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KOLUMNE

AfD entdeckt sensationelle Klimatheorie: Schuld ist wahrscheinlich das Wetter

admin · 23.08.2026 · 5 Min. Lesezeit
Grafik: AfD gegen Klimawandel - Horst hat nachgemessen
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Deutschland hat ein Problem. Nein, diesmal sind es ausnahmsweise weder Wärmepumpen, Brüssel, Windräder noch Menschen, die irgendwo ein Lastenrad besitzen und dabei verdächtig zufrieden aussehen. Es ist das Klima.

Genauer gesagt: Es verändert sich.

Das wäre eigentlich noch kein großes Problem, denn laut AfD verändert sich das Klima schließlich schon immer. Frühling, Sommer, Herbst, Winter – Zack, Beweisführung abgeschlossen. Wer nach diesem wissenschaftlichen Erdrutsch noch Fragen hat, kann vermutlich auch nicht erklären, warum es nachts dunkel wird.

Im Bundestagswahlprogramm 2025 erklärt die AfD den menschlichen Anteil am gegenwärtigen Klimawandel für wissenschaftlich ungeklärt. Der Weltklimarat IPCC kommt dagegen nach Auswertung eines internationalen Forschungsstands zu dem Ergebnis, dass menschliche Aktivitäten die globale Erwärmung eindeutig verursacht haben.

Damit stehen sich zwei wissenschaftliche Methoden gegenüber.

Auf der einen Seite: jahrzehntelange Messreihen, Satellitendaten, Atmosphärenphysik, Ozeanografie, Eisbohrkerne, Temperaturrekonstruktionen, Klimamodelle und Tausende wissenschaftliche Publikationen.

Auf der anderen Seite: „Früher war es auch schon mal warm.“

Ein klassisches Unentschieden.

Die revolutionäre Wissenschaft des Küchenfensters

Die neue klimatische Erkenntnismethode könnte Deutschland enorme Summen sparen. Statt komplizierter Forschungsinstitute genügt künftig ein Rentner namens Horst mit Gartenstuhl.

Horst öffnet morgens das Fenster.

„Ganz schön frisch.“

Fertig.

Der Klimawandel ist widerlegt.

Um 15 Uhr sind es 37 Grad.

Horst öffnet erneut das Fenster.

„Sommer halt.“

Auch geklärt.

Am nächsten Tag fällt tennisballgroßer Hagel auf seinen Carport.

„Gab’s früher auch.“

Damit hat Horst innerhalb von 24 Stunden Meteorologie, Klimatologie und wahrscheinlich große Teile der Geophysik abgearbeitet. Das Nobelpreiskomitee sollte schon einmal durchklingeln.

Nach dieser Methode ließen sich übrigens zahlreiche andere Probleme hervorragend untersuchen.

Der Meeresspiegel steigt?

„Bei mir im Gartenteich nicht.“

Gletscher verlieren Eis?

„Im Gefrierfach ist noch welches.“

CO₂-Konzentrationen steigen?

„Ich sehe überhaupt kein CO₂.“

Damit wäre auch bewiesen, dass WLAN nicht existiert.

CO₂: völlig harmlos, schließlich brauchen Pflanzen es

Besonders beliebt ist die Erkenntnis, CO₂ könne schließlich gar nicht problematisch sein, weil Pflanzen es benötigen.

Das ist bestechend.

Wasser brauchen Menschen schließlich ebenfalls. Daraus folgt zwingend, dass Hochwasser eine Wellnessanwendung sein muss.

Sonnenlicht brauchen wir auch. Folglich ist ein Sonnenbrand vermutlich eine besonders intensive Form der Vitaminversorgung.

Und Sauerstoff ist lebensnotwendig – weshalb selbstverständlich niemand auf die Idee kommen würde, dass Stoffe je nach Konzentration unterschiedliche Wirkungen entfalten können.

Chemie war offenbar ohnehin immer unnötig kompliziert.

Künftig reicht die AfD-Naturwissenschaft:

Pflanze mag CO₂ → CO₂ gut → Kohlekraftwerk praktisch Zimmerpflanze XXL.

Vielleicht erhalten Kraftwerke demnächst kleine Gießkannen.

Der IPCC gegen Stammtisch International

Besonders bemerkenswert ist die Ausgangslage, weil der IPCC nicht etwa behauptet: „Wir haben da so ein Gefühl.“

Der Weltklimarat stellt ausdrücklich fest, dass menschlicher Einfluss Atmosphäre, Ozeane und Land erwärmt hat. Außerdem haben sich nach seinen Auswertungen die letzten vier Jahrzehnte jeweils gegenüber dem vorherigen Jahrzehnt weiter erwärmt.

Aber Wissenschaft hat natürlich einen schweren strukturellen Nachteil:

Sie enthält Fußnoten.

Und sobald eine Erklärung Diagramme, Wahrscheinlichkeiten und 3.000 Seiten Bericht umfasst, verliert sie automatisch gegen einen Facebook-Kommentar von Dieter, 64:

„KLIMA HAT SICH IMMER GEÄNDERT!!!“

Drei Ausrufezeichen gelten im Internet schließlich seit Langem als Ersatz für Peer Review.

Vier Ausrufezeichen sind bereits eine Metastudie.

Der sensationelle neue Forschungszweig: Gefühlsklimatologie

Deutschland könnte deshalb bald führend in der sogenannten Gefühlsklimatologie werden.

Temperaturen werden nicht mehr gemessen, sondern politisch eingeschätzt.

37 Grad?

Kommt darauf an, wer regiert.

Unter einer grünen Bundesregierung handelt es sich um gefährliche Hitze.

Unter AfD-Regierungsbeteiligung wären dieselben 37 Grad vermutlich ein patriotischer Hochsommer mit überdurchschnittlicher Sonnensouveränität.

Dürre hieße künftig „niederschlagsreduzierte Eigenverantwortung“.

Starkregen wäre „spontane Wasserfreiheit von oben“.

Ein Waldbrand könnte als „thermische Landschaftspflege ohne Subventionsbedarf“ verbucht werden.

Und wenn die Nordsee irgendwann vor Kassel steht, erklärt ein Sprecher vermutlich:

„Das hat mit dem Klimawandel überhaupt nichts zu tun. Kassel hat sich lediglich ungünstig zur Küste positioniert.“

Natürlich gab es Klimawandel schon immer

Das Argument, Klima habe sich schon immer verändert, ist selbstverständlich korrekt.

Und gerade deshalb besitzt es eine geradezu grandiose satirische Qualität.

Denn Menschen sind schon immer gestorben.

Trotzdem schließen wir daraus erstaunlicherweise nicht, dass Ärzte überflüssig sind.

Häuser haben schon immer gebrannt.

Trotzdem gilt die Feuerwehr nicht als linksgrünes Löschkartell.

Menschen hatten schon immer Zahnschmerzen.

Niemand ruft deshalb beim Zahnarzt:

„Lassen Sie den Bohrer stecken! Karies ist ein vollkommen natürlicher Prozess!“

Nur beim Klima scheint die Existenz natürlicher Veränderungen beweisen zu sollen, dass Menschen unmöglich zusätzlichen Einfluss haben können.

Nach derselben Logik kann ein Wald nicht durch Brandstiftung brennen, weil es schließlich schon vor der Erfindung des Feuerzeugs Waldbrände gab.

Sherlock Holmes hätte vermutlich nach fünf Minuten gekündigt.

Klimaschutz durch konsequentes Nichtstun

Der große politische Vorteil der Klimawandelskepsis liegt ohnehin auf der Hand: Ein Problem, dessen Ursache man bestreitet, muss man nicht lösen.

Das ist effizient.

Schulden?

Einfach erklären, Geld sei ein gesellschaftliches Konstrukt.

Wohnungsmangel?

Menschen wohnen seit Jahrtausenden irgendwo.

Pflegenotstand?

Krankheiten gab es schon immer.

Schlaglöcher?

Kontinente bewegen sich ebenfalls.

Deutschland könnte durch diese Methode binnen weniger Monate vollständig problemfrei werden.

Man müsste Probleme nur noch konsequent umbenennen.

Klimakrise → Wetter.

Artensterben → zoologische Fluktuation.

Dürre → sehr trockener Regen.

Waldbrand → kurzfristig erhöhte Baumtemperatur.

Meeresspiegelanstieg → ambitionierte Küstenerweiterung.

Damit wäre die Bundesrepublik praktisch saniert.

Das Thermometer als linksgrüne Zumutung

Schwierig bleiben allerdings Messgeräte.

Thermometer beispielsweise zeigen Temperaturen völlig unabhängig davon an, ob das Ergebnis ins Parteiprogramm passt.

Das ist demokratiepolitisch bedenklich.

Noch schlimmer sind Satelliten. Sie kreisen ohne gültiges Bundestagsmandat um die Erde und sammeln Daten.

Man stelle sich das vor:

Daten.

Einfach so.

Ohne Talkshow.

Ohne Parteitag.

Ohne vorherige Abstimmung darüber, ob sie politisch erwünscht sind.

Auch Gletscher zeigen bislang keinerlei Bereitschaft zum demokratischen Dialog. Sie ziehen sich zurück, ohne einen Antrag beim zuständigen Kreisverband einzureichen.

Der Meeresspiegel wiederum steigt mit der Arroganz eines Naturgesetzes.

Man könnte fast meinen, Physik interessiere sich nicht für Wahlprogramme.

Vielleicht ist die Wirklichkeit einfach schlecht informiert

Und damit befinden wir uns beim eigentlichen Kern dieser wunderbaren Debatte.

Natürlich darf und muss man über Klimapolitik streiten.

Über CO₂-Preise. Über Verbrenner. Über Kernkraft. Über Windkraft. Über soziale Kosten. Über Geschwindigkeit, Technologieoffenheit, Bürokratie und die Frage, welche Maßnahmen sinnvoll, bezahlbar und wirksam sind.

Das ist Politik.

Aber wenn die Ausgangsthese lautet, der menschliche Einfluss auf die heutige Erwärmung sei wissenschaftlich ungeklärt, während der IPCC ihn als eindeutig bewertet, entsteht eine ganz besondere Form politischer Problemlösung:

Man diskutiert nicht mehr über die Medizin, sondern darüber, ob der Patient überhaupt existiert.

Vielleicht ist das der große Plan.

Sollte Deutschland irgendwann unter Rekordhitze leiden, Wälder vertrocknen und Starkregen Keller in Hallenbäder verwandeln, braucht niemand hektisch zu werden.

Man stellt einfach ein Schild auf:

„Natürliches Klima. Bitte weitergehen.“

Und irgendwo sitzt Horst im Gartenstuhl, wischt sich bei 41 Grad den Schweiß von der Stirn und murmelt:

„Also 1976 war’s auch warm.“

Dann klappt sein Sonnenschirm wegen eines Unwetters zusammen.

Horst blickt nach oben.

Kurze Pause.

„Früher waren die Schirme stabiler.“

Fall abgeschlossen.

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