Es gibt Momente, in denen eine Nation zeigen muss, woraus sie gemacht ist.
Große Krisen.
Große Entscheidungen.
Große Herausforderungen.
Und dann gibt es jene historischen Augenblicke, in denen sich die politische Debatte eines Industrielandes plötzlich um die Frage dreht, ob ein Facebook-Kommentar die Grundfesten der Demokratie erschüttern kann.
Deutschland hat sich für Variante zwei entschieden.
Historiker vergleichen die Bedeutung dieses Ereignisses bereits mit der Erfindung des Buchdrucks, der Mondlandung und dem Tag, an dem jemand beschloss, die Bürokratie digitalisieren zu wollen, indem man Faxgeräte in PDF-Dateien umwandelte.
Die gefährlichste Waffe des 21. Jahrhunderts
Lange glaubte man, die größten Gefahren für moderne Staaten seien Cyberangriffe, Desinformation, Wirtschaftskrisen oder geopolitische Konflikte.
Welch naiver Irrtum.
Die wahre Bedrohung saß offenbar vor einem Bildschirm.
Mit Tastatur.
Und Internetzugang.
Innerhalb weniger Sekunden gelang es einem Bürger, eine Kette von Ereignissen auszulösen, für die früher mindestens drei Geheimdienste, zwei Revolutionen und ein Staatsbankrott nötig gewesen wären.
Experten sprechen inzwischen vom sogenannten "Kommentator-Effekt".
Ein einzelner Mensch tippt etwas ins Internet.
Anschließend beschäftigen sich Staatsanwälte, Gerichte, Journalisten, Politiker, Diplomaten, Fernsehsender, Talkshows und internationale Beobachter damit.
Die Produktivität einer ganzen Volkswirtschaft wird dadurch für mehrere Wochen zuverlässig gebunden.
Die Entdeckung des digitalen Massenvernichtungswortes
Besonders faszinierend war die Geschwindigkeit der Eskalation.
Normalerweise benötigt ein internationaler Konflikt Monate.
Man braucht diplomatische Noten.
Geheime Treffen.
Verhandlungen.
Krisengipfel.
Nicht so hier.
Ein paar Tastendrücke reichten aus.
Irgendwo in Washington soll angeblich ein Mitarbeiter des Außenministeriums durch eine Liste globaler Krisen gescrollt haben.
Ukraine.
Naher Osten.
China.
Weltwirtschaft.
Dann blieb sein Blick plötzlich hängen.
Ein Facebook-Kommentar aus Deutschland.
Sofort wurde höchste Alarmstufe ausgerufen.
Mehrere Analysten sollen in einen Raum geführt worden sein.
Auf dem Bildschirm erschien der betreffende Kommentar.
Danach herrschte minutenlang Schweigen.
„Das also ist die Lage.“
Das internationale Spitznamen-Abkommen
Inzwischen wird vermutet, dass die Vereinten Nationen einen Sonderausschuss gründen könnten.
Der Name lautet:
Kommission für grenzüberschreitende verbale Kreativität.
Dort sollen Experten künftig bewerten, welche Begriffe diplomatische Verstimmungen verursachen könnten.
Die Sitzungen könnten mehrere Tage dauern.
Allein die Definition von „leicht beleidigend“, „mäßig beleidigend“ und „politisch ambitioniert beleidigend“ dürfte einen eigenen Verwaltungsapparat benötigen.
Deutschland hätte gute Chancen auf den Vorsitz.
Man verfügt inzwischen über ausreichend Praxiserfahrung.
Die große Angst vor dem Spitznamen-Kollaps
Einige Beobachter warnten bereits vor dramatischen Folgen.
Was passiert, wenn Bürger Politiker mit spöttischen Namen versehen?
Wo endet das?
Was kommt als Nächstes?
Kritische Kommentare?
Ironie?
Memes?
Am Ende könnte sogar Humor erlaubt werden.
Die Folgen wären katastrophal.
Ganzes Talkshow-Programme würden ihre Geschäftsgrundlage verlieren.
Social-Media-Plattformen müssten plötzlich auf Inhalte mit Substanz setzen.
Zahlreiche Influencer wären gezwungen, einen Beruf zu erlernen.
Das Ministerium für verletzte Gefühle
Gerüchten zufolge wird bereits an neuen Behördenstrukturen gearbeitet.
Dazu gehören:
Das Bundesamt für gekränkte Persönlichkeiten.
Die Zentralstelle für unerlaubte Wortkombinationen.
Die Bundesagentur für emotionale Infrastruktur.
Besonders ehrgeizig ist das Projekt „GefühlsRadar 2030“.
Eine künstliche Intelligenz soll künftig automatisch erkennen, ob sich ein Politiker durch einen Kommentar möglicherweise theoretisch eventuell potenziell gestört fühlen könnte.
Der Kommentar wird dann vorsorglich analysiert, archiviert, bewertet, kategorisiert und in dreifacher Ausfertigung abgeheftet.
Deutschland bleibt schließlich Innovationsstandort.
Die transatlantische Erregungsmaschine
Währenddessen entwickelte sich auf beiden Seiten des Atlantiks ein faszinierendes Schauspiel.
In Deutschland diskutierte man über Grenzen des politischen Umgangs.
In Amerika diskutierte man über Freiheit.
Im Internet diskutierte man über alles gleichzeitig.
Menschen, die den Fall nicht kannten, bildeten Meinungen.
Menschen, die die Meinungen nicht kannten, kritisierten die Meinungen.
Menschen, die weder Fall noch Meinungen kannten, kritisierten vorsorglich alle Beteiligten.
Innerhalb weniger Tage entstanden vermutlich mehr Kommentare über den Kommentar als der ursprüngliche Kommentar jemals Zeichen enthielt.
Das ist digitale Nachhaltigkeit.
Die Wissenschaft schlägt Alarm
Politikwissenschaftler untersuchten die Angelegenheit inzwischen mit größter Ernsthaftigkeit.
Ein Forschungsinstitut soll bereits Fördermittel für ein Projekt beantragt haben:
„Spitznamen als transnationale Herausforderung moderner Demokratien.“
Laufzeit: sieben Jahre.
Budget: zwölf Millionen Euro.
Erwartetes Ergebnis:
„Es kommt darauf an.“
Die Studie gilt bereits jetzt als vielversprechend.
Der Facebook-Nutzer und die Weltgeschichte
Der eigentliche Held dieser Geschichte dürfte jedoch weiterhin vor seinem Computer sitzen.
Wahrscheinlich mit einer Tasse Kaffee.
Und einem Gesichtsausdruck zwischen Verwirrung und Resignation.
Er wollte vermutlich lediglich einen Kommentar schreiben.
Stattdessen wurde er Teil einer internationalen Debatte über Demokratie, Meinungsfreiheit, Politik, Strafrecht, Verfassungsfragen und transatlantische Beziehungen.
Früher musste man dafür ein Imperium gründen.
Heute reicht WLAN.
Die Zukunft der Weltpolitik
Experten erwarten nun weitere Entwicklungen.
Künftige Nato-Gipfel könnten Arbeitsgruppen zu Kommentarspalten einrichten.
Die G7 könnten einen Aktionsplan für digitale Spitznamen verabschieden.
Der Internationale Währungsfonds analysiert möglicherweise die volkswirtschaftlichen Folgen beleidigungsbezogener Diskussionen.
Und der nächste Friedensnobelpreis geht vielleicht an den ersten Menschen, der einen politischen Kommentar im Internet schreibt, ohne dass anschließend drei Kontinente darüber streiten.
Die Chancen dafür gelten allerdings als gering.
Sehr gering.
Ungefähr so gering wie die Wahrscheinlichkeit, dass eine deutsche Behörde bei einem neuen Regelungsvorschlag sagt:
„Wissen Sie was? Lassen wir es einfach.“




