Es begann mit einer einfachen Idee.
"Wir brauchen mehr Parkplätze."
Ein Satz, der in vielen Städten ungefähr dieselbe Wirkung entfaltet wie das Wort "Gratisbuffet" auf einem Parteitag. Sofort entstanden Arbeitsgruppen, Lenkungskreise, Bürgerdialoge, Projektbeiräte, Expertengremien und mindestens drei Unterarbeitsgruppen zur Vorbereitung der ersten Vorbesprechung des Auftaktworkshops.
Das Ziel war klar.
Ein Parkplatz.
Nicht der Berliner Flughafen.
Nicht eine Mondbasis.
Nicht der Bau eines interkontinentalen Hyperloop-Netzes.
Ein Parkplatz.
Doch genau darin lag vermutlich das Problem.
Ein Parkplatz ist viel zu klein, um nicht möglichst groß diskutiert zu werden.
Bereits im ersten Jahr erschien das erste Gutachten.
Es stellte fest, dass Parkplätze grundsätzlich dort am sinnvollsten seien, wo Autos stehen.
Diese bahnbrechende Erkenntnis wurde selbstverständlich noch einmal extern überprüft.
Man wollte schließlich wissenschaftliche Sicherheit.
Im zweiten Jahr entstand ein Verkehrskonzept.
Im dritten Jahr ein Mobilitätskonzept.
Im vierten Jahr folgte das integrierte Verkehrs- und Mobilitätsrahmenkonzept mit klimaneutralem Perspektiventeil.
Im fünften Jahr stellte jemand fest, dass die Daten des ersten Gutachtens inzwischen veraltet seien.
Also begann alles erneut.
Die Sitzungen entwickelten schnell ihre ganz eigene Kultur.
Jeder brachte farbige Präsentationen mit.
Jeder zeigte Pfeile.
Jeder verwendete Begriffe wie "Synergiepotenziale", "multimodale Erreichbarkeit" und "partizipative Flächenoptimierung".
Niemand wusste anschließend genau, wo eigentlich geparkt werden sollte.
Ein Stadtrat schlug vor, den Parkplatz nach Norden zu verlegen.
Ein anderer wollte ihn lieber im Süden.
Eine dritte Fraktion plädierte dafür, zunächst einen Runden Tisch zur geografischen Einordnung des Nordens einzurichten.
Zur Sicherheit wurde ein weiteres Gutachten beauftragt.
Dieses untersuchte auf 487 Seiten die emotionale Beziehung von Pflastersteinen zur Stadtentwicklung.
Die Ergebnisse waren überraschend offen.
Parallel dazu fanden Bürgerbeteiligungen statt.
Dort meldeten sich Menschen, die grundsätzlich gegen Parkplätze waren.
Daneben saßen Menschen, die ausschließlich für Parkplätze waren.
In der Mitte saßen Menschen, die eigentlich nur wissen wollten, wann endlich Kaffee ausgeschenkt wird.
Auch die Umwelt spielte eine Rolle.
Ein besonders engagierter Biologe entdeckte auf dem vorgesehenen Gelände eine Schnecke, die ausschließlich dienstags zwischen 14:00 und 14:07 Uhr besonders motiviert wirkte.
Sofort wurde ein Artenschutzgutachten erstellt.
Die Schnecke erhielt beinahe einen eigenen Pressesprecher.
Ein Landschaftsarchitekt schlug anschließend vor, den Parkplatz vollständig zu begrünen.
Das Konzept sah so viele Bäume vor, dass niemand mehr erkennen konnte, wo später überhaupt ein Auto stehen sollte.
Dafür wirkte alles ausgesprochen nachhaltig.
Währenddessen entwickelte sich die Technik weiter.
Autos wurden elektrisch.
Dann autonom.
Dann halbautonom.
Dann so intelligent, dass sie ihre Besitzer fragten, weshalb sie überhaupt noch in Innenstädte fahren wollten.
Der Parkplatz war allerdings noch immer in der Abstimmung.
Im achten Jahr entstand eine digitale Simulation.
Sie zeigte fotorealistisch, wie Menschen in einer Zukunft parken könnten, die längst Vergangenheit geworden war.
Das Modell gewann sogar einen Architekturpreis.
Gebaut wurde weiterhin nichts.
Im zehnten Jahr gründete sich eine Initiative gegen den Schattenwurf geplanter Laternen.
Kurz darauf entstand eine Gegengruppe für ausreichenden Schattenwurf.
Beide Seiten veröffentlichten umfangreiche Stellungnahmen.
Die Laternen existierten noch immer ausschließlich in PowerPoint.
Im zwölften Jahr wurde das Projekt auf einer internationalen Fachkonferenz vorgestellt.
Experten aus aller Welt bewunderten den außergewöhnlich langen Planungsprozess.
Ein Professor bezeichnete ihn als "lebendes Kulturerbe kommunaler Entscheidungsfindung".
Der Vortrag erhielt minutenlangen Applaus.
Der Parkplatz blieb eine Vision.
Dann änderte sich die Mobilität grundlegend.
Carsharing wurde zum Standard.
Lieferdrohnen summten durch die Luft.
Fahrräder besaßen mehr Rechenleistung als frühere Großrechner.
Der öffentliche Nahverkehr fuhr weitgehend autonom.
Die ersten fliegenden Taxis tauchten in Werbebroschüren auf.
Im Sitzungssaal diskutierte man noch immer über die optimale Breite der Stellplätze für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor.
Irgendwann war das Auto aus dem Alltag weitgehend verschwunden.
Junge Menschen fragten ihre Großeltern neugierig:
"Stimmt es wirklich, dass jeder früher eine eigene Blechkiste besaß und sie stundenlang ungenutzt herumstehen ließ?"
Die Großeltern nickten wehmütig.
"Ja. Und wir haben uns sogar über Parkuhren geärgert."
Die Enkel hielten das für eine besonders fantasievolle Gute-Nacht-Geschichte.
Nach fünfzehn Jahren war es schließlich so weit.
Der Stadtrat trat zur entscheidenden Abstimmung zusammen.
Die Atmosphäre war feierlich.
Man erinnerte sich an unzählige Sitzungen.
An Hunderte Präsentationen.
An Tausende Folien.
An Aktenordner, die inzwischen das Eigengewicht kleiner Wohnhäuser erreicht hatten.
Der Bürgermeister erhob sich.
Mit bewegter Stimme verkündete er:
"Nach intensiver Beratung beschließen wir heute den Bau eines modernen Parkplatzes."
Langanhaltender Applaus erfüllte den Saal.
Zeitgleich fuhr draußen lautlos ein autonomes Shuttle vorbei.
Niemand stieg aus.
Niemand suchte einen Stellplatz.
Niemand besaß überhaupt noch ein eigenes Auto.
Die frisch errichteten Parkflächen wurden wenige Monate später zu einem beliebten Freilichtmuseum erklärt.
Schulkinder besichtigten sie staunend.
Ein Museumsführer zeigte auf die weißen Markierungen.
"Hier standen früher Fahrzeuge."
Ein Junge hob die Hand.
"Warum?"
Der Museumsführer lächelte nachdenklich.
"Weil man damals glaubte, das sei eine gute Idee."
Die Kinder schüttelten ungläubig den Kopf.
Zum Abschied durften alle in einem historischen Mittelklassewagen Platz nehmen.
Mit ehrfürchtigem Staunen betrachteten sie das runde Ding vor dem Fahrersitz.
"Und womit wurde das Fahrzeug gesteuert?"
"Mit diesem Lenkrad."
Ungläubiges Schweigen.
Eines der Kinder flüsterte:
"Wie primitiv."
Der Museumsführer nickte.
"Aber immerhin war die Parkplatzplanung schon damals hochmodern."
Und irgendwo im Rathaus traf sich zeitgleich ein neuer Arbeitskreis.
Tagesordnungspunkt eins:
"Konzept zur Nachnutzung ehemaliger Parkplatzkonzepte."
Die Sitzung wurde einstimmig vertagt.




