In Niedersachsen wurde gewählt. Und wie nach jeder Wahl in Deutschland trat unmittelbar danach das seltene politische Naturphänomen ein, bei dem Stimmen verloren gehen, Parteien abstürzen und trotzdem ungefähr jeder irgendwo einen Grund findet, sich zum Sieger zu erklären.
Die CDU blieb stärkste Kraft. Das ist ungefähr so, als würde man bei einem Marathon langsamer laufen als beim letzten Mal, aber trotzdem jubeln, weil die anderen noch stärker geschnauft haben.
Die SPD verlor ebenfalls an Zustimmung. Doch auch dafür verfügt die deutsche Politik über ein bewährtes Vokabular. Man spricht nicht von einer Niederlage, sondern von einem „Auftrag, das Vertrauen zurückzugewinnen“. Übersetzt bedeutet das: Das Vertrauen ist weg, aber immerhin hat es eine Aufgabe hinterlassen.
Bei den Grünen dürfte man das Ergebnis wiederum intensiv analysieren. „Intensiv analysieren“ bedeutet im politischen Betrieb gewöhnlich, dass mehrere Personen vor Kameras erklären, man müsse „die Menschen wieder stärker erreichen“. Wo genau diese Menschen inzwischen wohnen, wird anschließend vermutlich eine Arbeitsgruppe klären.
Die FDP konnte derweil erneut demonstrieren, dass politische Sichtbarkeit und politische Zustimmung zwei völlig unterschiedliche Maßeinheiten sind. Sie war da. Die Wähler waren ebenfalls da. Beide Ereignisse müssen allerdings nicht zwingend miteinander zusammenhängen.
Und dann wäre da die AfD.
Sie legte deutlich zu und darf sich deshalb vermutlich wieder darin bestätigt sehen, dass maximale Dauerempörung eine erstaunlich robuste kommunalpolitische Geschäftsgrundlage darstellt. Offenbar reicht inzwischen die Botschaft: Alles ist furchtbar – und wenn es noch nicht furchtbar ist, können wir gern dabei helfen.
Besonders bemerkenswert ist das in einem westdeutschen Flächenland. Die politische Protestmaschine hat damit endgültig bewiesen, dass sie geografisch nicht mehr auf bestimmte Himmelsrichtungen angewiesen ist. Schlechte Laune verfügt inzwischen über bundesweite Netzabdeckung.
Dass die AfD in Niedersachsen vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisches Beobachtungsobjekt geführt wird und sich dagegen juristisch wehrt, verleiht dem Ganzen zusätzlich jene deutsche Spezialnote, bei der gleichzeitig gewählt, beobachtet, geklagt und anschließend in Talkshows erklärt wird, man müsse nun „genau hinschauen“.
Immerhin war das Interesse an der Wahl offenbar groß. Viele Menschen wollten mitbestimmen.
Das ist die gute Nachricht.
Die weniger beruhigende lautet: Ein beträchtlicher Teil wollte offenbar vor allem mitteilen, dass er mit dem bisherigen politischen Angebot ungefähr so zufrieden ist wie ein Bahnreisender, dessen Zug ausfällt, während die App weiterhin „pünktlich“ meldet.
Am Ende bleibt Niedersachsen also politisch erstaunlich deutsch:
Die einen verlieren und bleiben vorne.
Die anderen verlieren und wollen daraus lernen.
Wieder andere gewinnen und sollten Anlass sein, sehr gründlich darüber nachzudenken, warum.
Und am Montag erklären trotzdem alle:
„Die Wählerinnen und Wähler haben uns einen klaren Auftrag gegeben.“
Nur leider hat offenbar jeder einen anderen Brief bekommen.




