In Berlin ist etwas Außergewöhnliches geschehen: Die Politik hat den Menschen entdeckt.
Ausgerechnet nach dem Rücktritt von Bärbel Bas stellte sich heraus, dass sich unter Ministerämtern, Parteivorsitzen und Aktendeckeln tatsächlich Wesen aus Fleisch und Blut befinden. Diese sensationelle Erkenntnis verbreitete sich binnen kürzester Zeit durch CDU, CSU und SPD und könnte langfristig sogar Eingang in Koalitionsverträge finden.
Bas hatte sich nach einem schweren familiären Verlust zurückgezogen und zugleich deutlich gemacht, dass öffentliche Angriffe aus der Union auch während ihrer Trauerphase munter weitergelaufen seien. Kurz darauf begann in der Union die große parlamentarische Beileidsprozession.
Friedrich Merz würdigte die Zusammenarbeit, sprach von Respekt und wünschte viel Kraft. Nur eine Kleinigkeit fehlte: der Teil mit den Angriffen aus der eigenen Partei.
Offenbar war dieser Absatz politisch noch nicht in der Frühkoordinierung.
Auch Markus Söder zeigte Anteilnahme. Damit bewies die Union einmal mehr ihre erstaunliche Fähigkeit, politische Kommunikation in zwei vollständig getrennten Betriebssystemen zu betreiben: Vormittags läuft „Reformdruck Professional“, nachmittags startet automatisch „Empathie Premium“.
Beide Programme synchronisieren ihre Daten grundsätzlich nicht.
Besonders faszinierend geriet die Debatte über Menschlichkeit. Plötzlich erinnerten zahlreiche Politiker daran, dass hinter politischen Ämtern Menschen stehen. Eine bahnbrechende Erkenntnis, die möglicherweise erklärt, weshalb Minister gelegentlich essen, schlafen oder sogar Angehörige haben.
Bislang galt in Berlin offenbar die Annahme, Bundesminister würden nachts einfach neben ihren Gesetzesentwürfen in den Energiesparmodus wechseln.
Einige Sozialdemokraten warfen der Union nun mangelnde Rücksicht vor. Aus der Union wiederum kam sinngemäß die Erwiderung: Trauer sei selbstverständlich tragisch, vereinbarte Gesetze seien aber trotzdem vereinbarte Gesetze.
Damit besitzt Deutschland nun vermutlich als erstes Land eine politische Trauerordnung mit Leistungskontrolle.
Wer persönlich zusammenbricht, möge dies bitte rechtzeitig beim Kanzleramt anmelden und sicherstellen, dass sämtliche Referentenentwürfe vorher abgegeben wurden.
Während Berlin noch darüber diskutierte, wie menschlich Politik künftig sein sollte, war die Nachfolge im Arbeitsministerium bereits erstaunlich schnell organisiert. Alexander Schweitzer soll übernehmen.
Auch das ist beruhigend: Menschen mögen erschöpft sein, Ministerien kennen dieses Problem nicht. Kaum geht irgendwo eine Tür zu, steht hinter der nächsten bereits jemand mit Lebenslauf, Parteibuch und freundlichem Blick Richtung Bundeskabinett.
Vielleicht bleibt aus dieser Geschichte wenigstens eine Erkenntnis zurück: Politik besteht tatsächlich aus Menschen.
Das könnte künftig berücksichtigt werden.
Natürlich nur, sobald der entsprechende Gesetzentwurf vorliegt.




