Berlin erlebt einen historischen Tag.
Nach jahrzehntelanger Spitzenforschung in den Bereichen Zuständigkeitsverschiebung, Terminverlängerung und Schuldzuweisungsmanagement hat die Bundesregierung endlich die Konsequenzen gezogen und ein neues Ressort geschaffen:
Das Bundesministerium für Ausreden.
Die Behörde soll künftig sämtliche Begründungen liefern, warum Projekte nicht fertig werden, später fertig werden oder möglicherweise niemals fertig werden.
Regierungskreise sprechen von einem Meilenstein der Verwaltungsmodernisierung.
„Bisher musste jede Behörde ihre eigenen Ausreden entwickeln“, erklärte ein Sprecher. „Das führte zu Doppelarbeit, ineffizienten Entschuldigungen und teilweise sogar zu widersprüchlichen Rechtfertigungen. Das können wir uns als Industrienation nicht länger leisten.“
Das neue Ministerium soll deshalb sämtliche Ausreden zentral koordinieren.
Deutschland erhält damit erstmals eine nationale Strategie für professionelles Nichtfertigwerden.
Der Bedarf ist enorm.
Allein in den ersten zehn Minuten nach der Eröffnung gingen laut Ministerium über 12.000 Anfragen ein.
Darunter:
- Warum dauert die Digitalisierung länger als erwartet?
- Warum ist die Brücke noch nicht fertig?
- Warum funktioniert die Software nicht?
- Warum wurde der Termin verschoben?
- Warum wurde der Ersatztermin ebenfalls verschoben?
- Warum wurde die Erklärung für die Verschiebung verschoben?
Für all diese Fälle soll künftig eine eigene Fachabteilung zuständig sein.
Das Organigramm umfasst bereits beeindruckende Strukturen.
Die Abteilung I trägt den Titel:
„Höhere Gewalt und Sonstiges“
Hier werden Klassiker wie Wetter, Jahreszeiten, Schwerkraft und die Existenz von Montagen bearbeitet.
Abteilung II heißt:
„Unvorhersehbare Ereignisse“
Sie beschäftigt sich mit Katastrophen, die seit Jahren bekannt sind.
Dazu gehören etwa Wintereinbrüche im Januar, Urlaubszeiten im Sommer und die überraschende Erkenntnis, dass ein Bauprojekt tatsächlich gebaut werden muss.
Besonders angesehen ist die Abteilung III:
„Digitale Herausforderungen“
Dort werden sämtliche Computerprobleme verwaltet.
Ein Mitarbeiter erklärte stolz:
„Unsere erfolgreichste Ausrede war bisher: ‚Das System befindet sich derzeit in einer technischen Umstellung.‘ Niemand weiß, was das bedeutet, aber alle akzeptieren es.“
Das Ministerium arbeitet außerdem an innovativen Zukunftslösungen.
So soll künstliche Intelligenz künftig automatisch neue Begründungen generieren.
Erste Testläufe verliefen vielversprechend.
Auf die Frage, warum ein Projekt sechs Jahre verspätet sei, antwortete die KI:
„Eine Kombination aus technischen, organisatorischen, klimatischen, geopolitischen, bürokratischen und astrologischen Faktoren.“
Die Antwort erhielt intern die Höchstwertung.
Der zuständige Staatssekretär lobte insbesondere die astrologische Komponente.
„Die hatten wir bislang völlig unterschätzt.“
Auch für Großprojekte gibt es spezielle Teams.
Ein neu gegründetes Kompetenzzentrum beschäftigt sich ausschließlich mit dem Berliner Flughafen.
Dort arbeiten inzwischen 800 Experten.
Allerdings nicht an dem Flughafen.
Sondern an neuen Ausreden.
Das Zentrum gilt als weltweit führend.
Internationale Delegationen reisen regelmäßig an, um sich über deutsche Spitzenleistungen im Bereich der Verzögerungsbegründung zu informieren.
Ein Besucher aus dem Ausland zeigte sich beeindruckt:
„Bei uns wird ein Projekt verspätet fertig. In Deutschland wird zuerst eine wissenschaftliche Erklärung dafür erstellt.“
Besonders ambitioniert ist die sogenannte Ausreden-Akademie.
Hier werden Nachwuchskräfte ausgebildet.
Der Lehrplan umfasst:
- Fortgeschrittenes Zuständigkeits-Pingpong
- Einführung in das Schuldzuweisungswesen
- Kreatives Fristverlängern
- Praktische Anwendung des Wortes „zeitnah“
- Die Kunst, fünf Absätze zu schreiben, ohne eine Frage zu beantworten
Der Studiengang gilt als äußerst anspruchsvoll.
Nur die Besten schaffen den Abschluss.
Die Abschlussprüfung besteht darin, eine Verspätung von drei Jahren zu erklären, ohne dabei konkrete Ursachen zu nennen.
Die Rekordnote liegt aktuell bei 100 Punkten.
Besonderes Aufsehen erregte die Einführung des sogenannten Ausreden-Barometers.
Es zeigt tagesaktuell die beliebtesten Begründungen Deutschlands.
Aktuell auf Platz 1:
„Die Abstimmung mit den beteiligten Stellen dauert an.“
Seit sieben Jahren unangefochten.
Auf Platz 2:
„Der Vorgang befindet sich in Prüfung.“
Auf Platz 3:
„Die endgültige Bewertung liegt noch nicht vor.“
Experten rechnen mit einer langfristigen Dominanz dieser Klassiker.
Die Opposition kritisierte das neue Ministerium zunächst scharf.
Allerdings musste sie ihre Pressekonferenz verschieben.
Als Begründung nannte sie organisatorische Schwierigkeiten.
Das Ministerium wertete dies sofort als ersten Erfolg.
Auch die Wirtschaft begrüßt die Entwicklung.
Mehrere Beratungsunternehmen entwickeln bereits Zertifizierungen.
Geplant sind unter anderem:
- ISO 9001 für Ausredenqualität
- DIN-Norm für Terminverschiebungen
- Europäisches Gütesiegel für glaubwürdige Entschuldigungen
Besonders gefragt ist das neue Qualitätssiegel:
„100 % Verzögerung – 0 % Verantwortung“
Viele Unternehmen haben bereits Interesse angemeldet.
Inzwischen arbeitet die Bundesregierung an weiteren Reformen.
So soll künftig jede größere Verzögerung mit einem offiziellen Ausreden-Beauftragten begleitet werden.
Dieser erklärt regelmäßig, warum weiterhin nichts passiert.
Ein Sprecher des Ministeriums sieht darin einen Fortschritt:
„Früher hatten die Bürger nur Verzögerungen. Jetzt erhalten sie professionelle Informationen über Verzögerungen.“
Die Einführung gilt als großer Erfolg.
Zwar konnte bislang kein einziges Projekt beschleunigt werden.
Dafür sind die Erklärungen deutlich länger geworden.
Und genau darum geht es schließlich.
Denn in Deutschland wird nicht einfach verspätet.
Hier wird die Verspätung geplant.
Die Erklärung abgestimmt.
Die Verantwortung verteilt.
Die Begründung dokumentiert.
Die Dokumentation geprüft.
Die Prüfung ausgewertet.
Und anschließend ein Arbeitskreis gegründet, um die Ursachen der Verzögerung der Begründung zu analysieren.
Der Abschlussbericht wird voraussichtlich im Jahr 2047 erwartet.
Sofern nichts dazwischenkommt.
Und falls doch, kennt das Ministerium bereits die passende Ausrede.


