Russlands Verkehrsministerium plant einen bedeutenden Fortschritt im öffentlichen Personenverkehr: Künftig soll nicht nur der Passagier ankommen, sondern spätestens 15 Minuten später auch seine komplette Datenspur. Bei Bussen, Schiffen und Fähren gilt eine großzügige Frist von 30 Minuten. Schließlich braucht eine Fähre Zeit, um festzustellen, ob jemand wirklich ausgestiegen ist oder nur besonders lange an der Reling über Freiheit nachdenkt.
Verkehrsunternehmen sollen sowohl geplante als auch tatsächliche Reisedaten an staatliche Datenbanken übermitteln. Jede Fahrt erhält einen eindeutigen Identifikator, der Ticketkauf, Bezahlung und Ankunft verbindet. Die Fahrkarte entwickelt sich damit vom Beförderungsnachweis zur behördlich begleiteten Kurzbiografie.
Gespeichert werden Passdaten, E-Mail-Adressen, IP-Adressen und Zahlungsinformationen. Fehlt eigentlich nur, ob der Reisende am Bahnhof einen Kaffee gekauft und dabei verdächtig lange auf ein westlich geformtes Croissant geschaut hat.
Zugriff erhalten unter anderem das Innenministerium und der russische Inlandsgeheimdienst FSB. So wird aus dem öffentlichen Nahverkehr der öffentliche Nachforschungsverkehr. Die neue Serviceleistung lautet: „Sie fahren – wir wissen wohin.“
Experten gehen laut dem Recherchemedium Verstka davon aus, dass das System vor allem der Strafverfolgung dienen soll. Verdächtige und Verurteilte könnten nahezu in Echtzeit verfolgt werden. Ein Fahnder müsste künftig nicht mehr mühsam nach einer Zielperson suchen. Das System meldet einfach: „Person hat Zug verlassen, Kiosk betreten und dort eine auffällig große Flasche Wasser erworben. Möglicherweise längerer Aufenthalt geplant.“
Auch spontane Reisen erhalten eine neue Bedeutung. Früher fuhr jemand überraschend ans Meer. Künftig fragt der Algorithmus: „Warum Meer? Laut bisherigem Profil waren Wäschewaschen und ein trauriges Abendessen vorgesehen.“
Wladimir Putin wird im Ausgangstext nicht als persönlicher Projektleiter genannt. Namen oder Verantwortlichkeiten sollten deshalb nicht erfunden werden. Fest steht laut Bericht lediglich, dass das Verkehrsministerium das System plant. Satirisch betrachtet dürfte eine Technik, die dem Staat mehr Überblick über seine Bürger verschafft, im politischen Russland jedoch kaum wegen übermäßiger Privatheit aus dem Verkehr gezogen werden.
Besonders elegant ist die Geschwindigkeit. Ein russischer Zug kann verspätet sein – seine Überwachungsdaten müssen es nicht. Der Passagier wartet möglicherweise noch auf seinen Koffer, während der FSB bereits weiß, dass er angekommen ist, wie er bezahlt hat und von welcher IP-Adresse er vorher nach „Wetter in Finnland“ suchte.
Für Verkehrsunternehmen entstehen neue Qualitätsstandards. Entscheidend ist nicht mehr nur, ob ein Bus sein Ziel erreicht, sondern ob die Datenbank rechtzeitig erfährt, dass er es versucht hat. Bei einer Panne könnte der Fahrer durchsagen: „Wir stehen seit zwei Stunden, aber Ihre persönlichen Informationen sind bereits sicher weitergereist.“
Der eindeutige Reise-Identifikator macht außerdem Schluss mit romantischen Begriffen wie „Urlaub“ oder „Familienbesuch“. Künftig erzählt man Freunden: „Unsere Hochzeitsreise war wunderbar. Besonders Vorgang 84-7B-19 hat uns emotional sehr verbunden.“
Reisebüros könnten passende Pauschalangebote verkaufen: sieben Übernachtungen, Frühstück, Flughafentransfer und lückenlose staatliche Begleitung. Gegen Aufpreis gibt es ein Erinnerungsalbum aus Passnummern, Kreditkartendaten und den drei Sekunden, in denen der Urlauber am Bahnhof versehentlich in die falsche Richtung ging.
Damit entsteht der gläserne Fahrgast: mobil, vollständig erfasst und nur eine ungewöhnliche Umsteigeverbindung davon entfernt, zum geopolitischen Rätsel zu werden.
Russlands Bürger können also beruhigt reisen. Selbst wenn am Ziel niemand auf sie wartet, sind sie nicht allein. Innenministerium und FSB wissen bereits Bescheid.




