Große Weltpolitik besteht bekanntlich aus drei Dingen: Kriegen, Sanktionen und der Frage, wer beim Gruppenfoto neben wem stehen muss.
Beim G20-Finanzministertreffen im amerikanischen Asheville erreichte die Diplomatie nun ihre nächste Evolutionsstufe: betreutes Klassenfoto mit selektiver Pressefreiheit.
Russlands Finanzminister Anton Siluanow war ausdrücklich eingeladen worden. Jener Mann also, der dafür sorgt, dass der russische Staat auch finanziell genügend Ausdauer für seinen Krieg gegen die Ukraine besitzt.
Lars Klingbeil reagierte entsprechend begeistert.
Er stellte klar: Mit Siluanow werde es kein gemeinsames Familienfoto geben.
Die Europäer zogen offenbar mit. Die Botschaft an Washington lautete sinngemäß:
Entweder Anton oder wir.
Weltpolitik als Kindergeburtstag.
„Wenn der mit aufs Foto darf, gehe ich nach Hause!“
Am Ende blieb Siluanow tatsächlich vom Gruppenbild verschwunden.
Im Tagungsraum allerdings ließ sich der russische Minister weniger bequem wegretuschieren. Klingbeil sprach ihn direkt an und forderte ein Ende des Krieges.
Damit hätte der Gipfel bereits genügend diplomatischen Irrsinn für einen normalen Arbeitstag produziert.
Doch dann kam die Pressefreiheit.
Mehrere Journalisten erhielten keine Akkreditierung. Selbst Vertreter renommierter US-Medien mussten offenbar feststellen, dass Pressefreiheit zwar ein wichtiger westlicher Wert ist – allerdings mit Gästeliste.
Plötzlich entstand ein bemerkenswertes Bild:
Der Finanzminister Russlands darf zum G20.
Journalisten dürfen teilweise nicht zum G20.
Das ist ungefähr so, als würde man bei einer Brandschutzübung den Brandstifter hereinlassen, aber die Feuerwehr wegen fehlendem Besucherausweis vor der Tür stehen lassen.
Klingbeil protestierte.
Zu Recht musste man sich inzwischen fragen, ob der Gipfel überhaupt noch ein Treffen demokratischer Staaten oder bereits ein exklusives Business-Event mit Sicherheitsdienst war.
„Name?“
„New York Times.“
„Stehen Sie nicht drauf.“
„Bloomberg.“
„Auch nicht.“
„Russischer Finanzminister.“
„Natürlich. Durchgang rechts. Kaffee steht hinten.“
Besonders elegant wurde die Situation dadurch, dass ein Vertreter der „New York Times“ schließlich mit der deutschen Regierungsmaschine anreisen musste.
Deutschland exportierte damit kurzfristig nicht nur Industrieprodukte und Haushaltsprobleme, sondern auch amerikanische Journalisten nach Amerika.
Eine logistische Meisterleistung.
Während also Regierungen über offene Märkte, demokratische Werte und internationale Zusammenarbeit redeten, musste draußen offenbar jemand erklären, warum offene Gesellschaft nicht automatisch offene Türen bedeutet.
Der G20-Gipfel lieferte damit eine erstaunlich klare Zusammenfassung moderner Politik:
Russland wird kritisiert.
Journalisten werden kontrolliert.
Das Familienfoto wird bereinigt.
Und hinterher erklären alle, wie hervorragend der Dialog funktioniert habe.
Fehlte nur noch Donald Trump, der verkündet:
„Wir haben die freieste Presse der Welt. Manche darf sogar rein.“




