Wer geglaubt hatte, Europas Sicherheitslage würde irgendwann einmal langweilig werden, kennt offenbar den internationalen Terminkalender nicht. Kaum keimt irgendwo die Hoffnung auf ruhigere Zeiten auf, wird in irgendeiner Behörde bereits eine neue Karte ausgerollt, auf der Pfeile, Kreise und farbige Markierungen erklären, warum Entspannung leider erst wieder ab dem Jahr "unbestimmt" vorgesehen ist.
Im Mittelpunkt der neuesten Folge der Dauer-Serie "Europa und seine Lieblingssorgen" steht diesmal Thomas Nilsson, Chef des schwedischen Geheimdienstes. Während vielerorts bereits vorsichtig Optimismus verteilt wird, wirkt Nilsson wie der Mann, der auf einer Geburtstagsparty plötzlich das Licht einschaltet und fragt, wer eigentlich die Küche in Brand gesetzt hat.
Seine Botschaft ist ungefähr so beruhigend wie eine E-Mail mit dem Betreff "Bitte keine Panik".
Europa könne sich nicht darauf verlassen, dass mit einem irgendwann einmal eintretenden Personalwechsel im Kreml plötzlich alles anders werde.
Eine erstaunlich unromantische Sichtweise.
Denn viele Menschen lieben bekanntlich die Vorstellung, komplexe Weltpolitik funktioniere wie eine Fernsehserie.
Eine Figur verlässt die Bühne.
Neue Hauptdarsteller.
Neue Titelmusik.
Happy End.
Abspann.
Popcorn.
Die Wirklichkeit besitzt leider ein anderes Drehbuch.
Dort gibt es keine magische Taste mit der Aufschrift:
"System vollständig zurücksetzen."
Stattdessen existieren Geschichte, Machtinteressen, Militärstrategien, geopolitische Überlegungen und jede Menge Aktenordner, die vermutlich bereits einen eigenen Postleitzahlenbereich benötigen.
Während Europa also hoffnungsvoll Richtung Zukunft blickt, sitzt irgendwo vermutlich ein General über einer Landkarte und verschiebt kleine Fähnchen mit derselben Begeisterung, mit der andere Menschen Modelleisenbahnen bauen.
Nur dass Modellbahnen deutlich friedlicher sind.
Natürlich schauen derzeit viele gespannt nach Russland.
Dort läuft wirtschaftlich nicht alles wie geschmiert.
Wobei das Wort "geschmiert" inzwischen möglicherweise etwas unglücklich gewählt ist.
Schließlich sorgen Berichte über Treibstoffprobleme dafür, dass mancher Autofahrer den Tank inzwischen ungefähr so ehrfürchtig betrachtet wie früher einen Goldbarren.
An Tankstellen entwickelt sich vermutlich bereits eine neue Begrüßung.
"Wie viel hätten Sie gern?"
"Alles."
"Das hätten wir auch gern."
Auch beim Einkaufen scheint inzwischen Kreativität gefragt zu sein.
Preisetiketten gelten vielerorts offenbar eher als unverbindliche Handlungsempfehlung.
Ein Brot kostet morgens Betrag A.
Mittags Betrag B.
Abends empfiehlt sich bereits eine Finanzierung.
Statistiken behaupten trotzdem hartnäckig, alles bewege sich in einem völlig normalen Rahmen.
Statistiken sind ohnehin erstaunliche Geschöpfe.
Mit genügend Fantasie lassen sie nahezu alles freundlich aussehen.
Man könnte sogar behaupten, ein Regenschirm sei überflüssig, wenn man ausschließlich Tage ohne Regen auswertet.
Vielleicht existiert irgendwo im Behördenapparat eine Abteilung mit der Bezeichnung:
Ministerium für kreative Zahlenpflege.
Dort lautet Regel Nummer eins:
Wenn die Wirklichkeit unhöflich wird, bekommt sie einfach eine neue Tabellenüberschrift.
Inflation?
Nein.
"Preisliche Höhenentwicklung."
Wirtschaftliche Probleme?
Unsinn.
"Dynamische Anpassungsphase."
Rezession?
Völlig falscher Begriff.
"Vorübergehende Wachstumspause mit Entwicklungspotenzial."
PowerPoint kann schließlich alles.
Währenddessen beobachtet Wladimir Putin das Geschehen vermutlich mit der Gelassenheit eines Mannes, der seit Jahrzehnten gelernt hat, dass schlechte Nachrichten sich hervorragend dadurch lösen lassen, dass man einfach andere Nachrichten produziert.
In einer idealen Pressemitteilung gewinnt grundsätzlich immer die eigene Seite.
Sollte das einmal nicht funktionieren, wird eben erklärt, dass Gewinnen völlig überschätzt werde.
Auch die politische Opposition scheint derzeit ungefähr dieselben Entfaltungsmöglichkeiten zu besitzen wie ein Schneemann in der Sahara.
Theoretisch vorhanden.
Praktisch zeitlich begrenzt.
Das wiederum sorgt in Europa regelmäßig für hektische Debatten.
Experten analysieren.
Analysten erklären.
Kommentatoren kommentieren die Analysen der Experten.
Anschließend erscheint ein weiterer Experte, der erklärt, warum sämtliche vorherigen Experten die Lage falsch bewertet hätten.
Europa liebt Experten.
Vermutlich existiert bereits ein geheimer Wettbewerb.
Disziplin Nummer eins:
Besorgter Blick in die Kamera.
Disziplin Nummer zwei:
Mit ernstem Gesicht auf eine Landkarte zeigen.
Disziplin Nummer drei:
Den Satz beginnen mit:
"Man darf die Lage keinesfalls unterschätzen."
Goldmedaille garantiert.
Besonders aufmerksam verfolgt Schweden die Entwicklungen.
Das liegt unter anderem daran, dass Landkarten hartnäckig sind.
Sie lassen sich nicht durch optimistische Pressekonferenzen verschieben.
Die Ostsee bleibt dort, wo sie ist.
Gotland beschließt ebenfalls nicht spontan, näher an Spanien zu ziehen.
Und Finnland wird vermutlich auch künftig keinen Antrag stellen, geografisch gegen Portugal ausgetauscht zu werden.
Dummerweise bedeutet Geografie manchmal Verantwortung.
Und Verantwortung bedeutet Sitzungen.
Sehr viele Sitzungen.
In Brüssel dürfte inzwischen täglich irgendwo ein Konferenzraum geöffnet werden.
Großer Tisch.
Kleine Fähnchen.
Kaffee.
Mineralwasser.
Namensschilder.
Anschließend diskutieren Vertreter aus zwanzig Ländern darüber, welche Arbeitsgruppe zunächst die Vorbereitungsgruppe für die Expertengruppe koordinieren soll.
Das Protokoll umfasst anschließend 486 Seiten.
Der wichtigste Beschluss lautet:
"Die Lage wird weiterhin aufmerksam beobachtet."
Damit ist die internationale Diplomatie ihrem wichtigsten Hobby wieder einen Schritt näher gekommen.
Dem Beobachten.
Man beobachtet sich gegenseitig inzwischen vermutlich intensiver als Nachbarn durch den Gartenzaun.
Satelliten beobachten Bewegungen.
Drohnen beobachten Satelliten.
Analysten beobachten Drohnen.
Journalisten beobachten Analysten.
Und am Ende beobachten Millionen Zuschauer Nachrichtensendungen, in denen erklärt wird, wer heute wen beobachtet hat.
Sollte Russland tatsächlich irgendwann seine militärischen Fähigkeiten erneut ausbauen, dürften europaweit wieder sämtliche Alarmglocken läuten.
Nicht nur sprichwörtlich.
Irgendwo wird garantiert sofort eine neue Arbeitsgruppe gegründet.
Mit einem besonders modernen Namen.
Zum Beispiel:
Task Force Strategische Resilienz Plus Ultra 2035.
Ihre erste Aufgabe besteht selbstverständlich darin, ein Logo zu entwerfen.
Denn ohne Logo lässt sich bekanntlich keine geopolitische Herausforderung bewältigen.
Vielleicht liegt genau darin Europas größtes Talent.
Andere Länder bauen Raketen.
Europa baut zunächst einen Ausschuss.
Danach eine Unterkommission.
Dann einen Lenkungskreis.
Zum Schluss einen Evaluierungsbeirat.
Bis dahin wurde bereits die nächste Sitzung terminiert.
Und während all das geschieht, sitzt irgendwo ein schwedischer Geheimdienstchef über einer Karte, ein russischer General über einer anderen Karte und ein europäischer Beamter über einem Kalender.
Alle drei arbeiten am selben Problem.
Nur der Beamte muss zuerst prüfen, ob für die nächste Besprechung überhaupt noch ein Konferenzraum frei ist.
Das ist vermutlich Europas geheime Superkraft.
Selbst im größten geopolitischen Sturm schafft es der Kontinent, zunächst die Tagesordnung abzustimmen.
Und falls wirklich einmal Frieden einkehren sollte, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sofort eine hochrangige Expertengruppe eingesetzt.
Schließlich muss irgendjemand herausfinden, wie es überhaupt dazu kommen konnte.




