Brasilien hat gewählt, Lula hat gewonnen und Bolsonaro hat ein Problem: Die Wähler haben offenbar vergessen, vorher um Erlaubnis zu fragen. Jetzt soll die Demokratie wegen unerwünschter Ergebnisse zurück an den Absender.
In Brasilien ist das Unfassbare geschehen: Ein Kandidat hat eine demokratische Wahl gewonnen, und sein Gegner findet das vollkommen undemokratisch. Luiz Inácio Lula da Silva bleibt Präsident, während Flávio Bolsonaro beweist, dass man politische Niederlagen auch ohne Würde, aber mit beeindruckender Lautstärke absolvieren kann.
Dabei hatte sich Bolsonaro den Wahlausgang ganz anders vorgestellt. Schließlich lag er zwischenzeitlich vorne. Dass die Wähler anschließend einfach weiter abstimmten, statt den demokratischen Betrieb beim gewünschten Zwischenstand einzustellen, gilt in seinem politischen Umfeld als beispielloser Vertrauensbruch.
Besonders empörend: Die Wahllokale blieben länger geöffnet. Ein unerhörter Vorgang! Menschen bekamen zusätzliche Gelegenheit, ihre Stimme abzugeben. Wo käme eine Demokratie hin, wenn plötzlich jeder wählen dürfte, der wahlberechtigt ist?
Bolsonaro fordert deshalb die Annullierung. Offenbar betrachtet er Wahlen als eine Art Onlinebestellung: Entspricht das gelieferte Ergebnis nicht der Abbildung, wird umgehend die Rücksendung beantragt. Rückgabegrund: Präsident in falscher Farbe geliefert.
Im Hause Bolsonaro scheint Demokratie ohnehin ein Familienunternehmen zu sein. Der Vater sitzt im Gefängnis, der Sohn verliert die Wahl, und gemeinsam pflegt man die Tradition, demokratische Institutionen grundsätzlich nur dann anzuerkennen, wenn sie wie ein persönlicher Lieferservice funktionieren.
Währenddessen sorgt Lulas Sieg in Washington für betretene Gesichter. Donald Trump hatte sich offenbar einen weiteren politischen Seelenverwandten erhofft. Stattdessen bekommt er einen brasilianischen Präsidenten, der sich weigert, sein Land als amerikanische Außenterrasse mit Palmenbewuchs zu betrachten.
Besonders bitter: Lula erklärte, Brasilien sei niemandes Hinterhof. Für Trump dürfte diese Nachricht ungefähr so überraschend sein wie die Erkenntnis, dass andere Länder eigene Präsidenten wählen dürfen, ohne vorher im Weißen Haus eine Betriebsgenehmigung zu beantragen.
Lula wiederum verspricht, für alle Brasilianer zu regieren. Sogar für jene, die ihn nicht gewählt haben. Eine geradezu revolutionäre Vorstellung in einer politischen Welt, in der Gegner gewöhnlich als technischer Defekt der Demokratie behandelt werden.
Allerdings wartet auf den Wahlsieger ein konservativ dominierter Kongress. Dort dürfte künftig jede Reform mit der Begeisterung begrüßt werden, die ein Vegetarier beim Betriebsfest einer Metzgerinnung entwickelt.
Auch die Wirtschaft bereitet Sorgen. Hohe Zinsen, gewaltige Schulden und politische Blockaden verlangen nach Lösungen. Doch immerhin muss Lula nicht zusätzlich erklären, warum ein Wahlsieg tatsächlich als Wahlsieg zählt.
Bolsonaro dagegen könnte sich künftig ganz der Entwicklung eines neuen politischen Geschäftsmodells widmen: Demokratie ohne Wahlrisiko, inklusive Ergebnisgarantie und kostenloser Empörung.
Denn im Hause Bolsonaro gilt offenbar das modernste Wahlrecht der Welt: Das Volk darf entscheiden – solange es hinterher bereit ist, seine Entscheidung zu widerrufen.




