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POLITIK

Merz mit steiler Lernkurve: Kanzler kann jetzt schon fast alleine regieren

admin · 08.08.2026 · 3 Min. Lesezeit
Grafik: Kanzler im Praxistest
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Deutschland darf aufatmen: Friedrich Merz lernt.

Diese beruhigende Nachricht kommt von niemand Geringerem als Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Der Grünen-Politiker hat die bisherige Amtsführung des Bundeskanzlers betrachtet und festgestellt, dass Merz angesichts seiner fehlenden Regierungserfahrung eine "steile Lernkurve" hingelegt habe.

Das klingt zunächst hervorragend.

Allerdings bezeichnet man normalerweise auch die ersten drei Tage eines Fahrschülers als steile Lernkurve, wenn er inzwischen verstanden hat, dass Kupplung und Bremse unterschiedliche Aufgaben erfüllen.

Merz kam bekanntlich ohne vorherige Regierungserfahrung ins Kanzleramt. Das ist ungefähr so, als würde jemand zum Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes ernannt, weil er jahrelang vom Hafen aus überzeugend erklärt hat, wie schlecht die anderen Kapitäne einparken.

Nun aber attestiert Kretschmann Fortschritte.

Offenbar kann Merz inzwischen morgens selbstständig das Kanzleramt betreten, internationale Gäste begrüßen und außenpolitische Termine absolvieren, ohne vorher Friedrich Merz aus der Opposition anzurufen und sich selbst zu widersprechen.

Besonders in der Außenpolitik sieht Kretschmann wenig Anlass zur Kritik.

"Da gibt es nichts zu kritisieren", lautet sein bemerkenswertes Urteil.

Im politischen Berlin löste diese Formulierung vermutlich sofort hektische Nachforschungen aus.

"Nichts?"

"Gar nichts?"

"Hat jemand überprüft, ob Kretschmann wirklich Kretschmann war?"

Schließlich gehört es zur politischen Grundausstattung, mindestens drei Kritikpunkte bereitzuhalten, bevor man überhaupt weiß, worum es geht.

Doch während Merz international offenbar bereits das Fortgeschrittenenabzeichen erworben hat, sieht Kretschmann im Bereich Fußballkommunikation erheblichen Nachholbedarf.

Nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft hatte Merz erklärt, das Team habe mit Einsatz und Teamgeist das Land begeistert.

Millionen Fußballfans dürften daraufhin gleichzeitig überprüft haben, ob sie möglicherweise eine andere Weltmeisterschaft gesehen hatten.

Vielleicht gab es irgendwo eine geheime Parallel-WM.

Deutschland war Weltmeister.

Alle jubelten.

Und nur versehentlich wurde im Fernsehen das falsche Turnier übertragen.

Kretschmann brachte die öffentliche Reaktion in einer Formulierung auf den Punkt, die vermutlich noch Generationen von Kommunikationsberatern beschäftigen wird:

"Was schwätzt denn der?"

Damit wurde aus einer komplizierten politikwissenschaftlichen Analyse plötzlich schwäbische Präzisionsdiagnostik.

Keine 70-seitige Studie.

Keine Fokusgruppe.

Keine PowerPoint-Präsentation.

Einfach:

Was schwätzt denn der?

Damit könnte Kretschmann theoretisch ein komplettes Institut für politische Kommunikation gründen.

Jeden Morgen werden sämtliche Politikerstatements eingesammelt und nach drei Kategorien bewertet:

"Kann man sagen."

"Schwierig."

"Was schwätzt denn der?"

Letztere Kategorie dürfte allerdings schnell personell überlastet sein.

Kretschmann zufolge beschädigte Merz mit seinem Fußball-Lob Glaubwürdigkeit und Ansehen. Denn Politiker dürfen vieles behaupten. Sie dürfen Wachstumsprogramme ankündigen, Reformen versprechen und Haushaltslöcher zu Sondervermögen mit Zukunftskomponente erklären.

Aber beim Fußball hört der Spaß auf.

Wer Millionen Deutschen erzählt, sie seien begeistert gewesen, obwohl Millionen Deutsche gerade vor dem Fernseher kollektiv Wörter erfunden haben, die nicht im Duden stehen, begibt sich auf gefährliches Terrain.

Der durchschnittliche Bürger kann komplizierte Haushaltszahlen vielleicht nicht sofort überprüfen.

Aber er weiß sehr genau, ob er beim Fußball begeistert war.

Hier liegt möglicherweise die wichtigste Lektion der steilen Merz-Lernkurve:

Niemals einem Deutschen erklären, wie er ein Fußballspiel empfunden hat.

Das Kanzleramt könnte deshalb künftig ein eigenes Fußball-Frühwarnzentrum einrichten.

Bevor Merz etwas veröffentlicht, prüft ein Expertenteam die Lage.

Stufe Grün: Deutschland gewinnt 5:0. Kanzler darf "großartig" schreiben.

Stufe Gelb: Unentschieden. Zulässig sind "kämpferisch" und "weiter so".

Stufe Rot: Ausscheiden.

In diesem Fall wird dem Kanzler vorsorglich das Smartphone abgenommen.

Vielleicht beschreibt Kretschmann mit seiner Lernkurve ohnehin das Wesen moderner Politik perfekt. Bundeskanzler wird man nicht mehr, weil man bereits alles kann.

Man erhält zunächst das Amt.

Danach beginnt das Tutorial.

Friedrich Merz – Kanzler Simulator 2026.

Level 1: Kabinettssitzung überleben.

Level 2: Gipfeltreffen ohne diplomatischen Zwischenfall.

Level 3: Koalitionspartner gleichzeitig beruhigen.

Endgegner: Kommentar zur Nationalmannschaft.

Merz hat offenbar schon erstaunlich viele Level geschafft.

Nur beim Fußball wurde der Spielstand nicht gespeichert.

Winfried Kretschmann übernimmt deshalb nun gewissermaßen die Rolle des erfahrenen Spielleiters, der anerkennend auf die bisherigen Fortschritte schaut, gelegentlich nickt und trotzdem vorsorglich darauf hinweist:

Außenpolitik: sehr ordentlich.

Regierung: deutliche Fortschritte.

Fußball: Smartphone wegnehmen.

Die Lernkurve zeigt also weiterhin steil nach oben.

Und wenn Friedrich Merz irgendwann sogar erkennt, wann Deutschland beim Fußball tatsächlich begeistert ist, dürfte seine politische Ausbildung endgültig abgeschlossen sein.

Dann gibt es vermutlich ein Zertifikat.

Unterschrieben von Winfried Kretschmann.

Mit dem schwäbischen Qualitätssiegel:

"Schwätzt inzwischen deutlich weniger."

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