Nachrichten, die zum Nachdenken anregen*
*Oder zum Lachen. Oder beides.
Satiressum Harlekin
POLITIK

Koalition entdeckt das Einhorn der Politik – Eine Sitzung mit Ergebnis

admin · 02.07.2026 · 5 Min. Lesezeit
Grafik: Das Wunder vom Koalitionsausschuss
Open-How2 - Banner 002Partnerlink

Es war ein Abend, der in die Geschichtsbücher eingehen könnte.

Nicht wegen einer Revolution.

Nicht wegen eines historischen Friedensschlusses.

Nicht wegen einer bahnbrechenden Erfindung.

Sondern weil Friedrich Merz, Lars Klingbeil, Markus Söder, Steffen Bilger und ihre Mitstreiter das Unmögliche geschafft haben:

Sie beendeten einen Koalitionsausschuss, bevor deutschlandweit die ersten Bäckereien ihre Brötchen aus dem Ofen holten.

Mehrere Politikwissenschaftler mussten vorsorglich ihre Lehrbücher überarbeiten.

Ein Koalitionsausschuss endet nämlich normalerweise erst dann, wenn sämtliche Beteiligten aussehen, als hätten sie drei Tage in einem Copyshop ohne Sauerstoffzufuhr verbracht.

Die Gesichter leicht grau.

Die Krawatten schief.

Die Kaffeekannen leer.

Und irgendwo im Hintergrund murmelt ein Sprecher den legendären Satz:

"Nach intensiven und konstruktiven Gesprächen konnte ein tragfähiger Kompromiss erzielt werden."

Übersetzt bedeutet das:

Niemand ist zufrieden, aber alle sind zu müde, weiterzustreiten.

Diesmal jedoch geschah das Unfassbare.

Noch vor Mitternacht verließen die Beteiligten das Kanzleramt.

Mehrere Fernsehsender brachen daraufhin ihre Notfallpläne ab.

Bereits bestellte Nachtschichten wurden wieder nach Hause geschickt.

Der Catering-Service blieb auf vierhundert belegten Brötchen sitzen.

Ein Hauptstadtjournalist fragte irritiert:

"Und... was machen wir jetzt bis morgen früh?"

Niemand wusste eine Antwort.

Denn politische Krisen gehören inzwischen fast schon zur deutschen Abendunterhaltung.

Stattdessen hatte man sich tatsächlich geeinigt.

Zumindest ungefähr.

Oder vorläufig.

Oder grundsätzlich.

Oder unter dem Vorbehalt späterer Konkretisierung.

Politische Einigungen besitzen bekanntlich ungefähr so viele Abstufungen wie Schneeflocken.

Friedrich Merz sprach selbstverständlich von einem großen Modernisierungsschub.

"Modernisierung" gehört seit Jahrzehnten zu den schönsten Wörtern deutscher Regierungspolitik.

Es klingt hervorragend.

Niemand weiß genau, was es bedeutet.

Aber alle nicken begeistert.

Modernisierung kann alles sein.

Eine Steuerreform.

Eine Gesetzesänderung.

Ein neues Formular.

Oder die Einführung eines zusätzlichen Formulars zur Vereinfachung der bisherigen Formulare.

Die Möglichkeiten sind grenzenlos.

Besonders spannend wurde es beim Thema Einkommensteuer.

Kaum fällt dieses Wort, beginnt in Berlin traditionell ein mathematisches Experiment, das selbst Nobelpreisträger ins Schwitzen bringt.

Die Aufgabe lautet:

Wie kann man Milliarden verschenken, Milliarden sparen, niemanden belasten und gleichzeitig den Haushalt stabil halten?

Ein Politiker nennt das Finanzpolitik.

Ein Physiker würde vermutlich von einem Verstoß gegen die Naturgesetze sprechen.

Lars Klingbeil dürfte in dieser Disziplin mittlerweile einen Ehrendoktortitel besitzen.

Während er versucht, sämtliche Haushaltszahlen gleichzeitig lächeln zu lassen, sitzt irgendwo ein Beamter mit Taschenrechner und flüstert:

"Das ergibt hinten minus zwölf Milliarden."

Darauf antwortet ein anderer:

"Dann schreiben wir vorne einfach Wachstum hin."

Problem gelöst.

Zumindest bis zur nächsten Steuerschätzung.

Auch Steffen Bilger durfte seine Rechenkünste präsentieren.

Höhere Steuern hier?

Lieber nicht.

Mehr Entlastung dort?

Sehr gern.

Neue Einnahmen?

Vielleicht.

Ausgaben senken?

Darüber sprechen wir später.

Politische Haushaltsplanung erinnert inzwischen an eine Familienfeier, bei der jeder Nachtisch bestellt, aber niemand die Rechnung bezahlen möchte.

Parallel beschäftigte sich die Koalition mit der Arbeitszeit.

Allein dieses Thema besitzt inzwischen genügend Sprengkraft, um drei Talkshows gleichzeitig zu füllen.

Soll künftig nicht mehr jeder Tag zählen, sondern die gesamte Woche?

Für Arbeitnehmer klingt das zunächst nach mehr Freiheit.

Für Personalabteilungen beginnt dagegen augenblicklich der Endgegner in Excel.

Montag zwölf Stunden.

Dienstag zehn.

Mittwoch acht.

Donnerstag vielleicht gar nicht.

Freitag Homeoffice.

Samstag Fortbildung.

Sonntag Erholung mit verpflichtender Dokumentation.

Irgendwann meldet selbst die Tabellenkalkulation Burnout an.

Natürlich durfte auch die Bürokratie nicht fehlen.

Keine Bundesregierung wäre vollständig ohne das feierliche Versprechen, Bürokratie endlich abzubauen.

Deutschland kündigt diesen Bürokratieabbau inzwischen ungefähr so regelmäßig an wie den Beginn der Spargelsaison.

Er kommt jedes Jahr.

Und jedes Jahr existiert anschließend erstaunlicherweise noch mehr Bürokratie.

Vermutlich besitzt sie eine biologische Fortpflanzungsfähigkeit.

Ein Formular legt nachts drei neue Formulare.

Zwei Verwaltungsvorschriften wachsen zu einer Richtlinie zusammen.

Und jede abgeschaffte Meldepflicht hinterlässt vorsorglich einen Ersatzvordruck.

Im Innenministerium soll bereits ein Projekt laufen.

"Bürokratieabbau-Dokumentationspflichten-Erleichterungsvereinfachungsgesetz."

Der Titel umfasst 87 Seiten.

Der eigentliche Gesetzestext folgt später.

Auch die Mütterrente durfte selbstverständlich ihre Gastrolle übernehmen.

Markus Söder verteidigt dieses Thema mit einer Leidenschaft, die normalerweise nur Fußballtrainer nach einem unberechtigten Elfmeter entwickeln.

Tilman Kuban hingegen rechnet bereits eifrig nach.

Fünf Milliarden hier.

Ein paar Milliarden dort.

Am Ende entsteht eine Excel-Datei, die so kompliziert ist, dass selbst der Computer höflich fragt:

"Möchten Sie wirklich fortfahren?"

Besonders reizvoll bleibt die Wahlrechtsreform.

Deutschland gehört vermutlich zu den wenigen Demokratien, in denen man zunächst gewählt wird und anschließend gemeinsam herausfindet, ob das eigentlich auch zählt.

Kandidaten benötigen mittlerweile keinen Wahlkampfberater mehr.

Sie brauchen einen Mathematiker.

Am besten zusätzlich einen Verfassungsrechtler.

Und sicherheitshalber jemanden, der Sudoku auf Profi-Niveau löst.

Währenddessen herrscht im Kanzleramt eine Atmosphäre angespannter Harmonie.

Jeder lächelt.

Jeder nickt.

Jeder erklärt den historischen Charakter der Einigung.

Im Hintergrund arbeitet bereits die Pressestelle.

Innerhalb weniger Minuten entstehen zwölf Pressemitteilungen.

Alle beginnen mit demselben Satz:

"Nach intensiven Gesprächen…"

Keiner schreibt dazu, dass intensive Gespräche in Berlin ungefähr alles zwischen höflichem Smalltalk und verbalem Ringkampf bedeuten können.

Vielleicht ist genau das das größte politische Kunststück.

Nicht die Steuerreform.

Nicht die Rentenpläne.

Nicht die Arbeitszeit.

Nicht einmal der Bürokratieabbau.

Das eigentliche Wunder bestand darin, dass sich mehrere Parteien mit vollkommen unterschiedlichen Vorstellungen gleichzeitig darauf einigen konnten, alle hätten sich durchgesetzt.

Das muss man erst einmal schaffen.

Es ist ungefähr so, als würde nach einem Fußballspiel jede Mannschaft behaupten, sie habe gewonnen – und der Schiedsrichter stimmt beiden Seiten zu.

Vielleicht entwickelt sich daraus künftig ein neues Regierungsmodell.

Statt langer Verhandlungen setzt man sich einfach gemeinsam an einen Tisch.

Jeder erklärt sich zum Sieger.

Anschließend gibt es ein Gruppenfoto.

Deutschland spart dadurch Milliarden an Kaffee, Nachtschichten und belegten Brötchen.

Die größte Modernisierung wäre damit tatsächlich erreicht.

Nicht im Steuerrecht.

Nicht im Arbeitsmarkt.

Nicht bei der Rente.

Sondern in der politischen Physik.

Denn bislang galt ein ehernes Naturgesetz:

Je länger ein Koalitionsausschuss dauert, desto größer muss das Ergebnis aussehen.

Jetzt wurde erstmals bewiesen, dass sich Politik auch in nur acht Stunden auf etwas einigen kann.

Sollte sich dieses Verfahren durchsetzen, droht allerdings eine neue nationale Krise.

Die Hauptstadtjournalisten müssten lernen, nachts wieder zu schlafen.

Und das wäre vermutlich die radikalste Reform, die Deutschland seit Jahrzehnten erlebt hat.

EoT - Banner 003Partnerlink
Ronald Tramp - Sidevar 001Partnerlink
Meinung des Tages
"
Wenn Satire die Realität überholt hat, sollte man wenigstens Maut verlangen.
– Unbekannt (aber weise)
dixxu - Sidebar 003Partnerlink
Newsletter
Satire ohne Spam. Versprochen.*
*Ok, vielleicht ein bisschen.
Ronald Tramp - Sidebar 003Partnerlink
Enter drücken zum Suchen