Russland hat gewählt. Und selten war Demokratie so entspannend.
Keine nervenaufreibende Frage, wer gewinnen könnte. Keine gefährlichen Überraschungen. Keine lästigen Oppositionsparteien, die plötzlich auf die Idee kommen, eine grundsätzlich andere Politik zu fordern.
Kurz gesagt:
Demokratie – jetzt endlich mit reduziertem Entscheidungsstress.
Am Ende lag erwartungsgemäß Geeintes Russland vorn. Die Kremlpartei musste sich dabei einem enorm harten politischen Wettbewerb stellen: gegen Parteien, die bei entscheidenden Fragen ebenfalls zuverlässig den Kremlkurs unterstützen, während die meisten kriegskritischen Kandidaten gar nicht erst antreten durften.
Der russische Wahlzettel ähnelte damit ein wenig einer Speisekarte, auf der fünf Gerichte stehen:
Putin mit Kartoffeln.
Putin mit Reis.
Putin mit Kommunismus-Deko.
Putin rechtspopulistisch angerichtet.
Und für experimentierfreudige Gäste:
Putin als „Neue Menschen“.
So wird politische Vielfalt endlich übersichtlich.
Andere Demokratien machen den Fehler, Opposition als notwendigen Bestandteil des Systems zu betrachten.
Russland hat dieses ineffiziente Konzept offenbar weiterentwickelt:
Opposition ist erlaubt, solange sie nicht widerspricht.
Das spart Zeit.
Man stelle sich deutsche Talkshows nach diesem Prinzip vor. Sechs Gäste, sieben Meinungen – und alle identisch.
Besonders modern erscheint dabei das Verständnis von Wahlfreiheit.
Der Bürger darf frei entscheiden.
Allerdings vorzugsweise zwischen jenen Möglichkeiten, die vorher erfolgreich durch die politische Qualitätskontrolle gekommen sind.
Das ist ungefähr so, als würde ein Restaurant verkünden:
„Sie können selbstverständlich bestellen, was Sie möchten. Wir haben allerdings bereits für Sie bestellt.“
Auch Berichte über Unregelmäßigkeiten und Probleme bei Wahlbeobachtung passten bemerkenswert gut in das Gesamtbild. Die russischen Behörden meldeten zudem Angriffe auf Wahlsysteme.
Damit erhielt die Wahl immerhin noch etwas Spannung.
Nicht politisch natürlich.
Aber technisch.
Denn wenn schon der Sieger kaum überrascht, soll wenigstens niemand sicher wissen, ob der Wahlcomputer den Nachmittag störungsfrei übersteht.
Der eigentliche Triumph dieses Systems liegt jedoch tiefer.
In gewöhnlichen Demokratien dient eine Wahl dazu, herauszufinden, was die Bevölkerung will.
In der russischen Variante scheint sie eher dazu zu dienen, offiziell festzustellen, dass die Bevölkerung erstaunlicherweise genau das möchte, was die politische Führung ohnehin bereits beschlossen hat.
Das ist keine Wahlentscheidung mehr.
Das ist eine staatlich organisierte Bestellbestätigung.
Der Bürger setzt sein Kreuz und bekommt anschließend freundlich mitgeteilt:
„Vielen Dank. Ihre Zustimmung wurde erfolgreich verarbeitet.“
Vielleicht sollte die Duma-Wahl künftig deshalb ehrlicher bezeichnet werden.
Nicht „Parlamentswahl“.
Sondern:
„Regelmäßige demokratische Verlängerung eines bereits laufenden Abonnements.“
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