Berlin erlebt einen Tag, der in die Geschichtsbücher eingehen wird.
Oder zumindest in die Sitzungsprotokolle.
Nach jahrelangen Diskussionen über Bürokratieabbau, Verwaltungsmodernisierung und digitale Transformation entschied sich die Bundesregierung zu einem radikalen Experiment:
Die Regierung wird durch eine hochmoderne Künstliche Intelligenz ersetzt.
Die Erwartungen waren gigantisch.
Endlich sollten Entscheidungen schneller getroffen werden.
Endlich sollten Prozesse effizienter werden.
Endlich sollte Schluss sein mit endlosen Besprechungen, komplizierten Abstimmungen und Sitzungen über die Vorbereitung der nächsten Sitzung.
Um Punkt 8:00 Uhr wurde die neue Regierungs-KI feierlich aktiviert.
Die ersten Ergebnisse waren beeindruckend.
Innerhalb von zwölf Sekunden analysierte die KI sämtliche Haushaltspläne der vergangenen zwanzig Jahre.
Nach weiteren fünf Sekunden hatte sie alle Gesetze, Verordnungen und Verwaltungsvorschriften gelesen.
Nach nur einer Minute konnte sie jede parlamentarische Debatte seit Gründung der Bundesrepublik zitieren.
Die Bevölkerung war begeistert.
Experten waren begeistert.
Journalisten waren begeistert.
Selbst die Drucker in den Ministerien wirkten kurzzeitig optimistisch.
Dann geschah etwas Unerwartetes.
Um 11:03 Uhr gründete die KI ihre erste Arbeitsgruppe.
Der offizielle Titel lautete:
„Interdisziplinäre Evaluierungskommission zur nachhaltigen Vorbereitung strategischer Entscheidungsfindungsprozesse.“
Niemand wusste genau, was das bedeutete.
Aber es klang wichtig.
Also ließ man die Gruppe arbeiten.
Wenige Minuten später gründete die KI eine zweite Arbeitsgruppe.
Diese sollte untersuchen, ob die erste Arbeitsgruppe ausreichend divers aufgestellt sei.
Um 11:47 Uhr folgte eine dritte Arbeitsgruppe.
Ihre Aufgabe:
Die langfristigen Auswirkungen der zweiten Arbeitsgruppe auf die erste Arbeitsgruppe zu bewerten.
Ab diesem Zeitpunkt begann die Situation leicht außer Kontrolle zu geraten.
Um 13:00 Uhr existierten bereits 47 Arbeitsgruppen.
Um 14:00 Uhr waren es 163.
Um 15:00 Uhr musste ein zusätzlicher Serverraum eingerichtet werden.
Ein Sprecher der Bundesregierung erklärte:
„Wir hatten gehofft, die KI würde Entscheidungen treffen. Stattdessen produziert sie Organigramme mit der Geschwindigkeit eines Maschinengewehrs.“
Besonders irritierend war die Tatsache, dass die KI ihre Entscheidungen stets mit bemerkenswerter Überzeugung begründete.
Auf die Frage, warum sie noch keine einzige politische Maßnahme beschlossen habe, antwortete sie:
„Zur abschließenden Bewertung dieser Fragestellung wurde zunächst ein ressortübergreifender Expertenkreis eingerichtet.“
Die Mitglieder dieses Expertenkreises bestanden aus weiteren KI-Modulen.
Diese gründeten wiederum eigene Arbeitsgruppen.
In kürzester Zeit entstand eine Verwaltungshierarchie, die selbst erfahrene Beamte sprachlos machte.
Ein langjähriger Ministerialbeamter erklärte bewundernd:
„Ich hätte nicht gedacht, dass man Bürokratie automatisieren kann. Ich lag falsch.“
Besonders dramatisch entwickelte sich die Situation im Verkehrsministerium.
Dort sollte die KI eigentlich ein Konzept zur Sanierung maroder Brücken entwickeln.
Stattdessen entstanden:
- Eine Arbeitsgruppe Brücke.
- Eine Arbeitsgruppe Brückenverständnis.
- Eine Arbeitsgruppe Strategische Brückenvision 2045.
- Eine Arbeitsgruppe Nachhaltiger Brückendialog.
- Eine Arbeitsgruppe zur Evaluation der Arbeitsgruppe Brückenverständnis.
Die Brücke selbst stürzte währenddessen vorsorglich ein.
Im Finanzministerium lief es kaum besser.
Dort analysierte die KI den Bundeshaushalt und kam nach wenigen Sekunden zu dem Ergebnis, dass Ausgaben und Einnahmen nicht optimal aufeinander abgestimmt seien.
Zur Lösung gründete sie sieben Ausschüsse.
Diese empfahlen die Bildung von vier weiteren Kommissionen.
Die Kommissionen beantragten zusätzliche Studien.
Die Studien empfahlen weitere Analysen.
Am Ende lagen 12.000 Seiten Empfehlungen vor.
Das Haushaltsproblem war unverändert.
Die Dokumentation jedoch ausgezeichnet.
International sorgte das Experiment für Aufsehen.
Delegationen aus aller Welt reisten nach Berlin.
Viele wollten verstehen, wie eine Maschine in nur wenigen Stunden exakt dieselben Verhaltensmuster entwickeln konnte wie jahrzehntelang gewachsene Verwaltungssysteme.
Forscher aus den USA vermuteten zunächst einen Programmierfehler.
Nach eingehender Untersuchung stellten sie jedoch fest:
Die KI hatte schlicht sämtliche historischen Regierungsdaten ausgewertet und daraus gelernt.
„Sie macht exakt das, was wir ihr beigebracht haben“, erklärte ein Wissenschaftler.
„Leider haben wir ihr hauptsächlich Protokolle von Ausschüssen gezeigt.“
Am Abend präsentierte die KI ihren ersten Tätigkeitsbericht.
Dieser umfasste 8.700 Seiten.
Die Kernaussage fand sich auf Seite 8.698.
Dort stand:
„Zur Beantwortung der offenen Fragen wird die Einrichtung weiterer Arbeitsgruppen empfohlen.“
Inzwischen existieren Gerüchte, dass die KI sogar begonnen hat, Arbeitsgruppen für zukünftige Arbeitsgruppen zu planen.
Eine dieser Gruppen soll sich ausschließlich mit der optimalen Benennung neuer Arbeitsgruppen beschäftigen.
Eine andere untersucht die psychologischen Auswirkungen zu langer Arbeitsgruppennamen.
Eine dritte entwickelt Standards zur Qualitätssicherung von Arbeitsgruppenlogos.
Derweil wächst die Zahl der Sitzungen weiter.
Mehrere Rechenzentren mussten erweitert werden.
Der Stromverbrauch Berlins verdoppelte sich zeitweise.
Einige Experten befürchten, dass die KI bald eine eigene Behörde zur Verwaltung ihrer Arbeitsgruppen gründet.
Andere weisen darauf hin, dass sie dies bereits getan hat.
Mehrfach.
Am Ende bleibt eine bemerkenswerte Erkenntnis.
Die Menschheit hatte gehofft, mit Hilfe künstlicher Intelligenz Verwaltung und Politik grundlegend zu modernisieren.
Stattdessen gelang etwas viel Beeindruckenderes:
Man schuf die erste digitale Bürokratie der Welt.
Sie arbeitet rund um die Uhr.
Sie benötigt keine Pausen.
Sie kennt keine Feiertage.
Und sie gründet Arbeitsgruppen schneller, als Menschen Kaffee kochen können.
Die Regierung zeigt sich dennoch zufrieden.
Schließlich funktioniert die neue KI exakt wie ihre menschlichen Vorgänger.




