In der deutschen Politik gibt es Zahlen, die besitzen magische Kräfte.
Die Null ist gefürchtet.
Die Hundert wird selten erreicht.
Und die Fünf ist für Liberale ungefähr das, was Wasser für Schiffbrüchige, Sauerstoff für Bergsteiger oder WLAN für Teenager ist.
Sie bedeutet Leben.
Entsprechend elektrisiert war die Stimmung, als irgendwo zwischen Kaffeemaschine, Parteizentrale und Hoffnungslabor plötzlich eine Zahl auftauchte, die lange Zeit als ausgestorben galt.
Fünf.
Eine kleine Zahl.
Ein einzelnes mathematisches Symbol.
Doch innerhalb weniger Stunden entwickelte sie sich zur vermutlich wichtigsten Zahl seit der Erfindung des Taschenrechners.
Die Freude war derart groß, dass einige Parteimitglieder vorsorglich überprüften, ob die Umfrage möglicherweise versehentlich doppelt gezählt worden war.
Andere fragten sicherheitshalber nach, ob die Zahl tatsächlich vor dem Komma stehe.
Als dies bestätigt wurde, brach eine Euphoriewelle los, die in mehreren Bundesländern als leichtes Erdbeben registriert worden sein soll.
Im Zentrum der Ereignisse stand Wolfgang Kubicki.
Ein Mann, der bereits politische Krisen, Parteitage, Koalitionsverhandlungen, Bundestagswahlen, Landtagswahlen und vermutlich auch die Erfindung des Faxgeräts persönlich miterlebt hat.
Als die Nachricht von den fünf Prozent eintraf, soll sich seine Körperhaltung unmittelbar verändert haben.
Augenzeugen berichten, er sei innerhalb weniger Minuten um etwa 15 Zentimeter gewachsen.
Politisch natürlich.
Physikalisch wäre das schwierig zu erklären.
Doch politische Physik folgt eigenen Gesetzen.
Dort genügt manchmal ein Prozentpunkt, um aus einem Überlebenskampf eine Renaissance zu machen.
Andere Parteien feiern Wahlsiege.
Die FDP feiert inzwischen erfolgreiche Begegnungen mit der Fünf-Prozent-Marke.
Und warum auch nicht?
Nach langer Zeit außerhalb des Bundestages wirkt bereits die theoretische Möglichkeit einer Rückkehr wie die Wiederentdeckung eines verschollenen Kontinents.
Im liberalen Hauptquartier soll die Stimmung zwischen Mondlandung, Weltmeisterschaft und Lottogewinn geschwankt haben.
Ein Mitarbeiter berichtete später:
„Eigentlich wollten wir nur kurz anstoßen. Drei Stunden später diskutierten wir über die politische Neuordnung Europas.“
Das Problem mit Euphorie ist nämlich:
Sie besitzt keine Geschwindigkeitsbegrenzung.
Kaum war die erste Flasche geöffnet, begannen die ersten Zukunftsprognosen.
Zunächst ging es um den Wiedereinzug ins Parlament.
Dann um zweistellige Ergebnisse.
Danach um eine politische Trendwende.
Kurz darauf wurden erste Skizzen für das liberale Jahrhundert angefertigt.
Ein besonders motivierter Parteifreund soll bereits geprüft haben, ob man den Mond in „Freie Demokratische Umlaufbahn“ umbenennen könne.
Niemand widersprach.
Die Stimmung war einfach zu gut.
Besonders faszinierend war die Geschwindigkeit der Entwicklung.
Noch vor wenigen Tagen wurde über politische Bedeutungslosigkeit gesprochen.
Nun klang es, als stünde die Partei kurz davor, das politische Betriebssystem der Republik neu zu installieren.
Historiker beobachten solche Prozesse seit Jahren.
Sie nennen das Phänomen „akute Umfrage-Euphorie“.
Dabei verwandelt sich ein einzelner Wert innerhalb kürzester Zeit in einen prophetischen Blick auf die Zukunft.
Die Nebenwirkungen umfassen:
übersteigerte Zuversicht,
spontane Siegesreden,
unerklärlichen Optimismus
und gelegentliche Visionen von Regierungsämtern.
Währenddessen versuchten nüchterne Analysten darauf hinzuweisen, dass zwischen fünf und zehn Prozent mathematisch eine Verdoppelung liegt.
Diese Hinweise gingen jedoch im allgemeinen Jubel unter.
Mathematik hat gegen Begeisterung traditionell einen schweren Stand.
Insbesondere in Parteizentralen.
Dort gelten Prozentzahlen weniger als Rechenwerte und mehr als spirituelle Wegweiser.
Manche lesen daraus politische Trends.
Andere erkennen Schicksal.
Wieder andere sehen darin direkte Botschaften des Universums.
Die Feierlichkeiten nahmen zunehmend historische Dimensionen an.
Man hätte meinen können, die Partei habe gerade eine absolute Mehrheit errungen.
Tatsächlich hatte sie lediglich bewiesen, dass sie statistisch noch existiert.
Doch genau das machte die Freude so groß.
Schließlich ist Hoffnung in der Politik ähnlich wertvoll wie Gold.
Mit dem Unterschied, dass Hoffnung wesentlich leichter verteilt werden kann.
Selbst Christian Lindner, der inzwischen die Rolle des liberalen Elder Statesman innehat, ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen.
Er wirkte wie ein Fußballtrainer, der nach einer schwierigen Saison beobachtet, wie seine Mannschaft erstmals wieder einen Ball trifft.
Noch ist kein Tor gefallen.
Aber immerhin bewegt sich etwas.
Und Bewegung ist bekanntlich der Anfang jeder Legende.
In den kommenden Wochen dürfte die Partei nun alles daran setzen, aus einem Hoffnungsschimmer einen Flächenbrand der Begeisterung zu machen.
Ob das gelingt, wird sich zeigen.
Vielleicht wächst die Zustimmung tatsächlich.
Vielleicht bleibt alles beim Alten.
Vielleicht entdecken die Meinungsforscher nächste Woche eine andere Zahl.
In der Politik ist schließlich alles möglich.
Bis dahin genießt man jedoch den Moment.
Einen kostbaren Augenblick, in dem fünf Prozent nicht wie eine Hürde wirken, sondern wie ein Triumphbogen.
Und Wolfgang Kubicki schreitet hindurch wie ein Feldherr nach einer gewonnenen Schlacht.
Nicht mit einer Armee im Rücken.
Nicht mit einer absoluten Mehrheit.
Nicht einmal mit einer Wahl.
Sondern mit einer Umfrage.
Und manchmal reicht das in der Politik völlig aus, um sich bereits auf dem Weg in die Geschichtsbücher zu fühlen.
SEO-Titel (40–60 Zeichen)
Meta-Beschreibung (120–160 Zeichen)
Meta-Schlagwörter
OG-Titel (40–60 Zeichen)
OG-Beschreibung




