“
„Nach der Pressekonferenz.“
Eingestellt.
Vielleicht übernimmt Trump einfach selbst
Natürlich gäbe es noch eine andere Lösung.
Donald Trump könnte sein eigener Pressesprecher werden.
Die Vorteile wären erheblich.
Keine Abstimmungsprobleme.
Keine Missverständnisse zwischen Präsident und Sprecher.
Keine Gefahr, dass die Sprecherin eine Position erläutert, während der Präsident bereits eine neue verkündet.
Trump würde die Frage hören, selbst beantworten, die Antwort kommentieren und anschließend erklären, dass seine Antwort die beste Antwort sei, die jemals ein Präsident auf diese Frage gegeben habe.
Der gesamte Kommunikationsprozess könnte auf eine Person reduziert werden.
Government Efficiency.
Elon Musk wäre vermutlich stolz.
Die Reporter müssen sich umgewöhnen
Für die Presse im Weißen Haus beginnt jedenfalls eine neue Ära.
Nach Monaten mit Karoline Leavitt müssen Journalisten ihre Reflexe neu trainieren.
Bisher:
Reporter hebt Hand.
Leavitt schaut.
Reporter überlegt kurz, ob er seine Frage wirklich stellen möchte.
Reporter stellt Frage.
Leavitt hebt Augenbraue.
Reporter überprüft innerlich Testament.
Künftig könnte dort jemand stehen, der einfach sagt:
„Ich schaue das nach.“
Die ersten Journalisten würden vermutlich medizinische Hilfe benötigen.
Familienzeit statt Briefing Room
Bei aller Satire bleibt Leavitts Entscheidung nachvollziehbar.
Politische Spitzenjobs verschlingen Zeit. Kleine Kinder ebenfalls. Nur dass Kinder normalerweise keine Pressemitteilungen herausgeben, wenn das Abendessen fünf Minuten zu spät kommt.
Leavitt selbst bezeichnete ihre Entscheidung als bittersüß; Trump erklärte, er verstehe und respektiere ihren Schritt. Sie soll zudem als externe Beraterin und politische Stimme in seinem Umfeld bleiben.
Vollständig verschwindet sie also offenbar nicht.
Sie wechselt lediglich von:
„Sie erklärt täglich Donald Trump“
zu:
„Sie berät Donald Trump von außerhalb.“
Das dürfte den Blutdruck erheblich verbessern.
Das letzte Briefing
Vielleicht sollte Karoline Leavitt ihr letztes Briefing besonders feierlich gestalten.
Der Raum ist voll.
Die Kameras laufen.
Leavitt tritt ans Pult.
Ein Journalist hebt die Hand.
„Karoline, wie würden Sie Ihre Zeit hier zusammenfassen?“
Sie lächelt.
„Great question.“
Alle halten den Atem an.
Dann klappt sie den Ordner zu.
„Ask President Trump.“
Sie geht.
Hinter ihr beginnt sofort das Chaos.
Trump veröffentlicht drei Posts.
CNN stellt sieben Fragen.
Fox News ruft an.
Ein Mitarbeiter sucht verzweifelt die offizielle Position.
Und irgendwo zu Hause sitzt Karoline Leavitt mit ihren Kindern, schaut kurz auf ihr Handy und denkt:
Nicht mehr mein Briefing.
Nach zwanzig Monaten im Weißen Haus wäre das möglicherweise die schönste Pressemitteilung überhaupt.




