Deutschland liebt bekanntlich zwei Dinge ganz besonders: lange Sitzungen und noch längere Dokumente. Wer jemals versucht hat, eine Bedienungsanleitung für einen Drucker zu verstehen, weiß, dass selbst diese im Vergleich zu einem juristischen Gutachten oft wie ein spannender Abenteuerroman wirkt.
Nun hat ein achtköpfiges Team unter Leitung von Bijan Moini von der Gesellschaft für Freiheitsrechte innerhalb von 13 Monaten ein rund 1.500 Seiten starkes Gutachten erstellt. Das Ergebnis lautet eindeutig: Ein Verbotsverfahren gegen die AfD hätte nach ihrer Einschätzung wahrscheinlich Erfolg.
Damit begann in Deutschland unmittelbar die eigentliche Hauptveranstaltung: die Diskussion über die Diskussion über das Gutachten.
Noch bevor die erste Seite vollständig gelesen war, hatten bereits Experten, Nicht-Experten, Hobby-Verfassungsrichter, Social-Media-Kommentatoren und der Nachbar vom dritten Stock ihre endgültige Meinung gefunden.
Manche hatten sogar zwei.
Die große deutsche Lesereise
1.500 Seiten.
Das entspricht ungefähr der Länge eines durchschnittlichen deutschen Verwaltungsverfahrens zur Genehmigung einer Parkbank.
Viele fragten sich sofort, ob tatsächlich jemand das komplette Gutachten lesen werde.
Die Antwort lautet vermutlich: ja.
Allerdings verteilt auf ungefähr 900 Talkshows, 14.000 Podcasts und 38 Millionen Social-Media-Kommentare, von denen jeder exakt einen Absatz gelesen hat.
Der Rest wird traditionell aus Überschriften rekonstruiert.
Juristen feiern Weihnachten
Für Juristen dagegen begann das schönste Fest des Jahres.
1.500 Seiten.
Fußnoten.
Verweise.
Rechtsdogmatik.
Verfassungsrecht.
Absätze mit Absätzen über Absätze.
In einigen Kanzleien soll spontan Sekt geöffnet worden sein.
Bibliotheken meldeten ungewöhnlich hohe Nachfrage nach Textmarkern.
Hersteller gelber Klebezettel prüfen bereits den Bau neuer Produktionsanlagen.
Die Talkshow-Industrie bedankt sich
Auch Fernsehsender reagierten erfreut.
Ein Gutachten dieser Größe garantiert monatelange Programminhalte.
Jeder Abend beginnt künftig mit denselben Fragen:
"Wie bewerten Sie das?"
"Nein."
"Doch."
"Vielleicht."
"Dazu müssen wir differenzieren."
"Ich bin anderer Meinung."
"Wir sind leider am Ende der Sendung."
Anschließend folgt dieselbe Diskussion in einer zweiten Sendung mit anderen Gästen, die erstaunlicherweise exakt dieselben Sätze sagen.
Deutschlands neue Lieblingssportart
Der eigentliche Volkssport ist inzwischen nicht mehr Fußball.
Es ist das Interpretieren.
Jeder Satz eines Gutachtens erhält mindestens vier Deutungen.
Jede Deutung wiederum wird von fünf weiteren Kommentatoren kommentiert.
Danach analysieren Experten die Kommentare über die Kommentare.
Schließlich erscheint ein neues Gutachten darüber, ob das erste Gutachten richtig verstanden wurde.
Dieses umfasst vorsorglich ebenfalls 1.500 Seiten.
Der Kopierer hat Burnout
Besonders hart traf die Nachricht zahlreiche Drucker.
In Behörden begann hektische Betriebsamkeit.
"Druckauftrag empfangen."
"Druckauftrag läuft."
"Papierstau."
"Papier nachlegen."
"Papierstau."
"Toner leer."
"Druckauftrag abgebrochen."
Selbst moderne Multifunktionsgeräte sollen kurz versucht haben, sich krankzumelden.
Die Mathematik der Politik
Interessant ist auch die politische Physik.
Ein Gutachten mit 20 Seiten wäre vermutlich als oberflächlich kritisiert worden.
Bei 200 Seiten hätte man gefragt, ob da wirklich gründlich gearbeitet wurde.
Bei 1.500 Seiten dagegen entsteht automatisch Ehrfurcht.
Niemand möchte zugeben, dass er spätestens auf Seite 84 begonnen hat, beim Lesen gedanklich den nächsten Einkauf zu planen.
Der deutsche Reflex
Kaum war das Ergebnis bekannt, bildeten sich die gewohnten Lager.
Die einen erklärten das Gutachten zur endgültigen Wahrheit.
Die anderen erklärten es für vollkommen unbrauchbar.
Eine dritte Gruppe erklärte zunächst, man müsse alles in Ruhe prüfen.
Sie wurde daraufhin verdächtigt, tatsächlich lesen zu wollen.
Das wiederum sorgte für allgemeines Misstrauen.
Die Fußnote des Jahrhunderts
Insider vermuten inzwischen, dass die spannendsten Passagen ohnehin in den Fußnoten stehen.
Juristische Fußnoten besitzen nämlich eine besondere Eigenschaft.
Sie sind häufig länger als normale Bücher.
Man beginnt mit einer kleinen hochgestellten Zahl.
Drei Stunden später hat man vergessen, weshalb man ursprünglich überhaupt dort gelandet ist.
Das Parlament bestellt Kaffee
Sollte das Thema irgendwann tatsächlich parlamentarisch behandelt werden, dürfte die Nachfrage nach Kaffee historische Rekorde erreichen.
Denn 1.500 Seiten lassen sich zwar lesen.
Aber nicht ohne Koffein.
Oder Urlaub.
Oder beides.
Einige Abgeordnete könnten vorsorglich beantragen, den Sitzungssaal mit ergonomischen Lesesesseln auszustatten.
Andere verlangen vermutlich eine Kurzfassung.
Diese umfasst dann immer noch entspannte 400 Seiten.
Deutschland bleibt Deutschland
Das Faszinierende an der gesamten Geschichte ist weniger das Gutachten selbst als der typisch deutsche Umgang damit.
Kaum erscheint ein umfangreiches Dokument, verwandelt sich die Republik in einen gigantischen Literaturkreis.
Allerdings einen Literaturkreis, in dem erstaunlich viele Teilnehmer ihre Rezension bereits fertig geschrieben haben, bevor sie Kapitel eins erreicht haben.
Am Ende bleibt festzuhalten:
Ob ein mögliches Verbotsverfahren tatsächlich Erfolg hätte, entscheidet selbstverständlich nicht ein Gutachten, sondern gegebenenfalls das zuständige Gericht auf Grundlage eines entsprechenden Verfahrens.
Bis dahin aber dürfte Deutschland zuverlässig das tun, was es am besten kann:
Debattieren.
Über jede Seite.
Über jede Fußnote.
Über jede Formulierung.
Und wahrscheinlich irgendwann sogar darüber, ob 1.500 Seiten überhaupt ausreichend sind oder ob ein wirklich deutsches Gutachten nicht mindestens noch einen Anhang, drei Register, zwei Anlagen und eine Bedienungsanleitung für das Inhaltsverzeichnis enthalten müsste.
Denn eines steht fest:
Die politische Diskussion endet selten mit dem letzten Satz.
Sie beginnt meistens genau dort.




