Berlin ist eine bemerkenswerte Stadt.
Hier entstehen Trends.
Koalitionen.
Verkehrsstaus.
Und jedes Jahr mindestens zwölf Steuerreformen, von denen am Ende ungefähr dreizehn angekündigt werden.
In diesen Tagen verwandelt sich das Regierungsviertel wieder in die größte mathematische Zaubershow Europas. Das Publikum erwartet ein Wunder, die Opposition erwartet das Gegenteil, und die Finanzbeamten erwarten vorsorglich Überstunden.
Mitten in diesem Spektakel steht Carsten Linnemann.
Er betritt die Bühne mit einem dicken Aktenordner unter dem Arm, einem Taschenrechner in der einen und einem Rotstift in der anderen Hand.
„Wir müssen sparen!“
Großer Applaus.
„Wir müssen investieren!“
Noch größerer Applaus.
„Wir müssen entlasten!“
Standing Ovations.
„Und bezahlen soll das möglichst niemand.“
Jetzt fliegen Konfetti und Luftschlangen durch den Saal.
Selbst Physiker beginnen langsam zu zweifeln, ob ihre bisherigen Erkenntnisse über Energieerhaltung überhaupt noch aktuell sind.
Im Kanzleramt wird unterdessen fieberhaft gerechnet.
Nicht mit Zahlen.
Mit Formulierungen.
Denn Zahlen führen schnell zu Rückfragen.
Formulierungen dagegen lassen erstaunlich viel Platz für Optimismus.
Dafür gibt es inzwischen die Bundeszentrale für Elastische Mathematik, liebevoll auch "Ministerium für politische Prozentrechnung" genannt.
Dort arbeiten hochqualifizierte Fachkräfte.
Ihre wichtigste Aufgabe:
Minuszeichen so lange anzuschauen, bis sie wie Pluszeichen wirken.
Im Erdgeschoss sitzt die Abteilung "Kreative Gegenfinanzierung".
Sie verfügt über eine riesige Lostrommel.
Darin befinden sich kleine Kugeln.
Auf jeder steht eine Idee.
"Bürokratie abbauen."
"Verwaltung digitalisieren."
"Subventionen überprüfen."
"Mehr Wachstum."
"Effizienz steigern."
"Ministerien sollen sparen."
Jeden Morgen zieht jemand blind eine Kugel.
Anschließend wird dieselbe Idee zur historischen Innovation erklärt.
Seit zwölf Jahren.
Carsten Linnemann schlägt derweil vor, der Staat solle zunächst bei sich selbst sparen.
Im Regierungsviertel ertönt daraufhin Alarmstufe Gelb.
Sofort verlassen hunderte Referatsleiter ihre Büros.
Nicht etwa, um Einsparpotenziale zu suchen.
Nein.
Sie beginnen unverzüglich Gutachten darüber zu verfassen, warum ausgerechnet ihre Abteilung absolut unverzichtbar ist.
Innerhalb weniger Stunden entstehen 14.000 Seiten Begründung.
Gedruckt auf hochwertigem Papier.
Natürlich in vierfacher Ausfertigung.
Zur Sicherheit.
Währenddessen diskutiert eine andere Arbeitsgruppe über hohe Einkommen.
Sobald dieses Thema aufgerufen wird, geschieht etwas Magisches.
Jeder Teilnehmer zeigt auf jemand anderen.
„Der da ist reich!“
„Nein, der dort!“
„Ganz bestimmt der!“
Erstaunlicherweise erklärt sich niemand freiwillig zur wohlhabenden Bevölkerungsgruppe.
Der Unternehmer mit mehreren Villen bezeichnet sich als bodenständigen Mittelständler.
Der Millionär nennt sich einkommenssensibel.
Der Besitzer eines Sportwagens verweist auf gestiegene Spritpreise.
Und der Nachbar mit drei Ferienhäusern erklärt glaubhaft, eigentlich lebe er ausgesprochen bescheiden.
Deutschland ist vermutlich das einzige Land, in dem sich Menschen mit sechsstelligen Einkommen gegenseitig versichern, sie seien "eigentlich ganz normale Leute".
Im Hintergrund wartet bereits die nächste Debatte.
Diesmal geht es um Minijobs.
Schon der Name klingt nach einer harmlosen Angelegenheit.
Bis Politiker anfangen, darüber zu diskutieren.
Innerhalb weniger Minuten entstehen Diagramme.
Tabellen.
Simulationen.
Kommissionen.
Unterkommissionen.
Expertengremien.
Ein Runder Tisch.
Ein Lenkungskreis.
Und mindestens zwei Gipfeltreffen.
Am Ende liegt ein Reformvorschlag vor.
Er umfasst 2.300 Seiten.
Davon beschäftigen sich 1.800 Seiten mit der Definition des Wortes "einfach".
Im Bundesfinanzministerium arbeitet inzwischen die legendäre Abteilung für spontane Haushaltswunder.
Ihre Spezialität besteht darin, jede neue Ausgabe als Investition zu bezeichnen und jede Kürzung als Zukunftschance.
Die Mitarbeiter besitzen sogar einen eigenen Übersetzungscomputer.
Man gibt ein:
"Uns fehlen zehn Milliarden."
Der Computer antwortet:
"Finanzieller Gestaltungsspielraum eröffnet neue Perspektiven."
Das Gerät erhielt dafür den Innovationspreis des öffentlichen Dienstes.
Auch Bärbel Bas betritt regelmäßig die große Manege.
Kaum nennt sie einen Entlastungsvorschlag, erscheinen irgendwo im Regierungsviertel automatisch drei Finanzexperten, vier Wirtschaftswissenschaftler und ein Mann mit einem Flipchart.
Sie beginnen sofort zu rechnen.
Nach acht Stunden kommen sie zu folgendem Ergebnis:
„Es kommt darauf an.“
Dieser Satz gilt inzwischen als offizielles Wappentier deutscher Steuerpolitik.
Parallel dazu arbeitet die Bundesregierung bereits an der Digitalisierung der Steuerdebatte.
Eine neue künstliche Intelligenz soll künftig sämtliche Diskussionen übernehmen.
Der Prototyp trägt den Namen FISKUS-GPT.
Auf jede Frage antwortet das System zuverlässig:
„Die Maßnahme ist grundsätzlich denkbar, muss jedoch solide gegenfinanziert, europarechtlich geprüft und in einer interministeriellen Arbeitsgruppe vertieft werden.“
Nach drei Wochen fiel niemandem mehr auf, dass bereits der Computer sämtliche Pressekonferenzen übernommen hatte.
Selbst Journalistinnen und Journalisten bemerkten keinen Unterschied.
Im Bundestag entwickelt sich währenddessen eine neue olympische Disziplin.
Das sogenannte Haushalts-Pingpong.
Regierungsmitglieder schlagen Sparvorschläge quer durch den Sitzungssaal.
Jedes Ministerium fängt den Ball elegant auf und wirft ihn sofort zum nächsten Ressort weiter.
„Bei uns geht leider nichts.“
„Vielleicht beim Verkehr.“
„Nein, lieber bei Gesundheit.“
„Oder bei Bildung.“
„Ganz sicher aber nicht bei uns.“
Nach sechs Stunden steht fest:
Gespart wird selbstverständlich.
Nur eben woanders.
Im Pressezentrum herrscht derweil Hochbetrieb.
Dort entstehen Überschriften wie:
„Historische Entlastung!“
„Mutiger Neuanfang!“
„Größte Reform seit der letzten größten Reform!“
Ein Praktikant fragt vorsichtig:
„Welche Reform genau?“
Er wird freundlich gebeten, solche Detailfragen künftig zu unterlassen.
Am Abend treten Carsten Linnemann und die übrigen Verhandlungspartner vor die Kameras.
Alle lächeln.
Alle erklären sich zu Gewinnern.
Alle loben den Kompromiss.
Die Opposition erklärt den Kompromiss zur Katastrophe.
Die Wirtschaft erklärt ihn zur Herausforderung.
Steuerberater reservieren vorsorglich zusätzliche Kaffeekannen.
Und irgendwo sitzt ein Bürger mit seiner Steuererklärung am Küchentisch.
Er blättert durch Formulare.
Durch Anlagen.
Durch Erläuterungen.
Durch Ergänzungen.
Durch Hinweise.
Schließlich legt er den Kugelschreiber beiseite und sagt den wohl treffendsten Satz des gesamten Reformprozesses:
„Wenn das die Vereinfachung ist, möchte ich die komplizierte Version lieber niemals kennenlernen.“
Und im Berliner Regierungsviertel beginnt bereits die Planung für die nächste große Steuerreform.
Schließlich hat Tradition auch ihre schönen Seiten.




