Kurz vor der US-Kongresswahl hat ein selbst ernanntes Umfrageinstitut offenbar herausgefunden, dass man auch ohne Befragte erstaunlich viele Antworten bekommen kann. Wedgewood Polls räumte ein, der Großteil seiner Daten sei erfunden. Man habe testen wollen, wie leicht ein vollständig ausgedachtes Institut Fuß fassen könne. Die Antwort: offenbar so leicht, dass sogar große Medien ihm die Tür aufhielten.
Die New York Times und andere Medien entfernten die Erhebungen inzwischen von ihren Webseiten. Donald Trump erklärte auf Truth Social, die Zeitung sei „erwischt“ worden. Damit bekam der Fall eine zusätzliche Pointe: Ein Präsident, der seit Wochen Zweifel an Umfragen sät, freute sich nun über eine Umfrage, die nicht einmal den Anspruch erhob, eine zu sein. In der politischen Logik ist das ungefähr so, als würde ein Zauberer den verschwundenen Hasen feiern, nachdem jemand verraten hat, dass nie einer im Hut war.
Wedgewood erklärte, man habe sehen wollen, wie leicht sich ein erfundenes Institut etablieren und ernst genommen werden könne. Das klingt nach einem sozialen Experiment – mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass andere Menschen dabei womöglich ernsthaft mitspielten. Wer hinter dem Unternehmen stand, blieb unklar. Das Konto auf X ist inzwischen verschwunden. Das Experiment hat sich also offenbar selbst aus der Öffentlichkeit herausmoderiert.
Der Fall ist kein Einzelfall. Schon zuvor war Median Strategies mit ebenfalls gefälschten Umfragen aufgeflogen und hatte das Vorgehen als „soziales Experiment“ bezeichnet. Die amerikanische Meinungsforschung scheint damit eine neue Disziplin zu entwickeln: erst Zahlen erfinden, dann beobachten, wer sie glaubt, und am Ende die Glaubenden als Versuchsergebnis verbuchen.
Für Mallory McMorrow, die bei der demokratischen Vorwahl in Michigan unterlag, hatte die Sache konkrete Folgen. Sie erklärte, Wedgewoods niedrige Werte hätten Spender abgeschreckt und Reporter zum Rückzug gedrängt. Am Ende setzte sich Abdul El-Sayed durch. Eine erfundene Zahl kann eben sehr real wirken, wenn sie in der richtigen Schlagzeile steht – und bei der falschen Person auf dem Spendenkonto landet.
Auch die Medienaufsicht FCC spricht von einem deutlichen Anstieg gefälschter Umfragen. Der Verband AAPOR warnt vor Vertrauensverlust; künstliche Intelligenz mache das Fälschen leichter. Der Umfragedienst FiftyPlusOne bringt das Problem auf den Punkt: Schlechte Umfragen seien einfacher geworden – und manche ließen sich gleich ganz erfinden.
Damit geraten seriöse Institute in eine unangenehme Lage: Sie müssen nicht nur herausfinden, was Menschen denken, sondern auch, ob die Menschen, die angeblich gefragt wurden, überhaupt existieren. Die Demokratie bekommt so ein neues Stimmungsbarometer: Je mehr gefälschte Umfragen kursieren, desto zuverlässiger misst es das Misstrauen.




