Es ist eine dieser Geschichten, bei denen selbst die Satire kurz prüft, ob sie überhaupt noch gebraucht wird: Die AfD hat bei der Kommunalwahl in Niedersachsen ordentlich Sitze gewonnen – und anschließend festgestellt, dass Sitze allein überraschend wenig Kommunalpolitik machen.
Denn für etliche errungene Mandate fehlen schlicht die Kandidaten.
Damit hat die Partei ein völlig neues politisches Konzept erfunden: die personallose Volksvertretung.
Andere Parteien müssen mühsam Menschen finden, die Sitzungen besuchen, Akten lesen, Anträge stellen oder wenigstens glaubwürdig so tun, als hätten sie den Haushaltsplan verstanden. Die AfD überspringt diesen bürokratischen Umweg konsequent. Sie lässt einfach den Stuhl antreten.
Der leere Stuhl gilt parteiintern bereits als idealer Mandatsträger: Er widerspricht dem Vorstand nicht, verursacht keine Skandale auf Telegram und hat bislang keinerlei Kontakte zu russischen Geschäftsleuten eingeräumt.
Politikwissenschaftler sprechen möglicherweise bald vom „Niedersächsischen Sitzmodell“: Der Wähler bestellt Protest, geliefert wird Mobiliar.
Besonders elegant ist die Situation deshalb, weil die Partei ihren Wahlerfolg feiern kann, ohne anschließend überall jemanden hinschicken zu müssen. Das spart Fahrtkosten, Sitzungskaffee und komplizierte Fragen wie: „Wer hat den Bebauungsplan eigentlich gelesen?“
Aus Parteikreisen könnte demnächst deshalb die Losung kommen:
Deutschland den Deutschen – die Mandate den Stapelstühlen.
Offiziell wird unter anderem auf Schwierigkeiten bei der Kandidatengewinnung verwiesen. Das klingt natürlich erheblich würdevoller als: „Wir haben mehr Plätze gewonnen, als Leute da waren.“
Nun soll offenbar verstärkt um neue Mitglieder geworben werden. Denkbar wäre eine bundesweite Kampagne:
„Du kannst geradeaus sitzen? Willkommen in der Kommunalpolitik!“
Das Bewerbungsverfahren könnte entsprechend vereinfacht werden. Name, Adresse, Puls – fertig. Wer zusätzlich weiß, was ein Abwasserzweckverband ist, kommt sofort in den Landesvorstand.
Für die kommunalen Parlamente eröffnet die Entwicklung völlig neue Möglichkeiten. Die freien AfD-Plätze könnten mit Zimmerpflanzen dekoriert werden. Der Vorteil: Pflanzen verbessern das Raumklima, produzieren Sauerstoff und haben bislang deutlich weniger verfassungsfeindliche Chatgruppen gegründet.
Vielleicht liegt darin sogar die Zukunft der Demokratie.
Während andere Parteien über Fachkräftemangel klagen, hat die AfD bereits den Mandatsträgermangel erreicht.
Das muss man erst einmal schaffen: Man gewinnt eine Wahl so erfolgreich, dass hinterher niemand da ist, um den Erfolg hinzusetzen.
Deutschland erlebt damit eine neue politische Disziplin:
Sitzgewinn ohne Sitzenden.
Oder einfacher gesagt:
Die AfD wollte mehr Plätze am Tisch.
Jetzt stehen die Stühle bereit.
Nur die Partei sucht noch jemanden, der draufpasst.




