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POLITIK

AfD plötzlich Westpartei: Der Osten beantragt Rückgabe

admin · 17.08.2026 · 4 Min. Lesezeit
Grafik: AfD als Westpartei: Haseloff verteilt die Schuld
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Deutschland hat eine seiner wichtigsten politischen Fragen endlich erreicht: Wem gehört eigentlich die AfD?

Nicht programmatisch. Nicht juristisch. Sondern regional.

Jahrelang blickte die Republik bei hohen AfD-Wahlergebnissen zuverlässig Richtung Osten. Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt – irgendwo dort musste das politische Paket schließlich aufgegeben worden sein.

Nun erhebt Reiner Haseloff Einspruch.

Der frühere Ministerpräsident Sachsen-Anhalts und CDU-Politiker erklärt: „Die AfD ist eine Westpartei.“

Rumms.

Damit könnte die politische Debatte in Deutschland eine völlig neue Richtung einschlagen. Weg von Ursachen, hin zur Herkunftskennzeichnung.

Die AfD bekommt künftig möglicherweise einen kleinen Aufkleber:

„Hergestellt in Westdeutschland. Regional im Osten besonders erfolgreich vertrieben.“

Haseloff eröffnet das politische Fundbüro

Haseloffs Argument: Die Partei sei aus einer westdeutschen Elite hervorgegangen, viele ihrer führenden Köpfe seien Westdeutsche.

Damit beginnt eine faszinierende neue Epoche politischer Produkthaftung.

Wenn eine Partei von Westdeutschen gegründet wurde, ist dann Nordrhein-Westfalen zuständig?

Muss Niedersachsen sie zurücknehmen?

Oder geht das nach dem Wohnort des Erstgründers?

Das Bundesinnenministerium könnte vorsorglich ein Zentrales Parteienherkunftsregister einrichten.

Formular PH-17b:

„Wo wurde das politische Problem erstmalig hergestellt?“

☐ Ost

☐ West

☐ Berlin

☐ Talkshow

☐ Twitter

☐ Kann heute niemand mehr nachvollziehen

Sachsen-Anhalt könnte anschließend einen Retourenschein ausdrucken:

„Sehr geehrte Bundesrepublik, beiliegend erhalten Sie Ihre Westpartei zurück. Gebrauchsspuren vorhanden.“

Der Westen schaut irritiert in den Karton

Für Westdeutschland kommt Haseloffs Diagnose natürlich etwas überraschend.

Dort hatte man sich gerade gemütlich daran gewöhnt, bei AfD-Berichten Landkarten anzuschauen und Regionen östlich der Elbe in unterschiedlichen Blautönen dargestellt zu sehen.

Jetzt heißt es plötzlich: Das Produkt stammt von euch.

Das ist ungefähr so, als würde man jahrelang über den Gartenzwerg des Nachbarn lästern und irgendwann feststellen, dass auf der Unterseite steht:

„Made in Düsseldorf.“

Haseloff fordert deshalb eine Diskussion darüber, was in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten auch in Westdeutschland schiefgelaufen sei und warum wichtige Themen von den Eliten nur am Rande diskutiert worden seien.

Das klingt zunächst vernünftig.

Allerdings besitzt Deutschland bereits ein etabliertes Verfahren für solche Diskussionen.

Es heißt Talkshow.

Dort sitzen gewöhnlich sechs Personen um einen Tisch, von denen vier gleichzeitig erklären, dass man „endlich offen reden“ müsse, während die übrigen beiden versuchen, tatsächlich etwas zu sagen.

Nach 75 Minuten steht fest:

Deutschland muss die Sorgen der Menschen ernst nehmen.

Welche Sorgen?

Dazu leider nächste Woche mehr.

Und dann sind da noch die Medien

Haseloff sieht auch die Medien in der Verantwortung.

Diese hätten häufig einen westdeutschen Blick auf den „Ossi“. Negative Schlagzeilen und die permanente Darstellung, alles sei furchtbar, könnten den Eindruck verstärken, das Land befinde sich ungefähr drei Schlagzeilen vor dem vollständigen Zusammenbruch.

Hier berührt Haseloff tatsächlich ein interessantes Phänomen moderner Nachrichtenlogik.

Denn eine Schlagzeile wie:

„Mittwoch verlief weitgehend normal“

hat journalistisch gewisse Nachteile.

Ebenso:

„Bundesregierung arbeitet, Ergebnisse unterschiedlich bewertet“

oder:

„98,7 Prozent aller Züge explodierten heute nicht.“

Das verkauft sich schlecht.

Stattdessen funktioniert:

„DEUTSCHLAND VOR DEM ABGRUND?“

Am nächsten Tag:

„JETZT WIRD ALLES NOCH SCHLIMMER!“

Mittwoch:

„EXPERTE WARNT: ES KÖNNTE NOCH VIEL SCHLIMMER WERDEN!“

Donnerstag:

„WARUM NIEMAND ÜBER DIE KATASTROPHE SPRICHT!“

Freitag:

„DAS WOCHENENDE WIRD ZUR ZERREISSPROBE!“

Sonntag folgt dann eine Analyse darüber, warum die Bevölkerung zunehmend pessimistisch ist.

Mysteriös.

Die nationale Selbstkasteiungsmeisterschaft

Haseloff spricht von einer „Selbstkasteiung dieser Gesellschaft“.

Auch dafür könnte Deutschland tatsächlich olympiareif sein.

Die Wirtschaft wächst?

Zu wenig.

Die Wirtschaft schrumpft?

Untergang.

Sie stagniert?

Untergang mit Tabellen.

Arbeitslosigkeit sinkt?

Fachkräftemangel!

Arbeitslosigkeit steigt?

Massenarbeitslosigkeit!

Es regnet?

Jahrhundertsommer vorbei!

Es scheint die Sonne?

Dürre!

Deutschland könnte morgen gleichzeitig sämtliche wirtschaftlichen, sozialen und infrastrukturellen Probleme lösen, und spätestens um 14.30 Uhr erschiene die Meldung:

„Experten warnen vor gefährlicher Zufriedenheit.“

Das politische Geschäftsmodell der maximalen Unzufriedenheit erhält damit selbstverständlich hervorragende Marktbedingungen.

Wer permanent hört, das Haus brenne, wird irgendwann empfänglich für jemanden, der verspricht, das Gebäude „vom Kopf auf die Füße“ zu stellen.

Dass Häuser normalerweise weder Kopf noch Füße besitzen, ist dann nur noch ein Detail.

Der „Ossi“ als journalistische Sondertierart

Besonders ärgert Haseloff die Betrachtung Ostdeutscher aus westdeutscher Perspektive.

Tatsächlich entsteht in manchen Debatten gelegentlich der Eindruck, „der Ossi“ sei keine geografische Herkunft, sondern eine seltene gesellschaftliche Tierart.

„Hier sehen wir den ostdeutschen Wähler in seinem natürlichen Lebensraum. Vorsichtig nähert er sich der Wahlurne. Bitte nicht füttern.“

Anschließend wird aus Berlin, Hamburg oder Köln erklärt, warum jemand in Bitterfeld, Gera oder Görlitz denkt, was er denkt.

Idealerweise von jemandem, der zuletzt 1998 auf der A9 durch Sachsen-Anhalt gefahren ist.

Das Gegenmodell wäre allerdings genauso absurd: sämtliche politischen Entwicklungen ausschließlich anhand der Himmelsrichtung zu erklären.

Denn spätestens wenn Westdeutsche eine angebliche Westpartei im Osten wählen, während Ostdeutsche westdeutschen Medien vorwerfen, den Osten falsch zu erklären, benötigt Deutschland keine Politikwissenschaft mehr.

Es braucht Logistik.

Deutschland sucht den Schuldigen

Haseloffs Intervention zeigt vor allem eines: Die deutsche AfD-Debatte hat inzwischen die Phase erreicht, in der alle Beteiligten versuchen herauszufinden, auf wessen Rechnung das Problem eigentlich gebucht werden muss.

Der Osten sagt: „Die Gründer kamen aus dem Westen.“

Der Westen sagt: „Aber die Wahlergebnisse!“

Die Medien sagen: „Wir berichten nur darüber.“

Die Politik sagt: „Die Medien berichten ständig darüber.“

Die AfD steht daneben und muss erstaunlich wenig tun.

Vielleicht ist genau das Haseloffs interessantester Punkt.

Während Deutschland darüber diskutiert, ob die AfD ein ostdeutsches, westdeutsches, mediales, gesellschaftliches oder elitengemachtes Phänomen ist, kann die Partei gemütlich zuschauen, wie ihre Konkurrenz eine bundesweite Partie „Wer hat's verbockt?“ veranstaltet.

Der Sieger bekommt keinen Preis.

Aber der Verlierer vermutlich ein Wahlergebnis.

Vielleicht sollte Deutschland deshalb die Herkunftsfrage irgendwann abhaken.

Die AfD ist inzwischen weder Ost- noch Westpaket.

Sie ist längst bundesweit zugestellt.

Und eine Rücksendung wegen Nichtgefallens dürfte schwierig werden.

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