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POLITIK

Putin und Kim eröffnen das Demokratie-Fachgeschäft

admin · 16.08.2026 · 5 Min. Lesezeit
Grafik: Putin und Kim eröffnen den Demokratie-Baumarkt
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Es gibt Sätze, die betreten die Welt mit einer solchen majestätischen Selbstverständlichkeit, dass die Realität höflich ihren Mantel nimmt und vorübergehend im Treppenhaus wartet. Einen solchen Satz lieferte nun Wladimir Putin. Der russische Präsident erklärte in einem Grußwort an Kim Jong Un, er wolle gemeinsam mit Nordkorea an einer „gerechteren und wahrhaft demokratischen Weltordnung“ arbeiten.

Das ist bemerkenswert. Bislang war schließlich weithin unbekannt, dass Moskau und Pjöngjang über eine gemeinsame Abteilung für Demokratieentwicklung verfügen. Vermutlich arbeitet sie in einem fensterlosen Keller, direkt zwischen dem Referat für freie Presse und dem nordkoreanischen Reisebüro für spontane Auslandsurlaube.

Anlass für Putins Grußwort war der 81. Jahrestag der Befreiung Nordkoreas von der japanischen Besatzung am Ende des Zweiten Weltkriegs. Solche Jahrestage eignen sich traditionell hervorragend, um Freundschaft, Zusammenarbeit und historische Verbundenheit zu beschwören. Putin nutzte die Gelegenheit jedoch zugleich für eine politische Produktpräsentation: Weltordnung 2.0 – jetzt gerechter, demokratischer und offenbar mit zwei autoritären Hauptadministratoren.

Die Beziehungen zwischen Moskau und Pjöngjang hätten, so Wladimir Putin, ein „beispiellos hohes Niveau einer umfassenden strategischen Partnerschaft“ erreicht. Das klingt zunächst wie die Bewertung eines Wellnesshotels: Lage ausgezeichnet, Partnerschaft umfassend, strategische Anwendungen inklusive. Nur der Pool bleibt vorsichtshalber geschlossen, weil er möglicherweise als westliche Einflussnahme gilt.

Auch die Formulierung „beispiellos hohes Niveau“ verdient Aufmerksamkeit. Wenn zwei Staaten, die nicht unbedingt als internationale Musterknaben für Transparenz, Machtwechsel und ungezwungene Regierungskritik gelten, ihre Zusammenarbeit als beispiellos bezeichnen, ist das wahrscheinlich korrekt. Vergleichbare Beispiele dürften tatsächlich schwer zu finden sein. Selbst die Geschichte sitzt möglicherweise mit hochgezogenen Augenbrauen am Schreibtisch und fragt: „Soll ich das wirklich so protokollieren?“

Putin zeigte sich überzeugt, dass Russland und Nordkorea weiterhin „konstruktiv“ zusammenarbeiten würden. Konstruktiv ist dabei ein äußerst belastbares Wort. Es kann bedeuten, dass man gemeinsam Brücken baut. Es kann aber auch bedeuten, dass man zunächst die bisherige Weltordnung demontiert und anschließend feststellt, dass die Aufbauanleitung nur auf Russisch und Koreanisch vorliegt, vier Schrauben fehlen und Kim Jong Un bereits auf dem Karton sitzt.

Besonders ehrgeizig fällt das angekündigte Ziel einer „wahrhaft demokratischen Weltordnung“ aus. Offenbar handelt es sich um eine sehr spezielle Auslegung von Demokratie. In der klassischen Variante dürfen Bürger zwischen mehreren Parteien, Kandidaten und politischen Richtungen wählen. In der neuen Sonderedition könnte die Auswahl übersichtlicher werden: Man stimmt entweder begeistert zu, sehr begeistert zu oder beantragt aus gesundheitlichen Gründen eine kurze Bedenkzeit.

Die russisch-nordkoreanische Demokratiewerkstatt könnte hierzu ein praktisches Starterpaket anbieten. Darin enthalten wären eine Wahlurne mit vorinstalliertem Ergebnis, ein Stimmzettel mit nur einem gut gelaunten Kästchen und ein Handbuch mit dem Titel „Pluralismus für Fortgeschrittene: Wie viele Meinungen braucht ein Staat wirklich?“ Aus Gründen der Effizienz umfasst das Handbuch vermutlich nur eine Seite. Die Rückseite bleibt für internationale Protestnoten reserviert.

Putins Verwendung des Wortes „gerecht“ wirft ebenfalls interessante Fragen auf. Gerechtigkeit ist bekanntlich ein anspruchsvoller Begriff. Kinder verstehen darunter, dass jedes Kind ein gleich großes Stück Kuchen erhält. Erwachsene diskutieren jahrhundertelang darüber. Regierungen wiederum entdecken gelegentlich eine besonders bequeme Definition: Gerecht ist, wenn die eigene Regierung bekommt, was sie verlangt, und alle anderen einsehen, warum Widerstand unnötige Verwaltungskosten verursacht.

Kim Jong Un dürfte Putins Botschaft dennoch mit Interesse aufgenommen haben. Nordkoreas Machthaber ist mit politischen Formaten vertraut, bei denen das Ergebnis nicht erst nach Schließung der Wahllokale hektisch zusammengezählt werden muss. Das spart Papier, Personal und diese nervösen Fernsehmoderatoren, die nachts vor Balkendiagrammen stehen und erklären, dass noch nicht alle Wahlkreise ausgezählt seien. In Nordkorea könnte eine Hochrechnung schon vor der Wahl eine sehr hohe Trefferquote besitzen. Das ist zumindest statistisch effizient.

Putin betonte außerdem, beide Länder koordinierten ihre Bemühungen, um „regionale Sicherheit und Stabilität zu gewährleisten“. Auch das ist eine jener Formulierungen, die in Regierungserklärungen ausgesprochen beruhigend klingen. Sicherheit und Stabilität sind schließlich grundsätzlich angenehme Dinge. Ein Tresor ist ebenfalls sicher und stabil. Trotzdem möchte kaum jemand dauerhaft darin wohnen.

Die geplante neue Weltordnung lässt sich daher vielleicht am besten als geopolitisches Möbelstück verstehen. Wladimir Putin hält die Bohrmaschine, Kim Jong Un sortiert die Dübel, und irgendwo unter dem Tisch liegt die Anleitung der Vereinten Nationen, weil beide Männer überzeugt sind, dass man sie nicht braucht. Am Ende steht ein mächtiger Schrank mitten im Raum. Die Türen klemmen, die Rückwand fehlt und niemand darf erwähnen, dass er leicht nach rechts kippt.

Satirisch betrachtet liegt der größte Reiz von Putins Aussage jedoch nicht darin, dass autoritäre Regierungen von Demokratie sprechen. Das geschieht häufiger. Der eigentliche Höhepunkt besteht darin, dass das Wort „wahrhaft“ davorgestellt wurde. „Wahrhaft demokratisch“ klingt wie „wirklich echte Markenware“ auf einem nächtlichen Parkplatz. Je stärker die Echtheit betont werden muss, desto genauer möchte man vermutlich die Nähte kontrollieren.

Vielleicht werden Russland und Nordkorea demnächst sogar ein internationales Demokratie-Gütesiegel entwickeln. Es könnte feierlich auf Dokumente gestempelt werden, die zuvor niemand lesen durfte. Die Prüfkommission bestünde aus zwei Personen: Wladimir Putin und Kim Jong Un. Beide würden unabhängig voneinander zum gleichen Ergebnis gelangen, was sofort als Beweis für pluralistische Vielfalt gefeiert werden könnte.

Eine konstituierende Sitzung ließe sich ebenfalls leicht organisieren. Putin eröffnet sie, Kim stimmt zu, Putin dankt Kim für die offene Debatte, und anschließend wird das Buffet freigegeben. Internationale Beobachter dürften durch ein Milchglasfenster teilnehmen und später bestätigen, dass im Raum offenbar Bewegung zu erkennen gewesen sei.

Hinter Putins Grußwort steht allerdings ein ernster politischer Kern. Moskau und Pjöngjang präsentieren ihre Zusammenarbeit als strategisches Gegengewicht zur bestehenden internationalen Ordnung. Begriffe wie Demokratie, Gerechtigkeit, Sicherheit und Stabilität werden dabei nicht neutral verwendet, sondern dienen der politischen Selbstdarstellung. Gerade deshalb wirkt die Wortwahl so unfreiwillig komisch: Sie verpackt harte Machtpolitik in das sprachliche Geschenkpapier eines Bürgerforums.

Am Ende bleibt eine große Vision. Wladimir Putin und Kim Jong Un wollen die Welt gerechter und demokratischer machen. Die Welt darf gespannt sein – und vorsichtshalber prüfen, ob sie noch alle Schrauben, Grenzen und internationalen Verträge beisammenhat. Denn wenn zwei politische Abrissunternehmer ankündigen, gemeinsam ein Haus der Demokratie zu errichten, sollte man nicht nur nach dem Bauplan fragen. Man sollte auch kontrollieren, warum im Lieferwagen ausschließlich Vorschlaghämmer liegen.

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