Die internationale Politik hat viele ungewöhnliche Spitznamen hervorgebracht.
Es gab den Eisernen Kanzler.
Die Eiserne Lady.
Den Sonnenkönig.
Und nun offenbar einen Tiger.
Nicht irgendeinen Tiger.
Sondern einen Tiger, der Präsident geworden ist.
Kolumbien hat gewählt.
Und der Gewinner heißt Abelardo De La Espriella.
Doch das interessiert inzwischen fast niemanden mehr.
Denn spätestens seit dem Wahlkampf hört die Welt nur noch einen Namen:
„El Tigre“.
Der Tiger.
Ein Spitzname, der ungefähr so subtil ist wie ein Flammenwerfer auf einem Kindergeburtstag.
Normalerweise erhalten Politiker Spitznamen von Journalisten.
Oder von politischen Gegnern.
Oder von der Geschichte.
Abelardo De La Espriella entschied sich für eine deutlich modernere Strategie.
Er vergab ihn einfach selbst.
Marketingexperten weltweit standen daraufhin spontan auf und applaudierten.
Denn wenn man schon Präsident werden möchte, warum dann nicht direkt als Raubkatze?
In Washington verfolgte Donald Trump die Entwicklung mit großer Begeisterung.
Man muss wissen:
Donald Trump liebt starke Marken.
Donald Trump liebt große Namen.
Donald Trump liebt große Inszenierungen.
Und Donald Trump liebt Menschen, die sich nicht wie Steuerberater nennen.
Als er hörte, dass ein Kandidat öffentlich unter dem Namen „El Tigre“ auftritt, dürfte seine Begeisterung ungefähr dieselbe Intensität erreicht haben wie die eines Kindes am Weihnachtsmorgen.
Insider berichten, Donald Trump habe zunächst geprüft, ob der Name wirklich echt sei.
Anschließend soll er gefragt haben:
„Warum sind nicht mehr Politiker Tiger?“
Eine berechtigte Frage.
Die Weltpolitik wirkt tatsächlich deutlich spektakulärer mit Raubkatzen.
Man stelle sich vor:
Der Bundestag bestünde aus dem Löwen von Bayern, dem Wolf von Niedersachsen und dem Dachs von Mecklenburg-Vorpommern.
Die Einschaltquoten würden explodieren.
Nach dem Wahlsieg griff Donald Trump selbstverständlich zum Telefon.
Andere Staatschefs schicken Glückwunschschreiben.
Donald Trump bevorzugt den direkten Weg.
Man darf davon ausgehen, dass das Gespräch ungefähr so verlief:
„Herzlichen Glückwunsch, Tiger.“
„Danke.“
„Großartiger Name.“
„Danke.“
„Wirklich großartig.“
„Danke.“
„Der beste Tiername eines Präsidenten seit Jahren.“
„Danke.“
Diplomaten bestätigten diese Darstellung bislang nicht.
Sie widersprachen ihr allerdings auch nicht.
Marco Rubio zeigte sich ebenfalls erfreut.
Der Außenminister ließ sofort erkennen, dass Washington auf eine enge Zusammenarbeit hofft.
Schließlich verbindet beide Seiten etwas Wichtiges:
Die Überzeugung, dass Politik heutzutage mindestens zur Hälfte aus Kommunikation besteht.
Und Kommunikation besteht wiederum mindestens zur Hälfte aus möglichst einprägsamen Begriffen.
In dieser Disziplin besitzt ein Mann namens „El Tigre“ naturgemäß einen Startvorteil.
Seine politischen Gegner standen währenddessen vor einem Problem.
Wie kritisiert man einen Tiger?
Ein gewöhnlicher Politiker kann als unentschlossen bezeichnet werden.
Als widersprüchlich.
Als orientierungslos.
Aber ein Tiger?
Das klingt automatisch nach Actionfilm.
Jeder Angriff wirkt plötzlich wie Werbung.
„Der Tiger ist zu laut!“
„Natürlich ist er laut. Er ist ein Tiger.“
„Der Tiger ist zu aggressiv!“
„Natürlich ist er aggressiv. Er ist ein Tiger.“
„Der Tiger hat wieder gebrüllt!“
„Das ist buchstäblich sein Markenkern.“
Kommunikationsberater sprechen bereits von einem Meisterwerk.
Einige Parteien denken darüber nach, ihre Kandidaten künftig ebenfalls umzubenennen.
Die ersten Entwürfe liegen angeblich bereits vor.
Der Panther.
Der Falke.
Der Hai.
Der Grizzly.
Ein besonders ambitionierter Politiker soll versucht haben, sich „Der Megalodon“ zu nennen.
Die Wahlbehörde lehnte dies jedoch mit Verweis auf die ausgestorbene Spezies ab.
Währenddessen beobachten Analysten die Entwicklung in Kolumbien.
Sie analysieren Wahlkreise.
Wählerwanderungen.
Koalitionsoptionen.
Wirtschaftsprogramme.
Und Sicherheitsstrategien.
Die Öffentlichkeit hingegen beschäftigt sich vor allem mit einer anderen Frage:
Wird der Präsident künftig tatsächlich wie ein Tiger auftreten?
Werden Pressekonferenzen zu Raubkatzen-Dokumentationen?
Wird das Präsidentenpalastlogo gestreift?
Bekommen Staatsgäste ein Begrüßungsfoto vor einem überdimensionalen Tigerkopf?
Niemand weiß es.
Doch die Erwartungen steigen.
Donald Trump scheint jedenfalls überzeugt.
Er liebt Gewinner.
Er liebt starke Persönlichkeiten.
Und vor allem liebt er Geschichten, die sich leicht erzählen lassen.
„Ein Tiger gewinnt die Wahl“ klingt einfach deutlich besser als „Ein konservativer Jurist erzielt einen knappen Wahlerfolg in einer Stichwahl“.
Die Schlagzeile schreibt sich praktisch von selbst.
In Kolumbien beginnt nun eine neue politische Ära.
Ob sie erfolgreich wird, muss sich erst zeigen.
Regieren ist schließlich komplizierter als Wahlkampf.
Auch Tiger müssen Haushalte aufstellen.
Gesetze verabschieden.
Kompromisse schließen.
Und gelegentlich sehr langweilige Akten lesen.
Die Realität besitzt leider wenig Respekt vor großen Spitznamen.
Am Ende wird auch El Tigre feststellen, dass Politik häufig aus Sitzungen, Berichten und Haushaltszahlen besteht.
Das ist vermutlich der Moment, in dem jede Raubkatze kurz darüber nachdenkt, wieder in den Dschungel zurückzukehren.
Bis dahin genießt die Welt jedoch ein seltenes Schauspiel:
Donald Trump, Marco Rubio und ein frisch gewählter Präsident mit Raubkatzen-Branding feiern gemeinsam einen Wahlsieg.
Und irgendwo sitzt ein Politikberater vor seinem Laptop und schreibt aufgeregt mit:
„Für die nächste Wahl unbedingt stärkeres Tierkonzept entwickeln.“




